Taliban gegen Pakistan: Von Verbündeten zu Feinden
Taliban-Soldaten transportieren einen Raketenwerfer in einem Fahrzeug nahe der Grenze zu Torkham.
"Unsere Geduld ist nun am Ende", ließ der pakistanische Verteidigungsminister Khawaja Muhammad Asif am Freitagmorgen wissen. Sein Land befinde sich nun in einem "offenen Krieg" mit Afghanistan, nachdem Islamabad nach Angriffen im ganzen Land Luftangriffe auf Kabul gestartet hat.
In der Vergangenheit waren Pakistan und Afghanistan zeitweise Verbündete, die Taliban Hoffnungsträger für Islamabad. Zuletzt eskalierte die Gewalt an der umstrittenen Grenze. Beobachter sprechen von den schwersten Kämpfen seit mehreren Monaten. Die Angst, dass Afghanistan wieder ein Hort und Unterstützer terroristischer Gruppierungen wird, ist groß.
Was passiert gerade zwischen Pakistan und Afghanistan?
In der Nacht auf Freitag haben afghanische Taliban pakistanische Grenzposten bombardiert. Daraufhin griff Pakistan die afghanische Hauptstadt Kabul und die Stadt Kandahar an, wo sich der Taliban-Oberführer Hibatullah Akhundzada aufhält, und erklärte der Taliban-Regierung den offenen Krieg.
Stand Freitagmittag: über 228 tote afghanische Taliban-Kämpfer, besetzte und zerstörte Taliban-Stützpunkte – auf der anderen Seite über 50 tote pakistanische Soldaten und eingenommene Grenzübertritte. Hunderte Menschen, darunter Zivilisten, sollen verletzt worden sein. Beide Seiten weisen die Behauptungen zurück.
Warum kam es zu den Angriffen?
Im Vorjahr erlebte Pakistan eine Gewaltwelle: Schießereien, Luftangriffe, Selbstmordattentate. Fast 4.000 Menschen wurden getötet. Pakistan ist laut globalem Terrorismusindex nach Burkina Faso das am zweitstärksten von Terrorismus betroffene Land der Welt. Die Regierung spricht von "unwiderlegbaren Beweisen", dass Extremisten aus Afghanistan dahinter steckten. Im Oktober war eine Waffenruhe vereinbart worden, die jedoch vor allem im Grenzgebiet nicht eingehalten wurde.
Was sind die Gründe für den Konflikt?
Seit jeher sorgt die 2.400 Kilometer lange Grenze zwischen den zentralasiatischen Ländern für Kämpfe. Die sogenannte "Durand-Linie" (benannt nach dem britischen Außenminister der indischen Verwaltung, Henry Mortimer Durand) entstand 1893 zwischen dem damaligen Britisch-Indien (Pakistan wurde 1947 unabhängig) und dem Emirat Afghanistan. Afghanistan erkennt die Grenze nicht an. Trotzdem sind beide Handelspartner, Pakistan für Afghanistan ein wichtiges Transitland.
In der bergigen Grenzregion auf pakistanischer Seite lebten seit jeher afghanische Ethnien und Stämme, die für eine Angliederung an Afghanistan waren. Während der sowjetischen Besatzung zogen sich Widerstandskämpfer in die Region zurück, nach 2001 auch viele Taliban-Kämpfer und später Al-Qaida-Terroristen. 2007 gründeten sich hier die Tehrik-i-Taliban Pakistan, die pakistanischen Taliban (TTP), aus mehreren islamistisch-fundamentalistischen Gruppen.
Pakistan hat eigentlich gehofft, dass die Taliban in Kabul die TTP-Milizen mäßigen und nicht unterstützen würden. Die Terroristen in Afghanistan bestreiten eine Unterstützung.
Welche Konflikte gibt es innerhalb der Bevölkerung?
Pakistan beherbergt seit Jahrzehnten eine große Zahl afghanischer Flüchtlinge, bis zu zwei Millionen waren es Anfang 2026. Doch die Regierung will diese seit jeher loswerden. Viele afghanische Flüchtlinge haben keinen legalen Status, erleben Diskriminierung oder willkürliche Verhaftungen. Immer wieder kommt es zu Abschiebeaktionen und gezwungener "freiwilliger Rückkehr".
Im Vorjahr wurden laut UN-Flüchtlingshilfswerk 2,9 Millionen Menschen nach Afghanistan ausgewiesen (heuer bereits fast 80.000) – darunter Afghanen, die vor Jahrzehnten in Pakistan geboren wurden.
Eine verletzte Frau im Spital in Jalalabad.
Wie stark sind die Taliban in Pakistan?
Die TTP unterscheidet sich von den Taliban in Afghanistan und agiert unabhängig und mit eigenen Interessen – die TTP will eine Autonomie im Nordwesten Pakistans. Beide Gruppen teilen enge ideologische, soziale und sprachliche Verbindungen, beide wollen die Scharia. Die TTP kämpfte an der Seite der Taliban gegen die von den USA geführten Streitkräfte und beherbergte Taliban-Kämpfer.
Pakistan führt immer wieder Militäraktionen entlang der eigenen Grenzseite gegen die TTP durch, doch die Gruppierung gilt heute als die am schnellsten wachsende Terrorgruppe weltweit. Die Führung soll größtenteils von afghanischem Gebiet aus agieren, während die Kämpfer in der Region auf 8.500 Mann geschätzt wird. Die TTP soll auch für das Attentat 2012 auf Malala Yousafzai verantwortlich sein, die Frauenrechtsaktivistin, die später den Friedensnobelpreis erhielt.
Pakistan oder Afghanistan – wer ist militärisch überlegen?
Eindeutig Pakistan. Islamabad verfügt über eine Truppenstärke von 660.000 Mann, hat Tausende gepanzerte Kampffahrzeuge und Artilleriegeschütze, Hunderte Kampfflugzeuge und Hubschrauber – und schätzungsweise 170 Atomsprengköpfe.
Die Taliban zählen 172.000 Kämpfer, der Großteil der gepanzerten Fahrzeuge und Artillerie stammt noch aus der Sowjetzeit, die genauen Zahlen sind unklar. Allerdings haben die Taliban viel Erfahrung in der Guerillakriegsführung, und verfügen auch über von den USA zurückgelassenes Equipment wie Drohnen.
Ein beschädigtes Haus in Pakistan, Bajaur, Khyber Pakhtunkhwa.
Welche Folgen hat die Eskalation für die Region?
Ohne Vermittlungsversuche durch Dritte dürfte der Konflikt weiter eskalieren, vor allem durch Angriffe aus der Luft. Dass pakistanisches Militär in Afghanistan einrückt, ist jedoch unwahrscheinlich. Am Freitag mischten sich die Türkei und Saudi-Arabien mit Vermittlungsversuchen in den Konflikt ein.
Die Eskalation muss auch vor dem Hintergrund des Einflussstrebens der regionalen Großmächte gesehen werden. Da ist zum einen Indien, der Erzrivale Pakistans. Zuletzt haben sich trotz ideologischer Differenzen die islamistischen Taliban und das hindu-nationalistische Indien angenähert.
Indien unterstützt die Taliban mit Weizen, Medikamenten, Impfstoffen und investiert in Infrastrukturprojekte; im Oktober besuchte der Außenminister der Taliban Neu-Delhi. Zum anderen baut China Riesen-Infrastrukturprojekte in Pakistan. Bei den jüngsten, der TTP zugeschriebenen Anschlägen wurden auch chinesische Arbeiter getötet.
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