Proteste eskalieren: Wie Rechte in England einen Todesfall für sich nutzen
Rund 300 Rechtsextreme, angeführt von bekannten Aktivisten, lieferten sich in Southampton am Dienstag Straßenschlachten mit der Polizei.
Es sind einmal mehr beunruhigende Szenen aus England: Hunderte Demonstranten warfen Dienstagabend in Southampton, Südengland, Mistkübel, Ziegelsteine und einen E-Scooter auf Polizeibeamte. Sie schlugen Autoscheiben ein und steckten Mistkübel in Brand. Elf Beamte wurden verletzt.
Auslöser war ein Fall, der derzeit ganz Großbritannien erschüttert. „Ich kann nicht atmen“, hört man den 18-jährigen Henry Nowak auf den Videoaufnahmen vom Dezember 2025. Sie zeigen den Moment, als Polizisten dem Studenten in einem Wohngebiet in Southampton Handschellen anlegen. Der 23-jährige Vickrum Digwa, der in dem Video neben den Polizisten steht, hatte zuvor fälschlicherweise behauptet, Nowak habe ihn rassistisch angegriffen. Digwa ist Angehöriger der indischen Sikh-Gemeinschaft. Als Nowak erklärt, dass vielmehr er von Digwa niedergestochen wurde, nehmen die Beamten das nicht ernst: „Das denke ich nicht, mein Freund“, erwidert einer der Polizisten.
Kurz darauf erlag Nowak seinen Stichwunden. Digwa hatte ihn mit einer 21 Zentimeter langen Klinge mehrfach in die Beine und ins Herz gestochen.
Täter verurteilt
Diese Woche wurde Digwa zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Fall ist damit eigentlich abgeschlossen, doch rechte Aktivisten nutzen ihn nun für ihre eigenen Zwecke. „Genug mit den Vorurteilen gegen Weiße“, erklärte Reform-UK-Chef Nigel Farage in einem Facebook-Video. Er will den Einzelfall als Puzzlestück in einem größeren Gefüge sehen: Die Polizei habe so viel Angst davor, rassistisch zu erscheinen, dass sie aus Prinzip gegen weiße Personen entscheide.
Auch Henrys Familie hatte Kritik geäußert: „Henry hätte nicht in Polizeigewahrsam auf den Straßen von Southampton sterben dürfen“, sagte Vater Mark Nowak nach dem Schuldspruch. Neunmal habe Henry wiederholt, dass er nicht atmen könne. Viermal, dass er niedergestochen wurde. Die Behandlung der Polizisten sei unmenschlich, erniedrigend, unerträglich. Und doch: Seine Kritik betreffe die diensthabenden Polizisten dieser Nacht. Nicht den Polizeiapparat in seiner Gesamtheit.
Die Polizei von Hampshire hat sich nach dem Urteil öffentlich entschuldigt.
300 Demonstranten
Doch Nigel Farage – seine Partei ist in Umfragen derzeit führend – rief die Bevölkerung in seinem Video dazu auf, mit „purer, eiskalter Wut“ zu reagieren.
Rund 300 Demonstranten fanden sich Dienstagabend vor der Polizeistation in Southampton ein. Angeführt von dem rechtsradikalen Aktivist Tommy Robinson, der erst Mitte Mai Tausende Briten in einer „Unite the Kingdom“-Rallye durch London geführt hatte. Statt zum „Kampf für Großbritannien“, rief er nun zu „Gerechtigkeit für Henry“ auf.
Die Szenen am Dienstag weckten nicht nur Erinnerungen an den Beginn der englischen Anti-Einwanderungs-Ausschreitungen im Sommer 2024, sondern bilden einen surrealen Kontrast zu den „Black Lives Matter“-Märschen in Amerika.
Der 46-jährige George Floyd war im März 2021 in Minnesota wegen einer angeblicher Falschgeldzahlung brutal festgenommen worden und starb auf offener Straße – nachdem er wiederholt wissen ließ, dass er nicht atmen könne. In der Folge gingen Millionen Amerikaner für „Justice for George“ auf die Straße.
„Weiße Leben zählen genauso viel wie schwarze“, sagt Farage in seinem Facebook-Video noch.
Innenministerin Shabana Mahmood verurteilte die Ausschreitungen ebenso wie Premierminister Keir Starmer scharf: Es gebe „keine Rechtfertigung“, schrieb sie auf X, „den tragischen Tod von Henry Nowak zu instrumentalisieren, um Gewalt und Unruhen zu schüren“.
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