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Politik Ausland
08/11/2021

Streik und Streit bei der Deutschen Bahn

Kaum Züge, halb leere Bahnsteige: Wenn jetzt die Lokführer streiken, geht es nicht nur um Tarife, sondern auch um den Zwist zweier Gewerkschaften.

von Sandra Lumetsberger

Vor der großen Anzeigetafel am Berliner Hauptbahnhof, wo sich sonst die Menschen drängen, gab es an diesem Mittwoch nicht viel zu sehen: Eine Zugverbindung ging nach München, eine nach Düsseldorf und Hamburg, dazu ein paar Regionalbahnen. Mehr nicht. Die andere Hälfte der Tafel war leer.

Seit der Nacht zu Mittwoch streikt in Deutschland die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) – 95 Prozent haben zuvor dafür gestimmt. Wer die Webseite der Deutschen Bahn am Mittwochmorgen besuchte, wurde angehalten, seine Reisen möglichst zu verschieben.

Für Berufspendler, Urlaubsrückkehrer oder jene, die noch unterwegs sind – in 11 der 16 Bundesländer sind Schulferien – werden die nächsten Tage beschwerlich. Sie müssen bis Freitagfrüh um 2 Uhr mit Verspätungen und Zugausfällen rechnen.

„Ob wir weiter streiken und wann, entscheiden wir nicht am Freitagmorgen, wenn wir aus dem Streik rausgehen, sondern das entscheiden wir nächste Woche“, sagte Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft, im ZDF. Was ihn und seine Leute antreibt: Ein besseres Angebot bei den Tarifverhandlungen mit der Bahn. Die GDL verlangt eine Einkommenssteigerung von 3,2 Prozent und eine Corona-Prämie von 600 Euro. Die Laufzeit des Tarifvertrags soll 28 Monate betragen. Die Bahn wiederum schlug mit Blick auf die Milliardenverluste während der Pandemie und Flutschäden einen länger laufenden Tarifvertrag und spätere Erhöhungsstufen bei gleicher Prozentzahl vor. Weselsky findet das aber „unanständig lang“ und verweist in Interviews auf die Boni in den Führungsetagen. „Auch unsere Leute haben unter erschwerten Bedingungen gearbeitet. Das verdient Anerkennung“, erklärte er im Interview mit der Zeit. Die Eisenbahnerinnen und Eisenbahner des Landes hätten „die Nase gestrichen voll“.

Harte Worte, die einen anderen Hintergrund haben, so kommuniziert es die EVG (Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft), die sich ebenfalls als Verhandler für das Schienenpersonal versteht. Sie ist mit 184.000 Mitgliedern weit größer als die GDL, die 37.000 Mitglieder hat.

Laut EVG-Chef Klaus-Dieter Hommel gehe es nicht um eine normale Tarifrunde, „sondern um den Existenzkampf der GDL“, wird er in der Welt zitiert. Diese würde sich als oberster Vorkämpfer der Mitarbeiter positionieren, um Mitglieder abzuwerben.

Deren Anzahl spielt bei Tarifverhandlungen eine Rolle: Denn bei der Deutschen Bahn gilt das Tarifeinheitsgesetz. Nach jeder Verhandlung kommt immer der Vertrag zur Anwendung, den die Gewerkschaft mit den meisten Mitgliedern abgeschlossen hat. Den Vorschlag der Bahn, das die Tarife beider Gewerkschaften in einem Betrieb nebeneinander zur Anwendung kommen, lehnt die GDL ab. Von einem „Machtkampf“ will deren Chef Weselsky nichts wissen.

Schwere Vorwürfe

Die EVG befeuert dieses Bild auf ihrer Webseite. Dort ist von „permanenter Hetze“ zu lesen. Die GDL würde den Betriebsfrieden gefährden, heißt es. Die Palette reiche von Sachbeschädigungen, verbalen und schriftlichen Verunglimpfungen, Beleidigungen bis zu körperlichen Übergriffen und Morddrohungen.

Von dem Zores hinter den Kulissen bekommen die Bahngäste im Alltag kaum etwas mit, sofern nicht gestreikt wird. Das große Chaos blieb am Berliner Hauptbahnhof an diesem Mittwoch dennoch aus. Hört man sich unter den Menschen um, sind einige schon darauf vorbereitet gewesen. Statt der S-Bahn, die ebenfalls streikt, hat er den Bus genommen, berichtet ein Reisender. Ein anderer wusste von einem Freund zu erzählen, der deswegen nicht zur Arbeit konnte, „zum Glück gibt’s ja Homeoffice“.

Ratlos wirkt dagegen ein Paar aus dem Ruhrgebiet, das mit seinen Fahrrädern nicht in den ICE darf. Vollgepackt stehen sie in der Eingangshalle, in der Hand einen Zettel mit alternativen Routen. Fünf Mal müssen sie umsteigen, berichtet der Mann: „Na, wenn das mal klappt.“

Darauf hofft auch Zoe aus Berlin, die sich wie viele andere am Infoschalter über ihre bevorstehende Reise erkundigt. „Jeder sollte das Recht haben, zu streiken“, sagt sie, findet aber, dass es Ersatzverbindungen geben sollte. Ihr Zug nach Frankreich sollte morgen von hier abfahren – „ohne Gewähr“.

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