50.000 Migranten in 24 Stunden: Warum Ceuta Europas Flüchtlings-Hotspot wurde
Als Hadiya aus dem Wasser kommt, will sie als Erstes ihre Mutter anrufen. Dieser hatte die 16-Jährige eigentlich erzählt, sie wolle am Abend mit einer Freundin spazieren gehen, wie sie zur spanischen Tageszeitung El País sagt. Stattdessen machte sich die junge Marokkanerin am Donnerstag auf den Weg nach Norden: durch die Grenzstadt Fnideq und weiter Richtung Spanien. Drei Stunden lang trieb sie mit einem Schwimmreifen im Wasser, vorbei am Grenzzaun zwischen den beiden Ländern. Bis sie ihr Ziel erreichte: die autonome Stadt Ceuta, eine der zwei spanischen Exklaven in Nordafrika – und damit Teil der EU.
Hadiya war nicht allein. Tausende Menschen machten sich am Donnerstag und Freitag auf denselben Weg. Die spanischen Behörden sprachen von rund 50.000 Ankömmlingen innerhalb von 24 Stunden in Ceuta. Sie gelangten von Marokko aus auf dem See- und Landweg in die Exklave. Mindestens 57 Menschen überlebten die gefährliche Reise nicht; sie wurden bis zum Nachmittag tot aus dem Wasser geborgen.
Chaotische Szenen
In Ceuta, einer Stadt mit knapp 84.000 Einwohnern, führte das am Freitag zu chaotischen Szenen. Weil die Aufnahmezentren schon von den Ankömmlingen der Tage zuvor überfüllt waren, schliefen Tausende Menschen, die ohne Hab und Gut angekommen waren, auf der Straße. Geschäfte und Bars blieben geschlossen, in der Stadt herrschte Verkehrschaos. Ceutas Regierungschef forderte die Ausrufung des „nationalen Notstands“.
Auch auf der anderen Seite der Grenze war die Lage angespannt. In Fnideq soll es zu heftigen Auseinandersetzungen mit überforderten Grenzbeamten gekommen sein, die Tränengas und Schlagstöcke gegen Menschen, die ausreisen wollten, eingesetzt haben sollen.
Spaniens Premierminister Pedro Sánchez, der am Freitagvormittag nach Ceuta reiste, verurteilte die Ereignisse. Auf einer Pressekonferenz sprach er von einem „Angriff, einer Verletzung der territorialen Integrität Spaniens“. Seine Regierung habe die Situation unter Kontrolle gebracht. Bereits seit dem Morgen waren National- und örtliche Polizei in Ceuta im Einsatz. Auch Militärpersonal war entsandt worden.
Viele Fragen offen
Warum es zu dem Massengrenzübertritt kam, blieb zunächst unklar. Einen Zusammenhang mit dem außerordentlichen Regularisierungsprogramm für Hunderttausende irregulär in Spanien lebende Migranten wies die linke Zentralregierung zurück. Stattdessen verwies Sánchez auf ein Urteil des Obersten Gerichtshofs vom 8. Juli. Demnach sind sogenannte devoluciones en caliente, also unmittelbare Zurückweisungen an der Grenze, nur zulässig, wenn physische Barrieren überwunden wurden. Für Migranten, die Ceuta oder Melilla schwimmend erreichen, gelte das nicht.
Diese Information sei von der Schleppermafia verbreitet worden und habe sich „in den letzten Stunden wie ein Lauffeuer verbreitet“, so Sánchez, der die Errichtung einer „physischen Barriere“ im Meer bei Ceuta ankündigte. Er schloss zudem nicht aus, „einige Aspekte der Gesetze zu ändern, um Rückführungen so effektiv wie möglich zu gestalten“.
Druckmittel?
Daneben kursiert aber noch eine weitere Erklärung: dass Marokko Migranten als politisches Druckmittel einsetzt – wie schon 2021, als rund 10.000 Menschen innerhalb kürzester Zeit nach Ceuta gelangten. Hintergrund war damals ein diplomatischer Konflikt um die Westsahara, auf die Marokko Anspruch erhebt. Nachdem sich Madrid in der Frage in einer Kehrtwende an Rabat angenähert hatte, flaute die Krise ab.
Diesmal kommt sie eine Woche nach einem Besuch Sánchez’ im mit Marokko verfeindeten Algerien – und nachdem Madrid Schritte gesetzt hat, um die Staatsangehörigkeit der unter spanischer Verwaltung geborenen Sahrauis anzuerkennen.
Sánchez’ kleiner Koalitionspartner Sumar übte am Freitag scharfe Kritik an Marokko und sprach von einer „politischen Entscheidung einer Diktatur, die das Leben Tausender Menschen bewusst gefährdet hat“. Der Premier selbst lobte hingegen die gute Kooperation mit Rabat. Eine Vereinbarung zur Rückführung der illegalen Ankömmlinge sei beiden Ländern zufolge bereits getroffen worden.
Tatsächlich sollen bis Freitagnachmittag 37.500 Menschen Ceuta wieder verlassen haben – freiwillig. Unklar ist jedoch, wie es mit unbegleiteten Minderjährigen weitergeht, die nicht nach Marokko und umliegende Länder zurückkehren wollen.
Die 16-jährige Hadiya wollte ihrer Mutter nach ihrer Ankunft eigentlich sagen, dass sie nicht zum Abendessen komme – und so schnell auch nicht mehr nach Hause.
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