Politik | Ausland
03.09.2017

Einmal Mekka & Medina und retour

KURIER-Lokalaugenschein in der Stadt des Propheten Mohammed. Millionen Pilger auf der Hadsch.

Der Lärm in der Nähe der Prophetenmoschee in Medina ist unvorstellbar. Gespräche, Klingeltöne, Ventilatoren, Hupen und Schreie hallen durch die Straßen und bringen Trommelfelle zum Vibrieren. Das Nachmittagsgebet ist soeben zu Ende gegangen und die Moschee leert sich. Es ist schwierig zu schätzen, wie viele Menschen die Moschee verlassen, es ist so, wie wenn sich mehrere Fußballstadien gleichzeitig leeren. Mehr als zehn Minuten dauert es, bis der Menschenfluss langsam aufhört.

Der Verkehr vor der Moschee kommt zu einem absoluten Stillstand. In der vierspurigen Straße vor dem Dar Al Iman Intercontinental Hotel in Medina, direkt hinter der Moschee, stehen zwei Dutzend Busse in drei Reihen geparkt. Ein weiteres Dutzend wartet vergebens darauf durchzukommen. Der Frust bei den Busfahrern steigt. Die Pilger stellt das Chaos vor eine Geduldsprobe. Auch sie wollen weiterkommen. Richtung Mekka. Endlich die Kaaba sehen. Manche von ihnen sind gekränkt, weil sie sich nicht vom Fleck rühren.

Trotz Chaos Ruhe

Andere wiederum haben den Geist Medinas verinnerlicht und bleiben ruhig. Einer von ihnen ist Edin Cviko, bosnischer Staatsbürger, 33 Jahre alt, zum ersten Mal in seinem Leben pilgert er in Saudi Arabien. Kurze, dunkle, nach oben gegelte Haare. „Medina ist die Ruhe selbst. Die Menschen hier respektieren weder Raum noch Zeit, doch es herrschen in diesem Chaos trotzdem Ruhe und Ordnung”, sagt Cviko.

Irgendwo hat er Recht. Die einheimischen Autolenker bleiben seelenruhig. Sie sind solche Szenen sowohl während als auch außerhalb der Pilgerzeit gewöhnt. Doch ihre Ruhe soll auch mit der Prophetenmoschee zu tun haben. Sie gilt als zweitheiligste Moschee der Welt, unter anderem weil der Prophet hier begraben liegt. Die Stadtlegende besagt, dass die Medinenser deshalb ruhiger veranlagt sind. Weil sie aus Respekt zum Propheten nicht ihre Stimmen erheben oder Streit anzetteln wollen.

Medina hat mir geholfen mich zu beruhigen”, sagt Cviko. Er und seine Gruppe bereiten sich für die Fahrt nach Mekka vor, wo sie die Hadsch-Rituale beginnen. Die meisten Hadsch-Veranstalter gestalten die Reise so, dass sie mit Medina beginnen. Die Stadt ist eine Art Vorbereitungskurs für den Hadsch. Man akklimatisiert sich hier an die riesigen Massen, die Menschen in Sekunden zu Tode trampeln können. So besiege man seine Angst, heißt es.

Pompöse Moschee

Medina liegt im Westen Saudi Arabiens. Etwa 220 Kilometer vom Roten Meer und 800 Kilometer von der Hauptstadt und dem Machtzentrum Riad entfernt. Sie ist von einer harschen Felsgegend umgeben, in der nur vereinzelt Beduinenstämme leben. Die Moschee ist das pulsierende Herz Medinas. Sie liegt im Zentrum der Stadt und bietet Platz für bis zu einer Million Menschen. Auf dem Platz um der Moschee ist prächtiger, weißer Marmor verlegt, der die Hitze der gnadenlos brennenden Sonne aufsaugt und das Barfußgehen unmöglich macht. 250 gigantische, mechanische Sonnenschirme sorgen für Schatten. Die zehn Minarette der Moschee ragen etwa 100 Meter in die Höhe. Die Moschee selbst ist pompöser gestaltet als der Vatikan, mit prächtig dekorierten Decken, mindestens einhundert vergoldete Kronleuchter, unzählige Säulen aus weißem Marmor und goldenen Verzierungen. Das Gräber des Propheten und seine Gattin Aischa sind in einem kleinen Bau innerhalb der Moschee integriert. Der Komplex ist etwa 80 Quadratmeter groß, ist grün angemalt und mit goldener, arabischer Kalligraphie verziert.

