Politik | Ausland
08.09.2018

Sawsan Chebli: Zwischen den Fronten

Sie ist Politikerin, Feministin und gläubige Muslimin – das macht sie für Rechte wie Liberale zum Feindbild.

Wird in Deutschland über Muslime oder Migration diskutiert, fällt meist ihr Name: Sawsan Chebli, 39 Jahre, Berliner Staatssekretärin für Bürgerliches Engagement und Internationales. Es gibt wenige Hauptstadtpolitiker, die über Berlin hinaus, so präsent und gleichzeitig polarisierend sind, wie die SPD-Frau. Vergangene Woche war sie es auch in Österreich – allerdings unfreiwillig. Der Abgeordnete Efgani Dönmez hatte sich via Twitter sexistisch über sie geäußert, mit seinem Beitrag suggerierte er, dass sie ihre Karriere sexuellen Gefälligkeiten verdanke. Nachdem die Kritik aus dem Netz auch offline aufschlug, musste Dönmez den ÖVP-Klub verlassen. Chebli selbst äußerte sich nicht, Interview-Anfrage lehnte sie ab. Zu sagen hätte sie aber viel.

Sie war eine der ersten deutschen Politikerinnen, die Sexismus offen thematisierten. Als sie ein Ex-Botschafter bei einer Veranstaltung nicht erkannte („Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind sie auch so schön“), postete sie via Facebook, was ihr Zuspruch wie Attacken einbrachte. Viele bezogen sich auf ihre Religion bzw. Familiengeschichte.

Sie ist Tochter von Palästinensern, die 20 Jahre in einem Flüchtlingslager im Libanon lebten, bevor sie in den 1970ern nach Deutschland kamen, wo Sawsan Chebli 1978 in Westberlin als zwölftes von dreizehn Kindern zur Welt kam. Bis zum 15. Lebensjahr blieb sie staatenlos. Ihr Vater, ein Analphabet, der nie Deutsch lernte, ermutigte seine Tochter dazu. „Ohne ihn wäre ich nicht dort, wo ich bin“, erklärte sie später in der Zeit. Nämlich dass sie Politik studierte, mit 20 zur SPD ging und dort Karriere machte. Und egal, was sie seither sagt, tut oder mit was sie aneckt – ihre Biografie haben Kritiker wie Förderer immer schnell bei der Hand.

Einer, der ihr wohlgesonnen ist: Frank-Walter Steinmeier. Er holte sie 2014 als stellvertretende Sprecherin ins Außenamt – als erste Muslimin in solch einer Position. Als sie 2016 der Regierende Bürgermeister Michael Müller holte, sah man in ihr eine Brückenbauerin zur muslimischen Gemeinschaft. Sie setzt sich für Frauen ein, zeigt deren Diskriminierung auf, meist in sozialen Medien („Klos putzen mit Kopftuch? Ja, das passt. Ärztin mit Kopftuch? Nee, das gehört nicht dazu“).

Umstrittene Scharia-Aussage

Extremisten wie auch liberale Muslime, die für ein Kopftuchverbot sind, arbeiteten sich an ihr ab. Ebenso wie an ihren Aussagen in der FAZ. 2016 erklärte sie, dass die Scharia „zum größten Teil das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen regelt. Das stelle sie daher „als Demokratin vor kein Problem“. Seither gab es kaum ein Interview, in dem sie sich nicht erklären musste. In der Zeit liest sich das so: „Scharia beinhaltet rituelle Vorschriften für das Gebet und das Verhalten gläubiger Menschen, darunter die Verpflichtung zu Almosen. Das alles fällt unter die Religionsfreiheit. Andere Vorschriften der Scharia widersprechen ganz klar dem Grundgesetz und haben in einem demokratischen Staat nichts zu suchen.“

So differenziert sie sich dazu äußert, so kompromisslos steht sie militanten Islamisten gegenüber. Nach den Terroranschlägen von London rief sie auf, sich von jenen zu distanzieren, die die Religion missbrauchen. Als es in Berlin nach Trumps Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem zu anti-israelischen Demos kam, erhob sie ebenfalls das Wort, was ihr erneut Gegenreaktionen einbrachte.

Damit hat Chebli gelernt umzugehen, ebenso mit der Frage, warum sie als gläubige Muslimin kein Kopftuch trägt, wie sie 2016 via Welt klar stellte: „Ich selbst liebe es, frei zu sein, und möchte, dass jede Frau frei sein können muss, zu tragen, was sie will und nicht permanent in Rollen gesteckt wird“.