Helmut Kutin begegnet Kindern in 135 SOS-Ländern bis heute auf Augenhöhe.

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SOS-Kinderdorf
10/03/2016

SOS-Kinderdorf: "Das Wort Frieden wird oft missbraucht"

Helmut Kutin hat viel gesehen. Zum 75. Geburtstag spricht er über Syrien und den Zustand der Welt.

von Axel Halbhuber

Zum Geburtstag bekam Helmut Kutin eine traurige Nachricht: Das SOS-Kinderdorf in Damaskus musste evakuiert werden. So etwas betrübt den Mann noch immer, auch nach 75 Lebensjahren, nach fast 50 Jahren im Kinderdorf und 27 Jahren als dessen Präsident. Nach Kriegen, Massakern und Katastrophen, die er sah.Kutins Geburtstag werden weltweit Tausende feiern, Glückwünsche aus 134 Ländern treffen ein. Er ist die Identifikationsfigur. Besonders in Afrika und Asien gilt er vielen als Vater, mittlerweile Großvater, wie er sagt. In Österreich ist sein Festtag nur Randnotiz. Kutin wollte nie in das Rampenlicht, das vor seinem Amtsantritt dem SOS-Gründer Hermann Gmeiner gehört hatte. Er wirkte still als Chef des größten privaten Sozialwerks der Welt, made in Innsbruck. Mutter Teresa, Dalai Lama, Nelson Mandela, Präsidenten, Diktatoren, Könige – Kutin kennt mehr von denen, die Geschichte schrieben, als irgendwer anderer im Land. Sie schmückten sich mit ihm, er forderte dafür die Möglichkeit, Kindern in Not zu helfen. Und schrieb so Schritt für Schritt selbst Geschichte.

Sein Werk wurde oft für den Friedensnobelpreis nominiert, Kutin bekam höchste Auszeichnungen in über 100 Ländern. Er erlebte den Vietnamkrieg und ist der einzige Mensch, dem die höchste Auszeichnung des ehemaligen Südvietnam und später die höchste des kommunistischen Vietnam verliehen wurde – nichts beschreibt sein Wirken besser. Der KURIER erreichte Kutin in Bangkok, zwischen Vietnam- und Bangladesh-Besuch.

KURIER: Herr Kutin, kurz nach der Evakuierung schlugen Granaten im Kinderdorf Damaskus ein, jetzt ist es vom Militär besetzt. Wie oft mussten Dörfer geräumt werden?

Helmut Kutin:So etwas trifft mich noch immer sehr hart. Sooft wir ein Kinderdorf verlassen mussten, wurde es geplündert. Ich sagte immer, möglichst nie das Dorf verlassen, weil das auch immer der sicherste Standort war. Aber in dem Fall ging es nicht mehr anders. Meine erste Evakuierung war 1975 in Dalat, Vietnam. Das Dorf hatte ich selber aufgebaut, aber als die Nordvietnamesen in den Süden vorrückten, mussten wir 130 Kinder per Flug retten. ‚Damaskus ist insgesamt das sechste Mal.

Es wird vermittelt, Syrien sei der schlimmste Konflikt, den es je gab. Sie haben viel gesehen, von Vietnam über die Rote Khmer bis zum Ruanda-Völkermord. Kann man das sagen?

Ich kann mich mit einer Reihung nicht anfreunden. Syrien erinnert mich an Ruanda, weil es ein hemmungsloses Dahinschlachten nach Volkszugehörigkeiten oder Religion ist. Für mich persönlich war Ruanda am schlimmsten, Millionen Morde in ein paar Wochen. Und es trifft immer die Ärmsten im Land. Die können nicht weg.

Sie haben einmal gesagt, in niemandem hätten Sie sich so sehr getäuscht wie im syrischen Diktator Baschar al Assad. Sie kennen ihn seit 16 Jahren.

Vor sechs Jahren sprachen wir noch über ein weiteres Kinderdorf, in Homs, er war früher ein offener, feiner Mensch, Arzt, und bescheiden im Auftreten. Er nutzte nie die Paläste seines Vaters, sondern lebte im Einfamilienhaus. Ich weiß nicht, was ihn verändert hat, seine Brüder spielen da sicher eine Rolle. Und wer eine gewisse Linie überschreitet, kann nicht mehr aufgeben. Dafür ist Assad viel zu weit gegangen.

Hat sich die Welt seit Ihrem Antritt überhaupt verbessert?

Es gibt viel Positives, Länder, in denen es aufwärts geht, ich denke an Thailand, Vietnam, Ghana, Liberia – oder Südafrika, das ist für mich noch immer ein Wunder. Es gab immer Auf und Ab, aber es ist deprimierend, dass der letzte Ausweg noch immer das Töten ist. Wir sollten weiter sein. Es dauert zu lange, alles redet, redet, redet. Ich habe zu oft erlebt, wie das Wort Frieden missbraucht wurde. Propaganda, großartige Aussagen, im Endeffekt nichts dahinter. Statt Schritt für Schritt jeden Tag ein bisschen Licht in die Welt zu bringen. Man rettet die Welt nur im Kleinen. Wenn es uns gelingt, in unseren Kinderdörfern selber Frieden zu haben, haben wir schon Gewaltiges erreicht. Gmeiner sagte: "Friede ist letzten Endes eine Frage der Erziehung." Nicht die großen Resolutionen und Verträge machen Frieden. Menschen machen Frieden.Das könnte vom Dalai Lama sein. Sie kennen viele Führer unserer Zeit. Aber den Dalai Lama nennen Sie "Freund".

Ich kenne sie aber alle nur auf einer unpolitischen Ebene, nur im Sinne des Wohles der Kinder. Mein Protokoll ist viel bescheidener als das eines Staatsbesuchs. Und man darf das Wort "Freund" nicht überstrapazieren. Mit Nelson Mandela etwa verband mich allergrößter Respekt, aber Freundschaft entwickelt sich, wenn man einen langen Weg gemeinsam geht. Der Premierminister von Laos ist so ein echter Freund. Und der Dalai Lama.

Der ist sechs Jahre älter. Sie beide haben den gleichen Abschnitt der Weltgeschichte begleitet.

Ja, so wurde das ein sehr persönliches Verhältnis. Dazwischen haben wir zwar einmal teuflisch gestritten, aber es gibt Parallelen. Er hat jetzt auch schon viel abgegeben, so wie ich. Als ich ihn zuletzt traf, umarmte er mich und flüsterte mir ins Ohr: "We are both getting old, Helmut."

Alles Gute zum Geburtstag.

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