Politik | Ausland
09.09.2018

Soziologe: "Integration gelingt heute besser als früher"

Wenn Integration funktioniert, wird es meist kompliziert, sagt der deutsche Soziologe und Politologe Aladin El-Mafaalani.

Deutschland ist in puncto Integration gut unterwegs. Ja, Sie haben richtig gelesen. Und jede Debatte zu Kopftuch, Gehört-der-Islam-zu-Deutschland, sei dafür ein Beleg, schreibt der Soziologe und Politologe Aladin El-Mafaalani in seinem Buch „Das Integrationsparadox".


KURIER: Seit den Vorfällen in Chemnitz wird wieder laut  über Migranten debattiert,  manche erklären das Zusammenleben für gescheitert, besorgt Sie das?

Mafaalani: Ja, aber man muss auch sagen, dass dieser Prozess nicht damit zu tun hat, dass Integration nicht gelungen wäre. Alles was sich jetzt ausdrückt, war vorher schon da. Ich war in den 90er-Jahren in Ostdeutschland bei der Bundeswehr und kann nicht sagen, dass es damals besser war als heute. Was jetzt anders ist: Die Menschen mobilisieren sich schneller, drücken sich aggressiver aus. Zudem gibt es Stimmen, die sagen Ost-Deutsche sind selbst nicht integriert, es geht also um eine Konkurrenz der Aufmerksamkeit. Und dann haben wir Menschen, die gut integriert sind, die selbstbewusst ihre Interessen  zur Geltung bringen, mitbestimmen wollen. Das geht dann vielen zu schnell und zu weit. Das haben wir auch in Westdeutschland, ebenso in Österreich.

Das heißt Integration führt zu Fremdenfeindlichkeit? 

Wir verstehen nicht, was es heißt, wenn Integration gelingt: Es kann dann nämlich sehr kompliziert werden. Im Einklang ist es nur in autoritären Regimen, wo sich alle denen es nicht gefällt, nicht ausdrücken können. Überall dort, wo man Menschen mitmachen lässt, wird es anstrengend. Mitmachen dürfen ist aber das Versprechen der offenen Gesellschaft. 
 
Ist diese jetzt nicht in Gefahr?

Wir müssen darauf achten, dass wir keine Rückschritte machen, sondern die Teilhabe-Chancen aufrecht erhalten. Gleichzeitig müssen wir den Diskurs, der sich anders anfühlt als die messbare Realität, konstruktiv führen. Jeder Versuch, zu einer gesellschaftlichen Harmonie zurückzukehren, muss zum Scheitern verurteilt sein, weil das nicht unserer Gesellschaft entspricht.

Derzeit ist die Stimmung aber so angeheizt, dass ein sinnvoller Diskurs kaum möglich scheint.

Das sehe ich nicht zwingend als hochproblematisch an. Alle Gesellschaften von denen wir sprechen, also von Österreich, Deutschland, Benelux-Staaten bis Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten sind unterschiedlich lange Einwanderungsländer, aber erst seit wenigen Jahrzehnten sind sie alle zunehmend offene Gesellschaften. Selbst die USA und Kanada, die seit Jahrhunderten ein freies Land sind, waren es nur für manche. Wir müssen erst mit einer neuen Situation umgehen lernen. Daher ist es nicht erstaunlich, dass wir im Augenblick in all diesen Ländern noch keine Wege gefunden haben. Aber wir sollten konsequenter nach Wegen suchen.

Jetzt sitzt mit der AfD eine Partei  im Bundestag, die weder Interesse am konstruktiven Diskurs hat, noch an der Integration von Menschen.

Sie lebt davon, dass wir gesellschaftlich nicht verstanden haben, was gerade die Situation ist. Das Problem: Jene, die die offene Gesellschaft befürworten sind unsicher und kopieren zum Teil diese Partei. Man könnte mit ihr einfach umgehen, wenn man eine klare Position hat. Denn die Strategie der Populisten ist einfach: Sie benennen zwar Probleme, reden aber alles schlecht. Wenn Migranten gut integriert sind, sind sie U-Boote, die den Staat unterwandern, wenn sie gute Jobs haben, nehmen sie uns die weg. Haben sie schlechte Jobs, sind sie Konkurrenten auf dem Niedrig-Lohnsektor und sorgen für Lohndumping, kommen sie illegal, sind sie Sozialschmarotzer. Die Realität: Alle negativen Seiten waren immer da. Wenn wir über Veränderung sprechen, dann darüber, dass Integration mehr gelingt als früher und Desintegration seltener wird. Das alles ist die Basis für die derzeitige Entwicklung. Ich finde es erschreckend, dass das nicht erkannt wird. So können es Populisten für sich nutzen. Die Judenverfolgung hatte übrigens einen ähnlichen Hintergrund.

