Saudi-Wirtschaft bricht ein: Riad sucht Verbündete gegen Houthis im Roten Meer
Saudischer Kronprinz Mohammed bin Salman
Die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Krieges sind längst weit über den Nahen Osten hinaus zu spüren – mit steigenden Benzinpreisen oder mit neuen Verwerfungen in den Lieferketten der europäischen Industrie. Besonders hart trifft die Eskalation jedoch die Staaten am Persischen Golf. Zunehmend gerät dabei auch Saudi-Arabien unter Druck.
Noch Mitte April, also rund eineinhalb Monate nach Beginn des Iran-Krieges, hatten Weltbank und Währungsfonds Saudi-Arabien ein Wirtschaftswachstum von mehr als 3 Prozent in diesem Jahr zugetraut. Doch die Eskalation des Konflikts zwischen Washington und Teheran macht diese Hoffnung zunichte.
Vor Rezession
Am Donnerstag meldete Riad einen scharfen Einbruch der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal. Der stetig größer werdende Nicht-Ölsektor der regionalen Großmacht stabilisiert zwar etwas, doch der massive Rückgang des Ölhandels um fast 25 Prozent ließ das BIP des größten Ölexporteurs der Welt in Summe um 4,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einbrechen.
Eine Entspannung des Konflikts mit dem Iran und seinen Verbündeten im Libanon oder Jemen ist nicht in Sicht. Viel eher dürfte im Gesamtjahr deshalb die pessimistische Prognose der britischen Economist Intelligence Unit eintreten: Für 2026 erwartet das Analyseinstitut einen Rückgang des realen BIP um 2 Prozent - Saudi-Arabien stünde damit vor einer Rezession.
Für den Rückgang des Ölgeschäfts gibt es vor allem einen Grund: Teheran blockiert noch immer die Straße von Hormus im Persischen Golf. Durch diese Meerenge werden in Friedenszeiten rund 20 Prozent des globalen Rohöls und verflüssigten Erdgases transportiert. Auch für die Saudis, deren ergiebige Ölfelder im Osten der arabischen Halbinsel liegen, ist der Golf und die Straße von Hormus der traditionelle Transportweg für ihr Öl zu den Abnehmern in Asien.
Als Alternativroute dient bisher eine Pipeline bis in zu den Ölhäfen im Westen des Landes und der Abtransport des schwarzen Goldes mit Supertankern in südlicher Richtung durch die Meerenge Bab al-Mandab - das zweite Nadelöhr der Weltwirtschaft.
Durch diese Meerenge zwischen dem Roten Meer und dem Golf von Aden werden normalerweise zusätzliche 5 bis 7 Prozent des global gehandelten Öls verschifft.
Allianz zum Schutz des Ölexports
Riad will - oder muss - nun eine internationale Allianz schmieden, um den Öltransport im Roten Meer abzusichern. Denn die mit dem Iran verbündeten Houthi-Rebellen im Jemen greifen saudische Schiffe an, die sich ihrer vor kurzem ausgerufenen Seeblockade widersetzen.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um militärischen Druck, sondern auch um wirtschaftliche Kontrolle. Die Houthis wollen Teherans Mautsystem kopieren. Wie den Iranern schwebt auch den Houthis vor, künftig Gebühren für die Passage bei Bab al-Mandab zu kassieren. Das kann Riad nicht zulassen, denn der Weg in den Norden ins Mittelmeer durch den Suez-Kanal und um Afrika herum nach Asien dauert ungleich länger und ist daher viel teurer. Dazu kommt ein praktisches Problem: Die Supertanker passen schlicht nicht durch den Suez-Kanal - nur deutlich kleinere Schiffe.
Wie diese Allianz aussehen soll, darüber gibt es aktuell noch kaum Informationen. Die genaue Zusammensetzung des Bündnisses stehe noch nicht fest und werde mit Dutzenden Ländern erörtert, sagten zwei mit den Beratungen vertraute Personen.
Doch der Konflikt eskaliert auch zu Lande. Erst am vergangenen Freitag hat das Militärbündnis unter Führung von Saudi-Arabien Ziele der Houthi-Miliz im Jemen angegriffen. Die Luftschläge gegen Houthi-Stellungen wurden als Reaktion auf den „maritimen Terrorismus“ der Miliz ausgeführt, hieß es.
Das zweite Nadelöhr der Weltwirtschaft
Ursprünglich hat der Iran nach Berichten die Houthis darum gebeten, auch die Meerenge Bab al-Mandab zu blockieren, um den Preis des Krieges für die USA weiter in die Höhe zu treiben.
„Nach der Schließung der Straße von Hormus vergrößert die Blockade des Roten Meers die ohnehin beträchtlichen Probleme in der globalen Energieversorgung“, sagt Jens Heibach, Jemen-Experte am deutschen Giga („German Institute for Global and Area Studies“). Besonders brisant sei die Lage, weil die Internationale Energieagentur zuletzt mitgeteilt habe, dass bereits drei Viertel der strategischen Ölreserven in Höhe von 400 Millionen Barrel aufgebraucht seien, die seit Beginn des Iran-Krieges mobilisiert wurden.
Unterdessen weitet sich die militärische Konfrontation zwischen Washington und Teheran weiter aus. Die USA haben nach einer einwöchigen Feuerpause wieder Ziele im Iran angegriffen. Die US-Streitkräfte reagierten nach eigenen Angaben auf „iranische Angriffsversuche auf im Nahen Osten stationierte US-Streitkräfte“ am Vortag. Das US-Regionalkommando hatte dazu erklärt, dass der Iran einen „Überraschungsangriff“ auf US-Truppen in Jordanien versucht habe. Dieser sei aber abgewehrt worden.
Trotz der gegenseitigen Angriffe gehen die Verhandlungen zwischen Teheran und Washington weiter. Das sagt der Vermittler Pakistan.
„Die Verhandlungen zwischen den Parteien laufen weiter, insbesondere zur Straße von Hormus und zur Deeskalation“, sagte der pakistanische Außenamtssprecher Tahir Andrabi vor Journalisten in Islamabad. „Wir setzen unser Äußerstes daran, alle Parteien zum Islamabad-Memorandum zurückzubringen.“
Kommentare