Die Moschee ist ein eigener Mikroorganismus. Zu jedem Zeitpunkt befinden sich zehntausende Menschen in ihr. Es gibt welche, die schlafen oder essen, viele sitzen in kleinen Gruppen und lesen im Koran.

Hunderte Putzmänner schwirren durch den Komplex, saugen die Böden, wischen die Marmorsäulen ab, kontrollieren, ob alle Glühbirnen noch brennen, tauschen Wasserspender und Plastikbecher aus. Die meisten Menschen stehen freilich vor dem Grab des Propheten und beten.

Sobald man den Komplex durch einen der über zwei Dutzend Ausgänge verlässt, ist es mit der Ruhe vorbei, und die Konsumkeule schlägt erbarmungslos zu. Im Umkreis von zwei Kilometern von der Prophetenmoschee gibt es keine leerstehenden Geschäfte. Dort werden allerhand Nippes und Souvenirs Made in China und Indonesien angeboten. Wer nicht bereit ist zu feilschen, wird hier leicht abgezockt. Dazwischen stehen riesige, luxuriöse Hotelanlagen, wo eine Nacht mehrere Hundert Euro kostet. Pilger gelten als Massenwaren für das schnelle Geschäft, die so schnell wie möglich abgefertigt werden müssen. Am besten besucht sind aber die Apotheken. Wegen den extremen Temperaturunterschieden erkranken viele. Draußen werden über 40 Grad gemessen, jeder Bus, jedes Hotel und jedes Geschäft wird erbarmungslos auf 20 Grad runtergekühlt.

„Kein Wunder, dass mein Hals schmerzt“, sagt Cviko, der sich nach Halslutschtabletten sehnt. Am Tag zuvor war Cviko in der Quba Moschee, die etwa 14 Kilometer entfernt von der Prophetenmoschee steht. Sie gilt als die älteste Moschee der Welt und war das erste Gebetshaus, das der Prophet Muhammad in Medina gebaut hat, nachdem er aus Mekka vertrieben wurde.

Mekka kann kommen

Die Faszination von Medina lässt sich nur verstehen, wenn man die Geschichte der Moscheen kennt und versteht, meint Civko. Man betet dort, wo der Prophet gebetet hat. Man besucht Plätze, die auch der Prophet besucht hat. „Ich habe gestern nahezu die ganze Nacht in der Moschee verbracht. Ich wollte meine Zeit mit dem Propheten nutzen“, sagt Cviko und zündet sich eine Zigarette an.

Aus einer Nebenstraße biegt ein Gabelstapler, der normalerweise in großen Lagerhallen zum Einsatz kommt, der hier aber das Gepäck von Pilgern zu den wartenden Bussen bringt. Es sind geschätzte 150 XL-Format Reisekoffer auf dem Stapler aufgeladen, und ungefähr noch mal so viele warten darauf transportiert zu werden. Um ihn herum hetzen hunderte Hajjis, Pilger. Sie reden Arabisch, Urdu, Indonesisch, Englisch mit einem Manchester Dialekt, Türkisch und weitere, für europäische Ohren nicht geläufige Sprachen. Sie wollen in den unzähligen Geschäften die letzten Geschenke aus Medina kaufen.

Im Hintergrund hört man den Aufruf zum Totengebet, welches in der Prophetenmoschee nach jedem der fünf täglichen Gebete gebetet wird. Vereinzelt kehren einige Pilger zurück zur Moschee. Jedoch nicht jene, die im Bus sitzen. Sie warten immer noch darauf endlich weiterfahren zu können. Der Geist Medinas hat sie berührt und gestärkt. Sie sind bereit für Mekka. Dort wartet für Cviko und seine Gruppe aber erst die wirklich Geduldsprobe.

Von Muhamed Beganovic