Politik | Ausland
16.05.2018

"Erdoğan spielt sein finales Spiel um die Macht"

Der türkisch-stämmige Schriftsteller Akhanli über den Staatspräsidenten, Faschismus in seiner Ex-Heimat und die Juni-Wahlen

Der lange Arm des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan erreichte ihn im Vorjahr sogar in Spanien. Dort wurde der Schriftsteller Dogan Akhanli, der schon 1992 ins deutsche Exil gegangenen war und nun die Staatsbürgerschaft der Bundesrepublik besitzt, aufgrund eines internationalen Haftbefehls festgenommen. Der Vorwurf der Türkei: Beteiligung an einem Raubüberfall im Jahr 1989 (!). Doch dieser „Versuch der Kriminalisierung“, so der Autor, scheiterte letztlich, Berlin habe interveniert, „nach einem Tag war ich wieder frei“.

Den wahren Grund seiner Verfolgung wähnt Akhanli darin, dass er den Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg als solchen bezeichnet (wie fast alle Historiker) und sich für die Rechte der Kurden einsetzt, eben ein Kritiker der derzeitigen Führung in Ankara sei.

„Diktatur“

Als solcher sei man in der Türkei momentan stets in Gefahr: „Während der Militärdiktatur ging es hauptsächlich gegen Linksradikale. Heute ist die Sache vielfältiger, unberechenbarer. Jeder kann ins Visier geraten. Nach dem Putschversuch (2016) wurden 50.000 Menschen eingesperrt.“ Der Präsident führe das Land seit geraumer Zeit in Richtung einer „faschistischen Diktatur“.

Aus diesem Grund fordert der Literat von der EU, dass sie „lauter und deutlicher Haltung“ einnehmen soll gegenüber Ankara. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel habe zwar früher „große Fehler“ gemacht, als sie Erdoğan 2015 mehrmals besuchte, in einem Jahr, in dem gleich zwei Parlamentswahlen in der Türkei stattfanden. Damit habe sie ihn gleichsam von außen legitimiert. Doch jetzt habe Deutschland erkannt, dass man „mit diesem Mann so nicht zusammenarbeiten kann, weil er unberechenbar ist“, meint der 61-Jährigen. Deswegen seien auch Auftritte türkischer Politiker vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 24. Juni in der Bundesrepublik untersagt worden (in Österreich ebenfalls).

Kicker-Kick für Erdoğan

Dass sich ausgerechnet die zwei deutschen Kicker des Fußball-Nationalteams Mesut Özil und Ilkay Gündogan jüngst mit dem türkischen Staatsoberhaupt fotografieren ließen („mein Präsident“) ist für Akhanli unverständlich. „Das sind doch eigentlich Deutsche“, kritisiert er das Duo. Erdoğan würden solche PR-Bilder helfen, um bei den Auslandstürken (die allermeisten leben in der Bundesrepublik) zu punkten. Für den Präsidenten gehe es um jede Stimme, sagt der Schriftsteller, „denn eigentlich ist seine Zeit abgelaufen. Er spielt sein finales Spiel um die Macht“.

Akhanli rechnet damit, dass der Staatschef beim Urnengang am 24. Juni nicht die absolute Mehrheit erringen und in eine Stichwahl gezwungen wird. „Wenn sich dann alle – inklusive der Kurden – gegen ihn verbünden, haben sie eine echte Chance, zu gewinnen.“

Ob Tayyip Erdoğan eine etwaige Niederlage akzeptieren würde, getraut sich der Literat nicht vorherzusagen: „Aber ich bekomme Angst, wenn ich über ein solches Szenario nachdenke“, zeigt sich Akhanli überaus besorgt, „auch in Syrien konnte sich niemand vorstellen, dass das Land in so einem Chaos enden würde.“

Walter Friedl