In West-Berlin bereitete man sich seit Wochen auf die Öffnung von DDR-Mauer und Todesstreifen dahinter vor, die die Flucht aus dem „Realen Sozialismus“ verhindert hatten.

© /landesarchiv Baden Würth.

Frühe Vorbereitung
11/03/2014

Mauerfall: "Unsere geheime Kommandosache"

Der Fall der Mauer überraschte die West-Berliner Stadtregierung nicht: Sie wusste mehr.

von Reinhard Frauscher

Ab Anfang Oktober liefen unsere Vorbereitungen im Schöneberger Rathaus – immer ,außerhalb der Tagesordnung‘, also des Protokolls. ,Unsere geheime Kommandosache‘, nannte sie Bürgermeister Momper. In den Archiven findet sich dazu kein Wort. Bis zum 29. Oktober, als er von Schabowski offiziell von den Absichten der DDR erfuhr."

Dietrich Strübind, 77, war in der West-Berliner Senatskanzlei als Protokollführer und Referatsleiter enger Mitarbeiter mehrerer "Regierender Bürgermeister", auch des im März 1989 gewählten SPD-Mannes Walter Momper. Mit dem "Mann mit dem roten Schal" werkte Strübind an einem bis heute kaum bekannten Aspekt des Mauerfalls: Der weitgehend geheimen Vorbereitung West-Berlins auf das Ereignis, das deshalb so reibungslos verlief.

In der West-Berliner Stadtregierung hatte man die Maueröffnung früher als viele – auch als die Bundesregierung in Bonn – erwartet: "Seit der Grenzöffnung Ungarns für Tausende DDR-Bürger, die nach Österreich flüchteten, hatten natürlich auch wir in der Senatskanzlei gemerkt, dass sich da was tut. Schon um den 1. Oktober bekam Momper Hinweise, dass die DDR für den 1. Dezember Reiseerleichterungen für ihre Bürger plante: Er hatte immer persönliche Verbindungen nach Ostberlin gehabt, auch zum ZK-Mitglied Günter Schabowski, der ja dann am 9. November den Sturm in den Westen unfreiwillig etwas früher auslöste."

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Geheimhaltung

Und Strübind ist noch heute stolz darauf, dass diese Vorbereitungen unbemerkt blieben, obwohl viele Stellen involviert waren: "Neben den Senatsverwaltungen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Polizei, Hilfsdienste und die Banken und viele andere Institutionen. Denn es war früh klar, dass die herüber kommenden DDR-Bürger das offizielle Begrüßungsgeld gleich brauchen und bekommen würden."

Offiziell gab es die Verbindungen zwischen Magistrat Ost und Senat West natürlich nicht: "Jahrzehntelang waren Fernschreibleitungen der beiden Feuerwehren die einzige offizielle Verbindung gewesen. Inoffiziell aber gab es natürlich immer Kontakte, auch über Telefon. Sogar von unseren Polizeispitzen zu den Kollegen im Osten. Die intensivierten sie nun."

Strübind und seine Kollegen wussten, dass auch in Ostberlin hochrangige Leute Vorbereitungen trafen: "Aber eben nur im Graubereich. Einer der wichtigsten Informanten und Ratgeber Mompers war der frühere Bürgerrechtler Ralf Hirsch, der nach seiner Ausweisung im Mai 1988 im Berliner Verwaltungsdienst tätig war. Seine Kontakte in den Osten waren nie abgerissen – und wir damit immer gut informiert."

Öffentlicher Verkehr

Die größte Sorge Mompers und seiner Leute galt dem öffentlichen Verkehr: "Es gab ja seit dem Mauerbau 1961 gar keine durchgehende Verbindung von Ost nach West mehr und umgekehrt. Nur im für seine tränenreichen Abschiede berühmten Ostberliner S-Bahnhof Friedrichstraße konnte man nach Schikanen der DDR-Volkspolizei und Kontrolle der Westberliner Polizei in den anderen Teil der Stadt kommen.

Die Vorab-Kontakte der BVG zur ostdeutschen Reichsbahn für den Tag der Maueröffnung ermöglichten es aber, dass schon gut 48 Stunden danach die S-Bahn wieder regulär durchfuhr – vom Wannsee im äußersten Westen der Stadt bis nach Lichtenberg im äußersten Osten. Darüber freuten sich alle Berliner, in Ost und West."