Wie?

Man erzählte den Menschen, die einen unterwandern den Staat, werden unsichtbar, haben zu viel Einfluss und sind dadurch eine Bedrohung, auch weil sie global vernetzt wären. Dann gab es die orthodoxen Juden, die fremd aussahen und sich anzupassen haben. Man hatte also beide Bilder und konnte sagen was man wollte: Irgendwie hat es immer so ausgesehen, dass es stimmt. Man muss den selektiven Blick von Populisten und Demagogen entschlüsseln. Das gelingt erst, wenn man ein Gesamtbild hat und das haben wir noch nicht begriffen. Mir fällt keine politische Partei ein, die das hat. Wir haben eine verunsicherte Mitte und verunsicherte Institutionen, die noch lernen müssen, damit umzugehen. Aber wie gesagt, es ist auch nicht so leicht, darauf richtig zu reagieren, weil wir wirklich eine veränderte Situation haben, nämlich eine wirklich offene Gesellschaft.

Wenn man sich etwa in Chemnitz umhört, haben manche ein klares Bild: Migranten sollen dankbar und möglichst unauffällig sein.

Dieses Bild widerspricht der offenen Gesellschaft. Wir sind eine liberale Demokratie, wo jeder leben kann, wie er will, solange er Grundrechte anderer und das Gesetz achtet. Was ich aber aus der Forschung gelernt habe: Die letzten, die ein Problem damit hätten, dass Traditionen bewahrt und klare Regeln formuliert werden, sind Migranten der ersten Generation. Sie machen was man ihnen sagt, damit sie bleiben dürfen. Es sind eher die Einheimischen selbst, die dann etwas dagegen haben: Wir wollen Offenheit, Liberalismus und keine Leitkultur, die vorschreibt, wie wir leben sollen. Andere Einheimische wollen klare Orientierungen, die aber nicht mehr alle mehrheitsfähig sind. 

Dennoch gibt es kontroverse Debatten um das Kopftuch.

Man muss darüber reden, aber auch erkennen, dass ein Integrationsprozess diesen Konflikt hat entstehen lassen. Das Kopftuch bei Musliminnen, die geputzt haben, wurde nie thematisiert, erst als eine Lehrerin es trug. Es ist erst ein Problem, weil es mehr Teilhabe-Chancen gibt. Über all das muss kontrovers diskutiert werden, das muss eine offene Gesellschaft aushalten, alle müssen das, auch Muslime.

Bei der Debatte um Mesut Özil wirkte Deutschland durchaus gespalten. Auf der einen Seite, jene die sich rassistisch äußerten, auf der anderen Seite jene, die sagen hier nicht angekommen zu sein.                                                                                      

Angekommen ist ein spannendes Wort. Wenn wir uns das genau ansehen, ist nicht das Ankommen das Problem, sondern das als Angekommene akzeptiert zu werden. Die Menschen mit einer internationalen Familiengeschichte fühlen sich hier heimisch, die wollen auch nirgendwo anders hin, vor allem jene, die hier geboren sind. Das wird nicht von allen anerkannt - und das Nicht-Anerkanntwerden kann weh tun. Meiner Mutter zum Beispiel nicht. Sie hat kein Problem, wenn man ihr sagt: Du bist ja Syrerin, erzähle uns von Syrien. Wenn Sie das meine Tochter fragen, wird sie richtig sauer, dann fühlt sie sich ausgeschlossen, selbst wenn es gut gemeint ist. Denn für sie gibt es keine andere Heimat als Deutschland. Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss. Wenn man sich aber regelmäßig erklären muss, kann es keine Heimat sein. Für jene, die nicht diese Erfahrungen haben, ist das natürlich schwer zu verstehen. Es ist nicht das größte gesellschaftliche Problem, aber es ist wichtig.

 

Der Autor: Aladin El-Mafaalani wurde 1978 im Ruhrgebiet geboren, seine Eltern stammen aus Syrien. Er lehrte u.a. als Professor für Politikwissenschaft und politische Soziologie an der Fachhochschule Münster. Seit 2018 arbeitet er im Integrationsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen.

Das Buch: Aladin El-Mafaalani: "Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt"; Kiepenheuer & Witsch; 240 Seiten; 15 Euro