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Porträt
12/07/2019

SPD-Parteivize Kevin Kühnert: Der, den sie fürchten

Der Chef der deutschen Jungsozialisten ist binnen kürzester Zeit vom Parteirebellen zum Parteivize aufgerückt.

von Sandra Lumetsberger

Er stellt sich vor wie ein Neuling, dabei ist er längst keiner mehr: „Mein Name ist Kevin Kühnert, ich bin 30 Jahre alt, ein Berliner Jung’“, sagt der Chef der Jungsozialisten fast am Ende seiner Bewerbungsrede für den Vize-Parteivorsitz. Da haben sie zuvor schon alle geklatscht und gejubelt.

Er stapelt tief, vermutlich bewusst. Jeder hier im Saal der Berliner Messehalle weiß: Kein Juso-Vorsitzender, weder Gerhard Schröder noch Andrea Nahles, hat bisher so viel Einfluss auf die SPD genommen wie er – der Mann, der meist so aussieht, als komme er gerade aus einer Uni-Vorlesung: Sneakers, Jeans, Pulli.

Wann es begonnen hat, dass Kameraleute nicht mehr an ihm vorbeigelaufen sind, sondern ihn verfolgt haben, ist schwer zu sagen. Als frisch gewählter Bundesvorsitzender der Jungsozialisten (Jusos) stellte er sich 2017 gegen eine Große Koalition (GroKo). Und wurde das Gesicht einer No-GroKo-Bewegung. Die Gemeinsamkeiten von SPD und Union seien verbraucht, sagte er damals über die schlechten Wahlergebnisse in dieser Konstellation. Er wolle, „dass verdammt noch einmal was übrig bleibt von dem Laden“, rief er am Sonderparteitag 2017, wo die SPD über Verhandlungen mit der Union abstimmte.

Das Votum der Delegierten war schließlich knapp (56,4 Prozent), das der Mitglieder deutlich: 66 Prozent wollten Schwarz-Rot. Das schien er zu akzeptieren, blieb aber kritisch. Im Willy-Brandt-Haus erkannte man, dass es besser ist, ihn einzubinden. Er saß fortan nicht nur in Talkshows und gab Interviews, er machte Wahlkämpfe mit, aber keinen Hehl daraus, dass die SPD ihr Profil schärfen muss – inner- oder außerhalb der Koalition. Für künftige neue Mehrheiten mit anderen Partnern.

Das griff er auch in seiner Parteitagsrede auf, die rhetorisch nicht mehr nach interner Opposition, sondern staatstragend klang. Kühnert ist real- und machtpolitisch versiert genug, um zu wissen, dass ein sofortiger Ausstieg ohne triftige Argumentation ungeahnte Folgen hätte. Das hat er so auch in der Rheinischen Post gesagt, was ihm als „Kehrtwende“ ausgelegt wurde. Er wies das scharf zurück. Vergangenen Mittwoch saß er im Interview bei „Maischberger“.

Während er vor zwei Jahren noch zu seiner WG gefragt wurde, ging es jetzt um die Bewerbung für den Parteivizeposten. Und die neue SPD-Führung, die er offen unterstützte. Auch wenn er sich nicht als Werber für Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans sieht, wird er wissen, dass die eher unbekannten Politiker von seiner Empfehlung profitierten. Kühnerts Fans hoffen auch, er werde das Ganze nun „nach vorne ziehen“, wie einer am Stand der Jusos sagt. „Zeit für Kevin“ steht auf einem Plakat.

Interne Gegner

Dass einige in der SPD genau das fürchten, zeigt sein Wahlergebnis für den Vize-Parteivorsitz: 70,4 Prozent – mit Blick auf seine Rede, die die Delegierten von den Stühlen riss, ist es ein Dämpfer. Der 30-Jährige hat sich nicht nur als Koalitionskritiker Gegner gemacht, auch mit anderen Positionen.

Etwa in puncto Kollektivierung großer Unternehmen „auf demokratischem Wege“, die er im Zeit-Interview ansprach. Konservative SPDler schäumten, Kühnert störte das nicht. „Niemand muss den Leuten das Unternehmen wegnehmen oder im Ansatz so weit gehen wie ich im Zeit-Interview. Wenn das aber ein Aufhänger für eine Steuergerechtigkeitsdiskussion war, dann wäre schon viel gewonnen“, sagte er damals zum KURIER.

Unbequem wolle er auch als stellvertretender Parteichef sein – es gibt Leute, die prophezeien ihm noch mehr.

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