Welche Staaten fallen ins Gewicht?
Die wichtigsten Abstimmungen finden am Dienstag in Georgia, Ohio und Tennessee statt, denen wegen ihrer hohen Bevölkerungszahl viele der begehrten Delegierten zustehen. Hart umkämpft ist zwischen Romney und Santorum dabei Ohio, ein klassischer "Swing State" mit wechselnden Mehrheiten für Demokraten und Republikaner.

© EPA

Reportage
11/03/2012

„Lügen kann man uns nicht verkaufen“

Im krisengeplagten Industriestaat wird die Präsidentenwahl entschieden. Er spiegelt die USA wider.

von Konrad Kramar

Zusperren war eigentlich die letzte Lösung für Donna, als die Stromrechnung für ihren Imbiss letzten Sommer wieder einmal mehr ausmachte als ihre Ersparnisse. Doch Donna kaufte lieber frische Farbe im Baumarkt und malte aus. Jetzt gibt es eine neue Speisekarte, eine neue Käsebar – und trotzdem die alten Stammgäste. Für sie würde die Welt ohne „Donna’s Diner“ einfach nicht funktionieren. Zumindest die Welt hier, auf dem Hauptplatz von Elyria, einer Stadt im Nordwesten Ohios, um die sich plötzlich die Politik der ganzen Nation dreht.
In Elyria und ein paar ähnlichen Ecken des schwer angeschlagenen Industriestaates soll die Präsidentenwahl entschieden werden: Weil in Ohio das Match zwischen Barack Obama und Mitt Romney bis jetzt unentschieden steht, aber auch weil sich in den elf Millionen Bürgern Ohios die ganze Nation im Kleinen widerspiegelt.

Stockkonservative christliche Sektierergemeinden, wo man sich schon beim Gedanken an einen schwarzen Präsidenten, der für Homo-Ehe und Abtreibung eintritt, bekreuzigt. Elegante Viertel am Rande großer Städte wie Cincinnati, wo die viktorianischen Villen und Gärten so proper dastehen wie die Romney-Fähnchen auf dem Rasen. Armselige Wohnwagensiedlungen und abgewohnte Häuserzeilen mit vielen Afroamerikanern, in denen die Verbrechensrate den Arbeitslosenzahlen hinterherwächst. „Wir haben von allem ein bisschen etwas, und die ganzen Probleme gleich dazu“, das hört man oft.

Motor außer Takt

Angetrieben wird das von einer Industrie, für die Ohio immer Kernland war. Kohle, Eisen, Stahl und natürlich Autos, von Chrysler bis General Motors, das war und ist der Motor des Landes. Doch der läuft seit vielen Jahren unrund und ist in der Krise völlig außer Takt geraten. „General Motors gleich vorne bei der Stadtausfahrt, Ford drüben in Lorain, und dann dieses Riesenwerk in York, die haben Autoteile gebaut“, Donna schüttelt die Chronik des Scheiterns zwischen Kochen, Servieren und Hallo-Sagen aus dem Handgelenk. Vom Nebentisch kommt der Nachsatz, der in Ohio nie lange auf sich warten lässt: „Ist ja alles nach China rübergeschoben worden.“

Die Vergangenheit ist in Elyria übergroß. Die majestätischen Amtsgebäude aus demselben Backstein wie die Kirchen, das Denkmal für die Gefallenen des Bürgerkriegs, die Eisenbahn, die mitten durch die Stadt rattert. Das alles erzählt eine lange, zutiefst amerikanische Geschichte von einer Zeit, als die Firmen immer größer, die Fließbänder immer länger und die gut bezahlten Jobs immer mehr wurden. „Wir waren eine unglaublich lebendige Metropole“, erinnert sich Bürgermeisterin Holly Brinda an ihre Kindheit in den 60er-Jahren: „Da gingen wir noch auf dem Hauptplatz einkaufen, nicht irgendwo draußen in einem Einkaufszentrum.“

Wer in Elyria und so vielen Orten in Ohio dieser Vergangenheit begegnet, stößt auf das amerikanische Idyll, an dem so viele Menschen noch hängen: Die Kleinstadt mit ihren Ritualen vom Football-Team mit seinen Cheerleadern bis hin zur Parade am Unabhängigkeitstag. Fast staunend nimmt man jetzt in Elyria zur Kenntnis, wofür man auf einmal herhalten muss. Natürlich ist man stolz auf die Artikelserie, die die New York Times dem Ort gewidmet hat – als Inbegriff der amerikanischen Kleinstadt. Aber so recht verstehen kann das jemand wie Donna nicht. „Wir sind ja nur so, weil wir gar nicht anders können.“

Straßenkreuzer

Einmal im Jahr trommelt Donna die großen Straßenkreuzer vor ihrem Lokal zusammen, die einst in den heute verfallenden Werken der Stadt gefertigt wurden. Dann tauscht man die Geschichten über all die großen lokalen Erfindungen aus – vom gepolsterten Fahrradsitz bis zum Gummiabsatz für Damenschuhe.
In Elyria war man immer vorne dabei, als Amerika über sich selbst hinauswuchs, und daran versucht man wieder anzuknüpfen. „Da ist unser Stolz, dieses Immer-nach-vorne-Schauen“, macht sich Polizeichef Duane, einer von Donnas Stammgästen, für seine Stadt stark: „Wir müssen uns nur selbst wieder daran erinnern.“

Und wenn „Donna’s Diner“ neue Farbe und eine neue Speisekarte bekommen hat, dann hat die Stadt drei neue Werke von Hightech-Firmen wie der deutschen BASF, eines der modernsten Spitäler in Ohio und eine neu eröffnete Schule. „Die haben wir mit einer freiwilligen Extrasteuer finanziert“, erzählt Bürgermeisterin Holly stolz, „jeder, der auch nur irgendwie konnte, hat bezahlt.“
Es gibt neuen Optimismus in Elyria, zutiefst amerikanisch wie die Auto-Schlachtschiffe, die man hier gebaut hat, zutiefst amerikanisch wie „Donna’s Diner“, das auch die Stromrechnung überlebt hat und der Weihnachtsmarkt, für den man sich heuer nach ein paar dunklen Jahren erstmals wieder die Lichterketten leisten will.

Den großen Versprechen, mit denen die Wahlkämpfer über die Stadt und Ohio hereingebrochen sind, traut man nicht. Weder Obamas Reden von der „Wiedergeburt“ der US-Autoindustrie, noch Mitt Romney, für den sich vielleicht die draußen in den Villenvierteln begeistern. Wer ein halbes Leben am Fließband gestanden ist, vergisst dem Republikaner nie, dass er einmal locker vorschlug, die Autoindustrie in Ohio pleitegehen zu lassen. „Als Arbeiter so einen Millionär zu wählen“, mischt sich ein College-Lehrer vom Nebentisch ein, „da handelt man ja völlig gegen die eigenen Interessen“. – „Ich bin wirklich froh, wenn es vorbei ist“, sagt Donna, „dann kümmern wir uns um die besseren Zeiten, die jetzt kommen werden. Lügen kann man uns in Ohio nicht mehr verkaufen.“

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