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Schottland
09/11/2014

"Nichts als Gräuelpropaganda"

Regierungschef Salmond kämpft gegen drohende Abwanderung großer Firmen.

von Konrad Kramar

Alex Salmond ist in Kampflaune – und da kommt ihm BBC-Starreporter Nick Robinson gerade recht. Der Sender, giftet er vor internationalen Journalisten, verbreite nicht nur falsche, sondern auch noch von "Verrätern" zugespielte Informationen. Dagegen werde man gerichtlich vorgehen.

Es sind tatsächlich heikle Informationen, die an diesem Donnerstag, eine Woche vor dem Referendum über Schottlands Unabhängigkeit, die politischen Wogen hochgehen lassen. Die Royal Bank of Scotland, der in der Finanzkrise spektakulär kollabierte und danach verstaatlichte Bankenriese, wolle bei einer Entscheidung für die Unabhängigkeit seinen Sitz nach London verlegen. Eine Quelle aus dem Finanzministerium, so die BBC, habe ihr die Information zukommen lassen. Salmond kontert vor der Presse mit einem Schreiben des Bankvorstands. Der verspricht, die Arbeitsplätze würden in Schottland bleiben. Das Finanzministerium sei also nicht nur für die illegale Weitergabe börsenwirksamer Informationen verantwortlich, sondern auch für den jüngsten Versuch "aus Westminster, den Schotten Angst einzujagen. Nichts als Gräuelpropaganda."

Ölkonzern warnt

Doch was der Regierungschef und Anführer der Unabhängigkeitsbewegung als Gräuelpropaganda abtut, ist eines der stärksten Argumente seiner Gegner. Je näher das Referendum rückt, je knapper das Rennen zwischen dem "Ja" und dem "Nein" zur Unabhängigkeit wird, desto lauter melden sich Wirtschaftsbosse aus allen Sparten mit ihren Bedenken zu Wort. Da denkt der Chef des Versicherungsriesen Standard Life laut über den Abgang aus Schottland nach, und beim Ölkonzern BP macht man deutlich, dass die Förderung des Nordseeöls politische und rechtliche Sicherheit brauche. Und die gebe es eben eher im Vereinigten Königreich als im unabhängigen Schottland.

Es sind vor allem diese wirtschaftlichen Sorgen, die viele Schotten beim "Nein" bleiben lassen. Bedenken, die Schottlands regierende Nationalisten von der SNP nicht so leicht entkräften können. "Da geht es um die wichtigste Entscheidung in 300 Jahren schottischer Geschichte und nicht um ein paar Unternehmer, die unzufrieden sind", ärgert sich auch SNP-Fraktionschef Angus Robertson gegenüber dem KURIER: "Diese kleinlichen Bedenken sind außerdem nicht neu. Das sind immer wieder die gleichen Firmen." Die Regierung in London, macht auch Salmond seinem Ärger Luft, "sucht diese Firmen verzweifelt, damit sie solche Sachen sagen".

Doch diese Zwischenrufe aus der Wirtschaft stören die Botschaft der Unabhängigkeitsbewegung von der strahlenden wirtschaftlichen Zukunft Schottlands, wenn diesem nur einmal London nicht mehr im Weg stehen würde. Sozialer und gerechter solle der schottische Weg sein, den die SNP einschlagen will. Unablässig beruft man sich darauf, dass man hier im Norden immer schon sozialer, linker gewesen sei als in England. "Ein nationaler Mythos", gibt sich Alan Convery, Politologe an der Universität Edinburgh gegenüber dem KURIER skeptisch: "Schottland ist ein konservatives Land, das sich gerne rebellisch gibt."

Grenzen zu ziehen ist noch keine Antwort

Es fällt schwer, sich der Begeisterung zu entziehen, die in Schottland und der spanischen Region Katalonien weite Teile der Bevölkerung erfasst hat. Ein eigener Staat, die Loslösung von einem traditionell ungeliebten Mutterland, ist auf einmal zum Greifen nahe. In Schottland stimmt man kommende Woche, in Katalonien aller Erwartung nach im November, über die Unabhängigkeit ab. Da schwenken auf einmal junge Leute Nationalflaggen, stimmen auf der Straße Hymnen an und begeistern sich für eine politische Idee – und die ist natürlich bestechend simpel. Die Grenze, die man um die neue Heimat ziehen will, ist nicht nur eine Möglichkeit, die eigene, vielleicht bisher recht wackelige Identität auf einen Sockel zu stellen, sondern scheinbar auch alle Schwierigkeiten – ob wirtschaftlich oder politisch – dahinter abzulagern. Für all das kann man auf einmal die anderen, jenseits der Grenze verantwortlich machen

Ist es nicht das gierige, und obendrein rechts der Mitte regierte London, das den Ölreichtum der Schotten anzapft, das faule, bürokratische Madrid, das dem arbeitsamen Katalonien die Steuerschrauben anzieht? So leicht funktionieren auf einmal Schuldzuschreibungen. Doch nur solange, bis die tatsächlich zum Ziel führen – und diese Regionen auf einmal als Staat dastehen. Dann gibt es kein London mehr, das für Schottlands krasse soziale Gegensätze verantwortlich gemacht werden kann, für seine oft veraltete, nicht konkurrenzfähige Industrie, kein Madrid, dem man die Schuld für Kataloniens kollabierendes Bankensystem geben kann. Eine Grenze, irgendwoher aus der Geschichte herbeizuzaubern, löst keine Probleme, sie ist oft nur ein billiger Vorwand, um mit Vorurteilen Politik zu machen.

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