Politik | Ausland
24.05.2017

Manchester: Der stille Bub, der zum Bomben-Packesel abgerichtet wurde

Nach dem Blutbad von Manchester wird immer klarer, dass der 22-jährige Abedi den Anschlag nicht alleine plante. Es gibt erste Verhaftungen und viele Spuren.

Still, ein bisschen schüchtern, ein begeisterter Fußballer, der eigentlich lieber Marihuana als hetzerische Predigten irgendwelcher Islamisten konsumierte: Das Bild von Salman Abedi, dem Massenmörder von Manchester, erinnert fatal an jenes vieler der jungen Terroristen, die in Europa in den vergangenen Jahren Blutbäder angerichtet haben.

Sehr rasch wurde am Tag nach dem Anschlag deutlich, dass der 22-Jährige nicht allein gehandelt hat. Viel zu kompliziert sei die Konstruktion der mit Nägeln gespickten Sprengstoffweste, um von einem Einzeltäter ohne technische Expertise gebaut worden zu sein. Die Jagd nach Helfern und Hintermännern läuft auf Hochtouren. Nach einer ersten Festnahme Stunden nach dem Attentat – vermutlich handelte es sich um Salmans Bruder Ismail– stürmte die Polizei am Mittwoch eine Wohnung im Süden der Stadt und nahm dort drei weitere Verdächtige fest – allesamt gebürtige Libyer oder, wie Salman selbst, deren Kinder.

Der jüngere Bruder wurde am Mittwoch in der libyschen Hauptstadt Tripolis von einer Anti-Terror-Einheit festgenommen. Er werde verdächtigt, Verbindungen zur Islamisten-Miliz IS zu haben, teilte ein Sprecher der Sicherheitsbehörden mit. Am Mittwochabend wurde in der nahe Manchester liegenden Stadt Wigan eine fünfte Person festgenommen, die ein Päckchen bei sich hatte, das noch untersucht wird.

Tiefgläubiger Vater

Und wieder führt die Suche nach der Identität eines Selbstmordattentäters – wie sie die britischen Medien derzeit im Eiltempo anstellen – in eine abgeschottete Zuwanderer-Gemeinschaft am Rande der Gesellschaft.

Im Falle von Salman sind es die Libyer, die sich in Manchester und Umgebung in den 1980er-Jahren angesiedelt haben. Sie waren vor dem sozialistischen Diktator Gaddafi geflohen, oft auch wegen ihrer Religiosität.

So wie Salmans Vater Abu Ismail, ein tiefgläubiger Moslem, für den auch in Manchester eine Moschee bald wieder zum Lebensmittelpunkt wurde. Fünfmal täglich habe er gebetet, habe dabei auch in der Öffentlichkeit laut Allah angerufen, erinnert man sich dort an ihn. Seine drei Söhne hätten den Koran sehr ordentlich auswendig hersagen können.

Mit radikalen dschihadistischen Bewegungen aber, oder sogar Terroristen, habe Abu Ismail sicher nichts zu tun gehabt, meint man in der Gemeinde.

Zwischen den Welten

Zumindest solange er in Großbritannien blieb. Doch in der harten wirtschaftlichen Realität der kriselnden Industriestadt Manchester fand sich der Libyer nie wirklich zurecht. Über Jahre hantelte er sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob, bis er schließlich vor einigen Jahren nach Libyen zurückkehrte. Die Söhne blieben zurück, ob mit der Mutter, oder bei irgendeinem Verwandten, ist vorerst unbekannt.

Von da an kommt Salman offensichtlich vom Weg ab. War er vorher – wie sich ein Bekannter erinnert – "ein stiller respektvoller" Bub gewesen , bemerken Moscheebesucher plötzlich das "hasserfüllte Gesicht" des inzwischen jungen Mannes, das er aufsetzte, wenn bei einer Predigt oder einem religiösen Gespräch radikale islamistische Bewegungen kritisiert wurden.

Wo der ehemals gute Schüler und begeisterte Fußballer radikalisiert wurde und durch wen, lässt sich vorerst nur erahnen. Denn Salman beginnt nach der Revolution in Libyen mit regelmäßigen Reisen in das Bürgerkriegsland, in dem der IS und andere Terrorgruppen große Regionen kontrollieren. Die Kontakte, die er dort mutmaßlich knüpfte, sollen dort auch seinem eigenen Vater zu radikal gewesen sein. Möglicherweise ist Salman auch nach Syrien gereist, um dort für den IS zu kämpfen.

