Politik | Ausland
25.06.2017

Endstation Hoffnung für Schulz

Schröder und Schulz reden am Programmparteitag gegen hängende Köpfe an – das klappt nur bedingt.

"Tut mir leid, das Programm hab’ ich nicht vollständig gelesen", sagt Gerhard Schröder. Es wird laut gelacht.

Fast ist es wie damals, in den wirklich guten Tagen der SPD. Der große Kanzler, mittlerweile gealtert, hält Hof, er scherzt, witzelt, teilt aus. "Schrödern" nennen sie das hier in Dortmund, am Parteitag, bei dem es um alles gehen soll: Um Schulz, um den Sieg, um die Partei und um ihr Innerstes – schließlich hinken die Genossen Merkels CDU mittlerweile 16 Prozentpunkte hinterher.

Motivationsrede

Dass Schulz dafür ausgerechnet Schröder auf die Bühne bittet, ist kein Zufall. Keiner wüsste besser, wie die "alte Tante SPD" zu motivieren ist, schließlich hat er das selbst schon mal geschafft. 2005 durchlebte er dieselben Höhen und Tiefen wie sein Parteifreund, der ihm in der ersten Reihe aufmerksam zuhört: "23 Prozentpunkte" Abstand seien es bei ihm gewesen, und das auch gute 100 Tage vor der Wahl. Eine Lage, viel schimmer als die, mit der die SPD heute zu kämpfen hat. "Was damals ging, das geht heute auch. "Nichts ist entschieden!", sagt Schröder deshalb, die Halle jubelt. Schulz lächelt zufrieden.

Freilich, die Gegnerin ist dieselbe geblieben, doch die Lage von heute ist mit der damals schwer vergleichbar – ebenso wenig, wie sich die beiden SPD-Chefs ähneln. Schröder war wohl der feurigste Wahlkämpfer, den die Partei je hatte; Schulz wirkt da deutlich ungeübter. Das merkt man später auch, wenn man ihm zuhört: Engagiert, ausführlich und pointiert ist seine 80-Minuten-Rede, doch so richtig gelacht und geklatscht wird selten. Was er vorträgt, ist zum Gutteil bekannt, es geht um sein Generalthema "Gerechtigkeit", auch gegen Aufrüstung, Erdogan und Trump redet er an. Richtig neu sind nur die Attacken auf die allzu starke Gegnerin: Einen "Anschlag auf die Demokratie" nennt er es, dass die CDU alle programmatischen Ideen der SPD schlicht ignoriert hat; Angela Merkel hat die Vorstellung ihres Programms erst in einer Woche geplant – ohne Parteitag. "Arroganz der Macht" sagt er dazu.

Reibungspunkte

Im Publikum kommt das nicht so schlecht an. Merkel, die Auf-Sicht-Fahrerin, die dröge Verwalterin, an der reibt man sich immer gern, und darüber werden auch andere Reibungspunkte leichter vergessen. Etwa, dass die Jungsozialisten unbedingt eine Vermögenssteuer im Programm haben wollten, was Schulz ob des Konfliktpotenzials besser von sich schob; oder auch, dass vor der Halle mehrere Hundert Demonstranten stehen, die der SPD die "Rote Karte" für ihre Pläne einer Bürgerversicherung zeigen. Und freilich auch, wie sehr es manchen hier verwundert, dass mit Schröder einer in den Ring steigt, an dem Schulz sich selbst erst abgearbeitet hat: Kaum war er Kandidat, meinte er, das mit der Agenda 2010 zusammengekürzte Arbeitslosengeld solle wieder Vor-Schröder-Format annehmen. Heute? Ist davon kein Wort mehr zu hören; auch das Programm wird ohne Gegenstimme angenommen.

Dass die Genossen sich in Dortmund so geeint geben, ist dem Prinzip Hoffnung geschuldet. Auch wenn man vorsorglich auf Konfetti verzichtet hat und "Gottkanzler"-Shirts kaum mehr zu sehen sind, man steht hier nach wie vor zu "Martin"; der lange Applaus soll ihm den Rücken stärken. "Ich habe die Rede toll gefunden", sagt etwa der junge Robin, der heute mit seinem Vater Oliver Busch hergekommen ist; die beiden tragen Shirts, auf denen Schulz aussieht wie Che Guevara. Ob er es auf Platz eins schaffen wird? "Das glaube ich nicht", sagt er. "Aber ein Wechsel ist möglich." Das klingt zumindest ein bisschen hoffnungsfroh.