Noch erfreulicher war für Strübind aber, "wie gut das mit dem sogenannten Begrüßungsgeld klappte, das war eine Meisterleistung. Der 9. November war ein Donnerstag, doch schon am Freitag, als die Banken aufmachten, konnten die Ostdeutschen ihre 100 DM gegen Ausweis-Vorzeigen abholen: Das viele Geld lag in kleiner Stückelung bereit, und es waren genügend Bank-Leute da, um es auszugeben, auch am Samstag und Sonntag, wo der Ansturm erst richtig groß war. Ohne Vorbereitung wäre das frühestens Montag möglich gewesen."

Strübind selbst wurde, bald nachdem die Ankündigung Schabowskis der "unverzüglichen" Grenzöffnung (siehe unten) bekannt geworden war, in das Rathaus gerufen zu einer Sondersitzung des Senats. "Ich führte das Protokoll: Es waren alle da, die Senatoren, die Sicherheitsbehörden, die Vertreter der Banken, BVG, die Feuerwehr usw. Die Sitzung dauerte nur 40 Minuten und war, für diese Sensation und Emotion, nur verhalten spannend. Aber optimistisch! Denn alle waren sich sicher: Das kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Aber es gab keinen Freudentaumel, keine Euphorie, dafür war einfach keine Zeit."

"Gute Figur gemacht"

Momper, erinnert sich Strübind genau, musste zum Sender Freies Berlin (heute: rbb) für eine Live-Erklärung und fuhr danach an den Grenzübergang Bornholmer Straße, den Ersten, der aufging. "Wir im Rathaus arbeiteten bis ein Uhr nachts und nach nur fünf Stunden Schlaf waren wir wieder da. Am Samstag bekamen meine Frau und ich schon den ersten Besuch aus dem Osten. Selbst dorthin kam ich erst aber am Sonntag!"

Nichts sei schiefgelaufen, freut sich Strübind, Momper und sein Team hätten "gute Figur gemacht".

Am 30. Mai 1990 gab es die erste gemeinsame Sitzung der beiden Stadtregierungen im alten "Roten Rathaus" im Osten der Stadt, heute Bezirk Mitte. Es ist seither wieder Sitz des Regierenden Bürgermeisters. "Wir West-Beamten managten dann die Vereinigung. Eine total spannende Zeit!"

Im Strudel der Maueröffnung

Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls ist ein Berg an Büchern erschienen. Die authentischste Schilderung der dramatischen Tage aus der Sicht eines Österreichers stammt vom damaligen Deutschland-Korrespondenten der Presse, Ewald König. Er lebte als einziger österreichischer Journalist in beiden Hauptstädten, Bonn und Ostberlin.

Und er erlebte als Einziger die legendären Worte in der Pressekonferenz von Günter Schabowski am 9. November. Mit denen legte der nur durch einen Zettel informierte Sprecher des SED-Zentralkomitees die in seiner Abwesenheit beschlossenen Reiseerleichterungen für die DDR-Bürger um zehn Stunden vor: „Das tritt, äh, nach meiner Kenntnis ..., ist das sofort, unverzüglich“. Das Regime des „Realen Sozialismus“ hatte erkannt, dass seine für den 1. Dezember geplante Lockerung des Reiseverbots als Ventil für die rasch wachsenden Proteste zu spät kommen würde.

Mauerfall-Mythen König, heute noch Journalist in Berlin, widerlegt in seinem Buch „Menschen, Mauer, Mythen“ (Mitteldeutscher Verlag, 256 Seiten, 14,95 Euro) manche Legende rund um den Mauerfall. Darunter die eines italienischen Kollegen, der Schabowski bewusst zum Lapsus animiert haben will und sich seither als Held der Geschichte inszeniert. Die entscheidende Frage stellte aber ein Bild-Reporter.

Auch West-Berlins Bürgermeister Walter Momper sieht König nicht in allem so weitsichtig, wie sich der heute darstellt: Bei jedem seiner vielen Auftritte in diesen turbulenten Tagen warnte Momper intensiv vor „Wiedervereinigungsromantik“ – und enttäuschte damit die gerade erneuerte Hoffnung der meisten Berliner in West und Ost. Momper hielt sich dabei stur an die Linie der zur DDR stets toleranten SPD und den in Berlin bis heute weit links stehenden Grünen, die ihn kurz zuvor an die Macht gebracht hatten. Diese fragile Koalition regierte nur zwei Jahre. Danach wurde Momper Immobilienmakler in Berlin – mit sehr viel Insider-Wissen.

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