Tawakkol Karman während eines Protestmarsches in Sanaa.

© REUTERS/Khaled Abdullah

Jemen
10/20/2016

Tawakkol Karman: "Der Westen hat uns verraten"

Die jemenitische Friedensnobelpreisträgerin Tawakkol Karman über Islam, die Rechte von Frauen und den Arabischen Frühling.

von Stefan Kaltenbrunner

In Europa wird derzeit über ein Burka- und Niqab-Verbot diskutiert. Wie stehen Sie zu diesen Kleidungsstücken?

Ich appelliere immer wieder an muslimische Frauen, dass sie ihr Gesicht nicht verhüllen sollen, da es der Islam nicht vorschreibt. Das Tragen des Niqab behindert Frauen, an der Gemeinschaft und am öffentlichen Leben teilzuhaben. Ich bin aber dagegen, dass man Frauen dazu zwingt, den Niqab nicht zu tragen, genau so wie ich dagegen bin, dass man es ihnen vorschreibt. Beides ist ein Angriff auf die persönliche Freiheit von Frauen. Ich selbst trage ein locker gebundenes Kopftuch.

Haben Frauen im Islam weniger Rechte als Männer?

Der Islam ist eine Religion der Gerechtigkeit und garantiert Frauen ihre Rechte genauso wie Männern. Das Problem sind autokratische Regime und Diktaturen, die alle elementaren Bürgerrechte von Männern und Frauen beschneiden. In solchen Staaten leiden Frauen doppelt unter diesen Ungerechtigkeiten. Dazu kommen altertümliche Traditionen und falsche religiöse Interpretationen des Islam von fehlgeleiteten Gelehrten, die den Despoten und Tyrannen die Legitimation verschaffen, Frauen ihrer Rechte zu berauben, um sie zu unterdrücken.

Wie interpretieren Sie die gegenwärtige Diskussion über den Islam in Europa?

Das hat natürlich viel mit einer generellen Islamfeindlichkeit zu tun. Aber Europa sollte sich der Verteidigung seiner grundlegenden westlichen und demokratischen Werte besinnen, die auch das Recht auf religiöse Freiheit beinhalten. Der Westen ist aufgefordert, unseren Kampf für Freiheit und Demokratie gegen die Tyrannei und den Terror zu unterstützen. Und wir müssen in die Bildung investieren, vor allem von Frauen, sie müssen davon überzeugt werden, dass der Niqab nicht islamisch und kein Dresscode für ihren Glauben ist. Aber der Westen hat uns in vielerlei Hinsicht verraten, als er nach den Umstürzen im Jemen oder in Ägypten Gegenrevolutionen und Putsche duldete und unterstützte und darunter leiden wir bis heute.

Das heißt, der Westen hat im Nahen Osten versagt und trägt eine Mitschuld?

Der syrische Diktator Bashar al-Assad wurde vom Westen unterstützt, seine Verbrechen gegenüber seinem Volk wurden vor der Revolution über Jahrzehnte geduldet, das Gleiche galt auch für die Despoten im Irak, dem Jemen oder in Ägypten. Jetzt zeigt sich der Westen überrascht, dass die Menschen fliehen und um Asyl ansuchen und hat Angst, dass der Terror exportiert wird. Die Strategie, die Autokraten in der Region über Jahrzehnte zu stützen, ist nicht aufgegangen. Flüchtlinge sind keine Verbrecher, sondern Opfer, sie fliehen vor Krieg und Terror.

Aber die islamistisch motivierten Terroranschläge und die Flüchtlingswelle haben in Europa große Ängste ausgelöst. Verstehen Sie diese Sorgen?

Auch die Angst vor Religionen ist eine Form von Extremismus, und ich glaube nicht, dass diese Ängste von der Mehrheit getragen, sondern von einzelnen fanatischen Gruppen geschürt und ausgenutzt werden. Ich trete dafür ein, dass die Probleme im Nahen Osten grundlegend gelöst werden. Wir müssen den Krieg, den Terror und die Despoten in diesen Ländern bekämpfen und beseitigen, dann wird es auch keine Flüchtlinge, keine Armut, keine Korruption und auch keine Gewalt mehr geben.

Im Jemen gelingt das seit Jahren nicht, es tobt ein blutiger Bürgerkrieg. Saudi-Arabien bombt das Land in die Steinzeit zurück. Gibt es Hoffnung für Frieden?

