Terror in Brüssel
03/23/2016

Warum der "Islamische Staat" Europa angreift

Europa ist das Zentrum des islamistischen Terrors in der westlichen Welt. Eine Suche nach dem Warum.

Ist der islamistische Terrorismus ein rein europäisches Problem? Nein, aber in der westlichen Welt steht seit einiger Zeit Europa im Fokus. Dafür gibt es einige Gründe. Eine Annäherung.

Geographische Nähe und Rekrutierung

Alleine aus Belgien sollen zwischen 2012 und 2015 über 400 Menschen nach Syrien gereist sein und für den "Islamischen Staat" gekämpft haben. Das macht Belgien, im Verhältnis zur Bevölkerung, zur Dschihad-Hauptstadt Europas. Geht es nach den absoluten Zahlen, übernimmt Frankreich mit 1200 Personen diese Position.

Die Rekrutierung funktioniert zweifellos gut bei desillusionierten Muslimen bzw. Konvertiten.

Probleme mit radikalen Islamisten gibt es in beiden Ländern seit Langem. Der Name des Brüsseler Stadtteils "Molenbeek" ist zum Synonym dieses Problems geworden. Die Rückkehrer finden in ihrer Heimat ein Netz von Freunden und Unterstützern, die ihnen nicht nur Unterschlupf, sondern auch Waffen und Sprengstoff besorgen - sonst hätte sich Salah Abdeslam keine vier Monate dort verstecken können.

Das alles zeigt aber auch ein Problem, das niemand lösen kann: Die geographische Lage Europas und die Nähe zu Krisenstaaten im Nahen Osten. Es ist für potentielle Terroristen nicht schwer, nach Syrien und retour zu reisen. Zwischen Syrien und den USA liegt beispielsweise ein ganzer Ozean, zwischen Wien und Damaskus sind es 3000 Kilometer beziehungsweise laut Google Maps eine 32-stündige Autofahrt.

"Islamischer Staat" sucht die Öffentlichkeit

Seit dem Anschlag auf das Jüdische Museum Brüssel im Mai 2014 starben mehr als 180 Menschen nach terroristischen Aktionen. Bekannte sich nicht der "Islamische Staat" selbst dazu, holten sich die Attentäter zumindest ihre Inspiration von der Terrororganisation. Weltweit gibt es bisher über 75 Anschläge in zwanzig Staaten mit knapp 1300 Opfern.

Der "Islamische Staat" ist eine globale Terrororganisation geworden und versucht immer mehr, abseits von Syrien und dem Irak Fuß zu fassen. Dort haben sie seit Jänner 2015 ungefähr 22 Prozent des von ihnen kontrollierten Territoriums verloren, acht Prozent allein in den letzten drei Monaten. Sie suchen eine mediale Öffentlichkeit, damit sie langfristig nicht in der Versenkung verschwinden, analysiert das Time-Magazin.

Damit dies gelingt, müssen Medienmacher und -konsumenten dort erreicht werden, wo diese ihren Lebensmittelpunkt haben, also in der westlichen Welt. Anschlagsorte müssen bekannt und nahe sein, ansonsten verkümmert ein Anschlag zu einer Randnotiz. Das weiß auch der "Islamische Staat".

Flüchtlingskrise und Abgrenzungspolitik

Mehr als eine Million Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr nach Europa. Ein Glück für den "Islamischen Staat", denn mit der Ablehnung manch führender Politiker beziehungsweise mit der Ankündigung von zum Beispiel Polen oder Bulgarien, nur christliche Flüchtlinge aufnehmen zu wollen, sehen sich desillusionierte Muslime bestätigt und übergeben ihr Leben der Terrororganisation.

Zusätzlich will der "IS", dass Flüchtlinge und Terroristen von den Europäern in einen Topf geworfen werden. Und bisher haben sie erschreckend viel Erfolg damit.

Europas Einheit bröckelt

Durch die Terroranschläge und die Flüchtlingskrise bröckelt die Einigkeit Europas. Angela Merkels eckt mit ihrer Flüchtlingspolitik fast überall an. Und auch der Deal mit der Türkei wird kritisiert. Das Time-Magazin schreibt dazu: "Die Ängste der Europäer steigen beim Gedanken, dass weitere 76 Millionen Menschen aus einem muslimischen Land frei einreisen können" – ob diese Ängste nun berechtigt sind, sei dahingestellt. Sie sind da.

Plakativ zeigt sich das Auseinanderdriften der europäischen Einheit aber beim Blick auf Schengen. Bereits seit letztem Sommer ziehen immer mehr Länder – darunter auch Österreich – die Grenzen zu den Nachbarn wieder hoch. Schengen ist und war das engagierteste Projekt der Europäischen Union und das Zeichen schlechthin für den Zusammenhalt.

EU-Ausstieg

Ein weiteres Anzeichen für den bröckelnden Zusammenhalt ist das Referendum über Englands EU-Austritt. Damit stehen die Briten aber nicht alleine da. Umfragen zufolge wollen 53 Prozent der Franzosen und mehr als 45 Prozent der Deutschen, Spanier und Schweden den Briten folgen und ebenfalls über einen EU-Austritt abstimmen lassen.

Das alles gibt dem "Islamischen Staat" allen Grund, Europa zu destabilisieren. Leider haben sie auch genug Möglichkeiten. Und deshalb ist Europa auch das Hauptziel für Terroranschläge der Terrororganisation.

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