Kanzler Merz sind die Deutschen zu oft krank
"Können wir uns mal darüber unterhalten, wie wir bessere Anreize setzen, zur Beschäftigung zu gehen und nicht krank zu sein?" Die Aussage von Kanzler Friedrich Merz erhitzt – wieder einmal – die Gemüter der Bundesrepublik. Die deutschen Arbeitnehmer meldeten sich zu häufig krank – und das möglicherweise, ohne es auch wirklich zu sein, ließ Merz durchklingen: "Ist das wirklich notwendig?"
Spätestens zum Grippe-Hoch in den Wintermonaten wird die Debatte aus der Schublade geholt: Die Deutschen seien "Weltmeister bei Krankmeldungen", schrieb im Vorjahr das Handelsblatt, "Sind wir faul oder einfach nur fertig?", fragte die Bild. Rund 15 Krankentage waren es pro Person 2024 – genauso viele wie in Österreich –, und deutlich mehr als noch vor ein paar Jahren. 2007 gilt als das Referenzjahr, zu dem viele gerne zurück würden: Damals waren es durchschnittlich acht Fehltage pro Arbeitnehmer.
Die Bundesrepublik ist knapp bei Kasse, und Krankentage kosten Geld. Seit 2010 haben sich die Entgeltfortzahlungen auf 82 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Der Bundesrepublik entgehen pro Jahr rund 230 Milliarden Euro durch die wegfallende Wirtschaftsleistung – indirekte Kosten, wie Verzögerungen von Projekten oder Mehrbelastung für Mitarbeiter, nicht einkalkuliert.
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz.
Telefonische Krankschreibung
Für Merz ist der Grund des Übels klar: die telefonische Krankschreibung, eingeführt während der Corona-Pandemie. In Österreich ist sie nur mehr bei Corona-Erkrankten und Verdachtsfällen möglich, und liegt im Ermessen des Arztes; in Deutschland wurde sie beibehalten. Die deutschen Hausärzte stellen sich gegen eine Abschaffung und warnen, dass sich künftig "wieder unzählige Patienten ohne Not in die Praxen schleppen". Für telefonische Krankmeldungen gelten genaue Regeln: Der Patient muss der Praxis persönlich bekannt sein, die Krankschreibung darf maximal fünf Tage betragen. Überhaupt dürfe die Zahl der "Missbräuche" relativ gering sein – gerade mal maximal 1,5 Prozent aller Krankschreibungen erfolgen in Deutschland telefonisch.
Ein anderer Grund für die gestiegene Zahl an Krankenstandtagen ist laut Medizinern mitunter ein gestiegenes Gefährdungsbewusstsein seit der Pandemie. Ab wann ist man zu krank, um zu arbeiten, und wie groß ist die Gefahr, andere anzustecken?
International Spitzenreiter
In der Tat ist Deutschland in internationalen Statistiken aber Spitzenreiter bei Krankenstandtagen. Die OECD wies 2022 sogar durchschnittlich 25 Tage pro Person aus. Ihre Berechnung inkludiert bereits den ersten und zweiten Tag der Krankmeldung, die deutsche Statistik beginnt erst ab dem dritten, meldungspflichtigen Tag (in Österreich stimmen die Berechnungsweisen der OECD und der Statistik Austria überein). Dass ähnlich wirtschaftsstarke und wohlfahrtsstaatliche Länder wie Schweden (11 Tage) oder Frankreich (14) deutlich weniger Krankenstandtage aufweisen, liegt auch daran, dass Fehltage hier zum Teil unbezahlt sind und damit nicht in die Zählung einfließen. Die wenigsten Fehlzeiten weisen Ungarn und Litauen (9 Tage) und Bulgarien (6 Tage) auf.
Nur neun europäische Länder haben während der ersten Krankenstandtage eine 100-prozentige Lohnfortzahlung: Neben Deutschland und Österreich sind das Belgien, Dänemark, Finnland, Litauen, Luxemburg, Malta und Norwegen.
Die Wiedereinführung solcher "Karenztage" wird auch in Deutschland immer wieder diskutiert. Unbezahlte Fehltage wurden in den 1970ern bundesweit abgeschafft. Befürworter argumentieren mit geringeren wirtschaftlichen Kosten und weniger "Anreizen", sich krank zu melden; vor allem Arbeitnehmervertreter warnen, dass Beschäftigte dann aus finanziellen Gründen krank zur Arbeit kommen und Erkrankungen verschleppt würden. "Krank sein muss man sich dann leisten können", so die Kritik: Die Abschreckung treffe gerade Geringverdiener, die teils schwere, körperliche Arbeit verrichten und einem höheren Verletzungsrisiko ausgesetzt sind.
Eine Studie des Max-Planck-Instituts legt sogar nahe, dass sich "moderate" Fehlzeiten und ein Auskurieren bei Krankheit positiv auf den Umsatz eines Unternehmens auswirken können – sogar eher als eine hundertprozentige Anwesenheit.
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