Man muss die Fakten korrekt wiedergeben. Die arabische Koalition unter Führung von Saudi-Arabien, die im Jemen Angriffe fliegt, ist das Resultat eines Putsches des Ex-Präsidenten mithilfe der vom Iran unterstützten Houthi-Rebellen. Dieser faschistische Staatsstreich war gegen einen friedlichen Regimewechsel gerichtet.

Und: gibt es Hoffnung für einen Frieden?

Ja, es gibt Hoffnung, wir haben einen nationalen Friedensplan ausgearbeitet. Ich plädiere für einen Waffenstillstand auf unbestimmte Zeit mit dem Ziel einer Übergangsregierung unter Aufsicht der Vereinten Nationen zu bilden. Die Houthis würden hier mitpartizipieren unter der Bedingung, dass sie kapitulieren und ihre Waffen abgeben. Und es muss das Vermögen des früheren Präsidenten Ali Abdullah Saleh eingefroren und seine 2012 garantierte Straffreiheit aufgehoben werden.

Ist der Arabische Frühling gescheitert? Außer Tunesien ist keinem anderen Land ein friedvoller Übergang gelungen.

Über den Arabischen Frühling jetzt zu urteilen, ist zu früh, allen großen Revolutionen folgte eine Konterrevolution. Aber unser Weg ist noch lange nicht zu Ende, am Ende wird das Volk über Frieden und Freiheit entscheiden.

Welche Fehler wurden von den oppositionellen Kräften nach den Umstürzen begangen?

Viele, der größte war sicherlich, dass sich die unterschiedlichsten Gruppen, die für die Freiheit kämpften, nach den Umstürzen nicht zu einer Einheit formieren konnten und eigene Interessen verfolgten. Es gab keine Organisationen, um zum Beispiel der Jugend, die maßgeblich an den Revolutionen beteiligt war, eine politische Heimat zu geben. Diese Schwäche und diesen rechtsfreien Raum haben die alten politischen Kräfte für sich ausgenutzt und die Staaten ins Chaos gestürzt. Dazu kommt, dass der Westen die Aktivisten des Arabischen Frühlings wie eingangs erwähnt im Stich gelassen und Militärputsche und Konterrevolutionen zugelassen hat. Ich meine nicht die Menschen oder NGOs, sondern die Regierungen. Das ist eine große Schande und darf nicht verschwiegen werden.

Islamisch geprägten Ländern wird oft die Fähigkeit zur Demokratie abgesprochen, die sozialen Strukturen, altes Clan- und Stammesdenken wären dafür nicht geeignet. Ist diese Annahme korrekt?

Das wurde über viele Staaten gesagt, die über Jahrzehnte unter Diktaturen leiden mussten. Der Aufbau von demokratischen und neuen gesellschaftlichen Strukturen braucht seine Zeit, ich bin mir sicher und arbeite hart daran, dass der Arabische Frühling wieder aufflammen wird. Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir für die Freiheit unserer Völker weiterkämpfen werden.

Würden Sie heute etwas anders machen?

Nein, ich lebe meinen Traum, für die Freiheit zu kämpfen. Es gibt nichts Größeres als das.

Zur Person: Tawakkol Karman

Sie galt als das weibliche Gesicht des Arabischen Frühlings, die jemenitische Freiheitskämpferin Tawakkol Karman. Während des Arabischen Frühlings im Jahr 2011 organisierte die heute 37-jährige Journalistin Demonstrationen und rief zum Sturz des Langzeit-Diktators Ali Abdullah Salih auf. Karman wurde mehrmals verhaftet, eingesperrt und wieder freigelassen. Ihre Verhaftung löste Massenproteste aus. Nach ihrer Freilassung harrte sie wochenlang in einem Zelt am Tahrir-Platz mitten in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa aus und führte die Proteste an, die Anfang 2012 zu einem Regimewechsel führten. Für ihre Aktivitäten wurde sie 2011 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Kritik muss sie sich indes wegen ihrer Mitgliedschaft bei al-Islah, dem jemenitischen Arm der in den 1920ern in Ägypten gegründeten Moslembruderschaft, gefallen lassen. Angeführt wurde al-Islah von Abdul Majeed al-Zindani, der von den USA als Terrorist gesucht wird. Er galt als Kontaktmann zur al-Qaida.

Der Arabische Frühling hat nur in Tunesien einen demokratischen Wandel gebracht, Libyen, Syrien und der Jemen versinken seitdem in Chaos und Bürgerkrieg, Ägypten kehrte in eine dunkle Diktatur zurück. Karman musste den Jemen verlassen, sie tourt heute um die Welt und setzt ihre Friedensbemühungen fort.

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