"Ein anderer Mensch"

Als er schließlich wenige Monate vor dem Attentat nach Großbritannien zurückkehrte, war Salman, der inzwischen auch die Schule abgebrochen hatte, "ein anderer Mensch", so beschreibt ein Bekannter den Heimkehrer gegenüber der New York Times.

Neue Freunde soll er plötzlich gehabt haben, und bald auch eine neue Wohnadresse. Es ist die Gegend, in der am Mittwoch die Polizei die drei weiteren Verdächtigen verhaftete.

Wer ihn tatsächlich auf dem Weg in den Massenmord begleitete, ihn sogar anstiftete, ist vorerst unklar. Umso klarer aber scheint, dass Salman nicht alleine zum Terroristen wurde. Selbst der britische Innenminister Amber Rudd meinte, Salman habe wahrscheinlich nicht alleine gehandelt, die Bombe sei dafür viel zu kompliziert. Noch deutlicher macht die Rolle des 22-Jährigen ein Terrorexperte in der BBC: "Er war ein fach ein Packesel, der eine Bombe trug, die jemand anderer gebaut hatte."

Manchester-Anschlag: Was wir derzeit wissen - und was nicht

WAS WIR WISSEN

* Die Tat: Nach Angaben der Polizei brachte ein männlicher Täter am Montagabend gegen 22.30 Uhr Ortszeit einen selbstgebauten Sprengsatz zur Explosion, als die Besucher nach einem Konzert die Halle verließen. Er kam dabei ums Leben.

* Der Täter: Die Polizei identifizierte den Mann als Salman Abedi, 22 Jahre alt. Er war den britischen Sicherheitsbehörden bekannt, wie Großbritanniens Innenministerin Amber Rudd sagte. Nachbarn zufolge war die aus Libyen stammende Familie streng gläubig und in der Moschee engagiert. * Das Netzwerk: Die britischen Ermittler gehen inzwischen eindeutig von einer Gruppe rund um den Attentäter Salman Abedi aus. "Ich glaube, es ist ganz klar, dass es sich um ein Netzwerk handelt, dem wir nachgehen", sagt der Polizeichef von Manchester, Ian Hopkins.

* Die Verdächtigen: Die Polizei hat am Dienstag einen 23 Jahre alten Mann und am Mittwoch vier weitere Männer in Manchester festgenommen.

* Die Opfer: Laut Polizei wurden bei der Explosion mindestens 22 Menschen und der Täter getötet, unter den Opfern waren Kinder und Jugendliche. Das jüngste bekannte Todesopfer war acht Jahre alt. Mindestens 59 Menschen wurden verletzt in Krankenhäuser gebracht, viele davon lebensgefährlich. Viele weitere Opfer wurden rund um den Anschlagsort von Helfern versorgt.

* Der Tatort: Die Manchester Arena ist eine Multifunktionsarena mit mehr als 21,000 Plätzen, die häufig für Konzerte genutzt wird. Am Montagabend spielte die US-Musikerin Ariane Grande dort ein Konzert ihrer "Dangerous Woman"-Tour. Die Explosion ereignete sich im Eingangsbereich der Halle.

* Die Reaktion der Politik: Premierministerin Theresa May und Herausforderer Jeremy Corbyn unterbrachen den Wahlkampf für die Parlamentswahl am 8. Juni. Die konservative Partei von Premierministerin Theresa May und die Labour-Partei von Jeremy Corbyn wollen ihre landesweiten Wahlkampagnen an diesem Freitag fortsetzen. In Großbritannien gilt nun die höchste Terrorwarnstufe.

WAS WIR NICHT WISSEN

* Die Opfer: Viele Details zu den Opfern, etwa wie viele Kinder getötet und verletzt wurden, sind noch unklar.

* Das Motiv: Warum genau der Täter das Attentat beging und ob er absichtlich das Konzert mit vielen jungen Besuchern als Ziel auswählte, ist offen.

* Der IS-Kontakt: Vieles deutet darauf hin, dass der Täter in Verbindung zur Terrormiliz IS stand. Frankreichs Innenminister Gérard Collomb nennt das unter Berufung auf britische Ermittler "erwiesen", seine britische Amtskollegin Amber Rudd widerspricht aber. Collomb zufolge reiste Abedi vor dem Anschlag nach Libyen und wohl auch nach Syrien, in beiden Ländern ist der IS aktiv. Die Terrormiliz hatte den Täter als ihren "Soldaten" bezeichnet.

* Die Verdächtigen: In welcher Beziehung die fünf Festgenommenen zum Täter und zueinander standen, teilte die Polizei zunächst nicht mit. Laut BBC soll einer der Männer Abedis Bruder sein.