© REUTERS/Kevin Lamarque

Politik Ausland
04/29/2020

Schultermassagen oder Vergewaltigung? Hintergründe der Vorwürfe gegen Biden

Wie aus Klagen über Aufdringlichkeiten des Trump-Herausforders der offene Vorwurf der Vergewaltigung wurde.

Seit die Corona-Krise die USA lähmt, hat Joe Biden an die 20 Mal aus seinem improvisierten TV-Studio im Keller seines Hauses per Video-Konferenz mit Wählern und Geldgebern um Unterstützung im Wahlkampf geworben.

Der „Elefant im Raum“ kam dabei nie zu Sprache. Dabei wird sein mediales Getrampel immer dröhnender. Tara Reade (56) wirft dem designierten Herausforderer von Donald Trump vor, sie vor 27 Jahren im Kapitol von Washington gegen ihren Willen gegen eine Wand gedrückt und geküsst zu haben.

"Du bist ein Nichts für mich"

Danach soll der Senator, für den Reade 1993 ein halbes Jahr gearbeitet hatte, ihr unter den Rock gegriffen haben, um mit den Fingern in sie einzudringen. Als sich die heute als Juristin arbeitende Frau widersetzt habe, soll Biden ihr gesagt haben: „Du bist ein Nichts für mich.“

Umfangreiche Recherchen

Die Anschuldigungen, die Bidens Kandidatur überschatten, sind seit Tagen bekannt und nehmen trotz des Coronavirus-Themas in den Medien immer mehr Raum ein. Leitmedien wie New York Times und Washington Post hatten umfangreiche Recherchen dokumentiert, die jedoch kein klares Bild ergaben. Mehrere Personen, darunter Reades Bruder und ihre verstorbene Mutter, sollen eingeweiht gewesen sein. Eine Beschwerde, die Reade damals beim Senat eingereicht haben will, ist unauffindbar. Reade hat ihre Darstellung mehrfach ergänzt.

Biden schweigt

Biden selber schweigt bisher. Seine Sprecherin Kate Bedingfield stellt kategorisch fest: „Dies ist überhaupt nicht passiert.“ Flankierend äußern sich ehemalige Mitarbeiter des 77-Jährigen. „So etwas hätte sich tief bei mir eingebrannt, als Frau wie als Managerin“, ließ sich eine ehemalige Bürochefin zitieren. Reade lässt das nicht stehen. Auf Twitter erklärte die Kalifornierin: „Ich wurde von Joe Biden vergewaltigt, meinem früheren Boss, einem Demokraten“. Es gebe für eine „institutionalisierte Vergewaltigungskultur keine Entschuldigung“.

Viel härtere Vorwürfe

Das sind im Vergleich zum Frühjahr 2019 entschieden härtere Vorwürfe. Damals, als Biden ins Rennen um das Weiße Haus einstieg, hatten acht Frauen den Weg in die Öffentlichkeit gesucht, um Bidens bekannte Neigung zu monieren, Zuneigung und Verbundenheit durch zuweilen als aufdringlich empfundene körperliche Gesten auszudrücken. Im Fall der Demokratin Lucy Flores aus Nevada soll sich Biden von hinten genähert, an ihrem Haar geschnüffelt und sie auf den Hinterkopf geküsst haben.

Berüchtigte Schultermassagen

Berühmt-berüchtigt sind zudem Bidens überfallartige „Schultermassagen“; manchmal sogar vor laufender Kamera. Alle Frauen, auch Tara Reade, zogen seinerzeit allerdings eine klare Trennlinie zu sexueller Belästigung oder gar Vergewaltigung. Das sei nicht vorgekommen, sagten sie. Biden zeigt sich reuig und versprach, er werde künftig respektvoller mit der Intimsphäre anderer umgehen. Teile des linken Flügels der Demokraten, die noch nicht die Niederlage ihres Heroen Bernie Sanders verwunden haben, machen in Internetforen gegen Biden mobil und verlangen seinen Rückzug aus dem Rennen um die Präsidentschaftskandidatur.

Rechte Kommentatoren und republikanische Strategen verpassen Biden das Etikett "gruselig" und werfen den Demokraten „Einäugigkeit“ vor. Hintergrund: Seit den Vergewaltigungsvorwürfen gegen den von Donald Trump persönlich ausgewählten ultrakonservativen Top-Richter Brett Kavanaugh hat sich bei den Demokraten eine Faustregel etabliert: Frauen, die sexuelle Übergriffe mächtiger Männer öffentlich machen, ist Glauben zu schenken. Mit dieser Haltung wollte sich die Partei des Schwerenöter-Präsidenten Bill Clinton bewusst von den Republikanern und Trump absetzen.

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