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Schubumkehr in Tunesien
Die islamistische Regierung greift gegen Ultra-Islamisten durch.
Wenn diese Affen seine Kinder sind, dann hat er sie schlecht erzogenâ, Ă€rgerte sich noch kĂŒrzlich Souad, eine junge tunesische Ărztin, ĂŒber Rachid Ghannouchi, den Vorsitzenden der islamistischen Regierungspartei Ennahda. Ghannouchi hatte ultraradikale Salafisten, die monatelang EinschĂŒchterungen gegen linke und liberale Tunesier betrieben hatten, als âunsere Kinderâ bezeichnet.
Damit scheint Schluss zu sein: Am Wochenende wurde eine Versammlung der radikalen Bewegung âAnsar al Schariaâ verboten. In einem Vorort von Tunis kam es daraufhin zu Ausschreitungen. Ein Jugendlicher wurde erschossen. AuĂerdem wurden die Prediger-Zelte abgetragen, die die Salafisten in etlichen StĂ€dten errichtet hatten. FĂŒr heute, Freitag, sind wieder Proteste der âAnsar al Schariaâ angesagt.
Der Umschwung erfolgte, nachdem sich in einer Bergregion eine FreischĂ€rler-Gruppe verschanzt hatte. Beim Versuch der Armee, die Gruppe aufzuspĂŒren, waren 16 Soldaten verletzt worden.
Daraufhin erklĂ€rte Ghannouchi: âMit jenen, die Minen streuen, ist kein Dialog möglich.â Der Minister fĂŒr Menschenrechte, Samir Dilou, ĂŒbte Selbstkritik: âDie Regierung trĂ€gt wegen ihrer laxen Haltung Schuld an dem Aufstieg der Salafisten.â
Das Umdenken an der Staatsspitze ist auch eine SpÀtfolge der Ermordung des populÀrsten Oppositionspolitikers, Chokri Belaid, im Februar. Die sÀkularen KrÀfte hatten damals bei riesigen Demos die Ennahda bezichtigt, hinter dem Verbrechen zu stecken. Dieses ist zwar noch immer nicht völlig aufgeklÀrt, danach kam es aber zu einer Regierungsumbildung zugunsten Moderater.
Gleichzeitig begann eine VerstĂ€ndigung zwischen gemĂ€Ăigten Ennahda-Politikern und Teilen der sĂ€kularen Opposition. Es ist auch höchste Zeit: WĂ€hrend das Land in sozialem Wirrwarr und salafistischer Daueragitation versank, boten die Regierung ein Bild der Inkompetenz und das erste frei gewĂ€hlte Parlament sterile Wortgefechte.
Ein betrĂ€chtlicher Teil der sĂ€kularen Jugend aus der Bildungsschicht verlor seine Hoffnung. In den Armuts-Regionen haben die Ultra-Islamisten Zulauf. Da liegt auch das Dilemma: Der Einsatz der Polizei, die schnell in Methoden verfĂ€llt, die sie unter der Diktatur praktizierte, sorgt oft fĂŒr spontane Solidarisierung mit den Ultra-Islamisten. Diese haben sich stellenweise als Ordnungsmacht etabliert, die GeschĂ€fte schĂŒtzt und StraĂen reinigt, auch wenn sie teils kriminelle Banden aufgesogen haben und Schutzgelder erpressen.
Die Polizei, die wegen ihrer Rolle unter der Diktatur verhasst bleibt, wagte sich oft gar nicht auf die StraĂe. Auch, wenn es um Verkehrsdelikte oder SchlĂ€gereien geht. Dieses Chaos hat die Ultra-Islamisten erst recht ermutigt. Die Folge ist der Einbruch des Tourismus. Ohne StabilitĂ€t ist ein Wiederaufschwung des Fremdenverkehrs undenkbar. Der sich jetzt abzeichnende Konsens zwischen moderaten Islamisten und SĂ€kularen ist aber ein Hoffnungsschimmer.