Kein Recht mehr auf Teilzeit? Merz und das Arbeitszeitproblem

Deutschland  und auch Österreich fehlen die Fachkräfte.
Die "Lifestyle-Teilzeit" ist der Union ein Dorn im Auge. Doch die Debatte geht an den eigentlichen Problemen vorbei.

Kurz nach der gewonnenen Bundestagswahl im Vorjahr versprach Friedrich Merz gegenüber der Welt: "Eine von mir geführte Bundesregierung wird die strukturellen Probleme unseres Standortes Schritt für Schritt lösen. Deutschlands Wirtschaft muss wieder wachsen."

Viel zu sehen ist davon noch nichts: Trotz schuldenfinanzierter Staatsaufträge stagniert das BIP; US-Zölle, wenn auch zurückgenommen, könnten jederzeit wieder angedroht werden, und trüben die Stimmung, analysiert das Münchner Ifo-Institut.

Die düstere, wirtschaftliche Bilanz macht Kanzler Merz zu schaffen. Für ihn scheint das Problem klar: Die Deutschen arbeiten zu wenig. Zuletzt verlangte Merz eine Prüfung der telefonische Krankschreibung, um den Krankenstand einzudämmen. Nun will die parteiinterne Unternehmervereinigung gegen die "Lifestyle-Teilzeit" vorgehen, und den in Deutschland geltenden Rechtsanspruch auf Teilzeit-Anstellungen begrenzen. Nicht nur bei der Opposition aus Grüne und Linke, den Gewerkschaften und dem Koalitionspartner SPD, selbst in der CDU stieß der Vorschlag auf Unverständnis: Der sozialliberale Flügel erinnerte, es brauche bessere Rahmenbedingungen bei Kinderbetreuung und Pflege, damit mehr Menschen und vor allem Frauen in Vollzeit arbeiten könnten.

Teilzeitquote auf Rekordhoch

Tatsächlich waren im September 2025 so viele Menschen wie noch nie in Teilzeit-Beschäftigungen, nämlich 40,1 Prozent (in Österreich: 30,9 Prozent). Fast jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet nicht Vollzeit – während es bei Männern nur jeder neunte ist. Genauso unterschiedlich sind laut Statistischem Bundesamt die Gründe für Teilzeit: Während fast 30 Prozent der Frauen Betreuungspflichten angeben, tun das nur sieben Prozent der Männer. Dafür arbeiten 20 Prozent der Männer aufgrund einer Aus- oder Weiterbildung in Teilzeit, während das bei den Frauen acht Prozent betrifft.

Die Zahl jener, die freiwillig Teilzeit arbeiten und es sich das leisten können, also jene, die aus Sicht der CDU demnach in die Kategorie "Lifestyle-Teilzeit"-Beschäftigte fallen, dürfte zudem kleiner ausfallen als gedacht: Rund 27 Prozent der Teilzeiterwerbstätigen geben an, nicht Vollzeit arbeiten wollen. Dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge ist die Bereitschaft, mehr zu arbeiten, bei über zwei Drittel der Teilzeit-Beschäftigten da, und bei unter 30-Jährigen tendenziell sogar größer als bei älteren Arbeitnehmern über 55 Jahren.

Das IW empfiehlt Steueranreize, eine Senken der Sozialabgaben, Homeoffice-Möglichkeiten und flexible Arbeitszeiten als Anreize, statt an rechtlichen Ansprüchen zu rütteln.

Doch die eigentliche Herausforderung der Bundesrepublik ist eine andere: Es fehlen Fachkräfte. Bis zum Ende von Merz Amtszeit werden rund zwei Millionen Menschen mehr in Pension gehen, als junge Beschäftigte nachrücken. Schon jetzt fehlen in der Bundesrepublik mehr als eine halbe Million qualifizierte Pflegekräfte, Installateure, Ingenieure und Softwareentwickler. Ihnen gegenüber steht eine Rekordzahl von Insolvenzen: Über 17.600 und 170.000 Arbeitsplätze waren es 2025; heuer wird sogar eine noch höhere Zahl wie während der Finanzkrise erwartet.

Die große Herausforderung ist, die Fachkräfte, die auf dem Arbeitsmarkt landen, auf die offenen Stellen umzuschulen. Für die Unternehmen sei es jedenfalls besser, eine Teilzeitkraft einzustellen, als eine Stelle unbesetzt zu lassen, sagt der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher: "Eine Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit würde vielen Unternehmen und der deutschen Wirtschaft großen Schaden zufügen." Er erwartet, dass die Beschäftigung dann eher zurückgehe und sich der Fachkräftemangel erhöhe.

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