Ein Hammerwerfer bei den Hochland-Spielen: stark und rebellisch

© APA/AFP/ANDY BUCHANAN

Großbritannien
09/20/2020

Schottland will weg aus Großbritannien – und rein in die EU

Boris Johnson ist im Norden ein unbeliebter „Clown“. Viele Schotten werfen ihm vor, die Pandemie als Waffe zu benutzen.

von Georg Szalai

Als der britische Premier Boris Johnson Ende Juli Schottland einen Kurzbesuch abstattete, bezeichnete eine Presseaussendung die Union der vier Nationen des Vereinigten Königreichs als „stärker als je zuvor“.

Meinungsumfragen zeigen aber, dass in Wirklichkeit der schottische Drang nach Unabhängigkeit stärker ist als je zuvor.

Bei einem Referendum im Jahr 2014 hatten 55 Prozent der Schotten für die Fortsetzung der seit 1707 bestehenden Union mit England votiert. Eine Umfrage von YouGov fand im August aber 53 Prozent Unterstützung für die Selbstständigkeit, mehr als die Firma je gemessen hatte. Panelbase kam sogar auf 55 Prozent, ebenfalls ein Rekord.

„Das ist kein Ausrutscher,“ sagt Tom Devine, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Edinburgh. Denn schon seit Monaten liegen Befürworter einer Abspaltung vorne. Experten sehen Brexit, Corona und Johnson als Hauptgründe.

Der Brexit verärgerte viele Schotten, weil 62 Prozent von ihnen gegen ihn gestimmt hatten. „Ich würde jetzt absolut Ja zur Unabhängigkeit sagen, mir einen schottischen Pass besorgen und auf einen EU-Beitritt hoffen“, sagt Darion, der als derzeit in London lebender Schotte nicht am Referendum teilnehmen durfte. „Meine EU-Rechte sind mir wichtiger als alles, was Großbritannien bieten kann.“

Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon von der Schottischen Nationalpartei (SNP) sieht das ähnlich und forderte schon vor der Pandemie eine neue Volksabstimmung. Dafür braucht sie aber Zustimmung aus London, die Johnson verweigerte.

Sturgeon legte die Idee für das sogenannte „Indyref2“ im März vorläufig auf Eis, um sich auf den Kampf gegen Corona zu konzentrieren. Am 1. September sagte Sturgeon, dass das die „unmittelbarste Priorität“ bleibe, aber bis zur schottischen Parlamentswahl im Mai Vorschläge für Zeitrahmen und Fragestellung eines zweiten Referendums stehen sollen.

Manche sehen das als strategisches Meisterstück. Johnson sprach kürzlich etwa von der „puren Macht“ der Union und britischem Regierungsgeld, das schottische Jobs in der Pandemie gesichert habe. Sturgeon konterte, er verwende Corona als „politische Waffe.“

Viele Schotten, die seine Partei bei den Parlamentswahlen im Dezember mehrheitlich nicht unterstützten und generell weiter nach links tendieren als andere Briten, sehen Johnson als Feindbild und „Clown“, erklärt Devine.

So auch Darion. Er lobt Sturgeons „sehr pragmatischen Ansatz. Das ist ein echter Kontrast zu Johnson und seiner Gruppe inkompetenter Freunde.“

Tatsächlich finden laut YouGov 72 Prozent der Schotten, dass Sturgeon ihren Job gut macht, aber nur 20 Prozent sagen das über Johnson.

„Schottland schneidet objektiv nicht viel besser ab als der Rest Großbritanniens, was Corona-Fälle und -Tote betrifft“, erklärt Robert Johns, Politologe an der Universität Essex. „Sturgeon ist aber viel besser in Situationen, die Vorsicht und Kompetenz fordern, statt tosenden Optimismus. Da gedeiht auch das Argument für Unabhängigkeit.“

Neues Referendum

Viele Experten erwarten ein neues Referendum erst unter einer Regierung ohne Johnson oder Tories.

Aber die SNP könnte laut Umfragen bei der schottischen Parlamentswahl 2021 eine klare Mehrheit erringen und das als Mandat für eine neue Volksbefragung präsentieren.

Sturgeon hatte bereits versprochen, im Wahlkampf für „Schottlands Recht, unsere eigene Zukunft zu wählen“, einzutreten. Einen britischen Gesetzentwurf für Änderungen am Brexit-Abkommen nannte sie dann „eine unverhüllte Machtübernahme“ Londons; die Unabhängigkeit sei jetzt „die einzige Möglichkeit, das schottische Parlament vor Untergrabung und Erosion seiner Befugnisse zu schützen“.

Unter Druck

Devine sieht die Union auch in Nordirland unter Druck und weist auf wachsende Unterstützung für ein vereintes Irland hin. In Wales wird es dafür ein Unabhängigkeitsreferendum wahrscheinlich noch länger nicht geben. Das walisische Parlament lehnte kürzlich einen solchen Vorschlag klar ab.

Das letzte Mal, als die Union unter so starkem Druck war wie heute, marschierte 1745 die Armee von Charles Edward Stuart aus Schottland bis zum englischen Derby – bevor sie umkehrte, sagt Devine. „Das Vereinigte Königreich war dem Zusammenbruch seit 1745 nie so nahe wie heute.“

Die Schottische Geschichte

Um 843
Die Skoten, ein keltischer Stamm aus Irland, und Pikten vereinigen sich zum Königreich Alba, oder Schottland, das weite Teile der heutigen Landfläche umfasst

Macbeth
Der König regiert 1040–1057. Die Tragödie William Shakespeares hat aber kaum mit historischen Fakten zu tun

Maria Stuart
Schottische Königin muss 1567 zugunsten ihres Sohnes Jakob VI. abdanken. Wird 1587  in England als Hochverräterin geköpft

Zwei Kronen
Jakob VI. wird als Ururenkel von Heinrich VII. auch König von England (und Irland), wo er als Jakob I. regiert

Union 1707
Durch die Vereinigung von Schottland und England entsteht das Königreich Großbritannien. Das britische Parlament ersetzt englische und schottische Volksvertretungen

Devolution
In einem Referendum 1997 stimmen die Schotten für Selbstverwaltung in Bereichen, die das britische Parlament dem Regionalparlament überträgt

2014
In einem Unabhängigkeitsreferendum stimmen 55 Prozent der Schotten für den Fortbestand der Union mit England

Um 843
Die Skoten, ein keltischer Stamm aus Irland, und Pikten vereinigen sich zum Königreich Alba, oder Schottland, das weite Teile der heutigen Landfläche umfasst

Macbeth
Der König regiert 1040–1057. Die Tragödie William Shakespeares hat aber kaum mit historischen Fakten zu tun

Maria Stuart
Schottische Königin muss 1567 zugunsten ihres Sohnes Jakob VI. abdanken. Wird 1587  in England als Hochverräterin geköpft

Zwei Kronen
Jakob VI. wird als Ururenkel von Heinrich VII. auch König von England (und Irland), wo er als Jakob I. regiert

Union 1707
Durch die Vereinigung von Schottland und England entsteht das Königreich Großbritannien. Das britische Parlament ersetzt englische und schottische Volksvertretungen

Devolution
In einem Referendum 1997 stimmen die Schotten für Selbstverwaltung in Bereichen, die das britische Parlament dem Regionalparlament überträgt

2014
In einem Unabhängigkeitsreferendum stimmen 55 Prozent der Schotten für den Fortbestand der Union mit England

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