© Susanne Koelbl

Politik Ausland
07/24/2019

Saudi-Arabien: „Der Kronprinz lässt ihnen auch keine Wahl“

Das Land wird liberaler, wie wirkt sich das aus? Spiegel-Reporterin Susanne Koebl war drei Monate vor Ort.

von Sandra Lumetsberger

Wer Saudi-Arabien hört, hat schnell Extreme vor sich: Ölreichtum, Wüste, konservative Kleriker und eine Monarchie, die keinen Widerspruch duldet. Man hört von Modernisierungsmaßnahmen, hat aber keine konkreten Bilder im Kopf. Susanne Koelbl, Auslandsreporterin beim Spiegel, versucht diese Blackbox in ihrem Buch ("Zwölf Wochen in Riad") zu öffnen und ist in eine Gesellschaft eingetaucht, die gerade im Umbruch ist. 

KURIER: Sie waren in Afghanistan, Syrien, Iran, Irak – nun für drei Monate in Saudi-Arabien. Ein Land, in das man nicht einfach einreisen und sich länger aufhalten kann. Wie nah sind Sie an die Menschen gekommen? 

Susanne Koelbl: Ich hatte einen Vermieter, Nachbarn und habe viele Leute kennengelernt, die mich zu ihren Unternehmungen eingeladen haben, zum Beispiel zu ihrer Hochzeit. Das Erleben war viel umfassender, als das, was man üblicherweise politisch versteht und analysiert. Zum Beispiel wie das Leben einer Frau aussieht, die das Gleiche auf dem Handy sieht wie ich, aber ein gänzlich anderes Verhältnis zu ihrem Mann hat und die Stadt nicht verlassen darf.

Wie gehen Frauen damit um?

Man traut ihnen nicht zu, Verantwortung zu übernehmen. Eine Freundin wollte mit den Kindern nach Mekka, doch ihr Mann war dagegen – sie könnte eines der Kinder verlieren. Sie  hat das akzeptiert und sich zurückgezogen, weil sie keinen Streit wollte. Das ist in ihrer Kultur so.

Dabei befindet sich das Land im Umbruch. Der Kronprinz hat die Pflicht zur Ganzkörperverschleierung aufgehoben. Dennoch haben Sie wie viele andere auch Abaja getragen. Was macht das mit einem?

Ich hatte einmal vergessen, die Abaja überzustreifen und und bin an einem Freitag, dem muslimischen Sonntag, gedankenverloren auf dem Weg zur Mülltonne auf die Straße spaziert. Da sah mich der Nachbar und rief erschrocken,  ich solle mich wieder verhüllen. Daran habe ich begriffen, wie sich Frauen stets in der Gefahr fühlen, sündhaftes Verhalten zu begehen.

Wie kommen diese Menschen mit der Liberalisierung zurecht? Frauen dürfen seit einem Jahr auch Auto fahren …

Ich habe eine Frau kennengelernt, die in der konservativsten Gegend  aufgewachsen ist, aber studieren durfte und Karriere machte. Jetzt ist sie 30 und es heißt plötzlich: Der Nikab ist gar nicht zwingend vorgeschrieben; Aber 40 Jahre galt der Gesichtsschleier als absolutes Muss. Sie fragt sich jetzt: Wenn das alles nicht mehr verbindlich ist, was ist richtig und falsch?

Die Revolution bringt also auch Frust mit sich?

Diese Frau weiß, dass sie nicht mehr von der Liberalisierung profitieren wird. Ihr Vater erlaubt ihr nicht unverheiratet in eine andere Stadt zu gehen, obwohl sie dort ein gutes Job-Angebot hätte. Sie wird bei ihrer Familie bleiben, weiter Nikab tragen, ihr Gesicht nie zeigen. So ergeht es vielen. Sie sehen zwar die Möglichkeiten, verharren aber in den Limitierungen, die ihre Eltern vorgeben.

Abgesehen davon gibt es Popkonzerte und Comic-Messen. Warum lässt man das nun zu?

Zirka 50 Prozent der Bevölkerung sind unter 30 Jahre, teils sehr gut ausgebildet. Die sind hungrig nach allem, was sie im Internet und im Ausland sehen. Die Herrscher in Riad haben verstanden, dass man ihnen etwas bieten muss – man könnte sagen, um Dampf aus dem Kessel zu lassen, damit er nicht explodiert. Gleichzeitig ist es  eine Überlebensstrategie: Der Marktwert von Öl, der Hauptware des Landes, ist tief gefallen. Das verkürzt den Finanzhebel, mit dem man sich die Zufriedenheit der Leute erkaufte. Also will man die Wirtschaft schnell umbauen, um neue Jobs in anderen Sektoren zu schaffen und setzt auch auf erneuerbare Energien.

Warum passiert das alles erst jetzt?

Die vormaligen Herrscher hatten den Mut nicht, die längst überfälligen Veränderungen einzuleiten. Aber nun ist diese Transformation eine Frage des politischen Überlebens geworden. Saudi-Arabien war lange ein in sich geschlossenes System. Dabei hatte die Herrscherfamilie den wahhabitischen Religionsführern die gesellschaftliche Kontrolle weitgehend überlassen. Die Religionsführer wiederum erlaubten den Männern, die Frauen zu kontrollieren. Dieses System hat gesellschaftliche Machtverhältnisse geschaffen, die nicht so leicht aufzulösen sind.

Wie geht der Kronprinz gegen die Religionsführer vor?

Die wahhabitischen Religionsführer wissen, dass sie und ihre Lehre ohne die Herrscherfamilie nicht überleben können und zeigen sich deshalb plötzlich flexibel im Ausgeben von Regeln. Aber der Kronprinz lässt ihnen auch keine Wahl. Das gilt für die Religionsführer ebenso wie für die Aktivistinnen, die im Gefängnis gefoltert wurden, die Schiiten, die hingerichtet wurden, Geschäftsleute, die ihre alten Privilegien verlieren. Ebenso wie für Journalisten. Wer mit dem neuen Kurs nicht folgt, wird unter Druck gesetzt und muss mit Strafe rechnen.

Der Journalist Jamal Khashoggi, den Sie gut kannten, wurde brutal in Istanbul ermordet.

Ich war gerade im Osten des Landes und dachte mir, wie rechtlos und willkürlich geht es hier zu. Wo beginnen hier die Limits? Auf was kann man sich verlassen? Was bedeutet das für die Journalisten und  Korrespondenten? Und genau das war die Botschaft der Herrscher: Wer gegen uns ist, ist nirgends sicher. Die Gesetze machen wir.

Wie haben die Leute darauf reagiert?

Viele waren erschüttert über die Art der Hinrichtung. Sie waren verärgert, weil das Land durch den Mord an Ansehen eingebüßt hat. Khashoggi galt als Teil des politischen Establishments, bis er sich abwandte. Er war ein starker Kritiker des jungen Kronprinzen und für uns Internationale so etwas wie der Übersetzer, der Erklärer des Königreichs. Er verstand die Innereien des Landes, die Rivalitäten in der Königsfamilie.

Wird für den Mord überhaupt wer zur Verantwortung gezogen?

Der Prozess wird, wenn er überhaupt kommt, schwer zu verfolgen sein. Er ist nicht öffentlich. Bis heute sind die Namen der Angeklagten nicht bekannt, ebenso wenig die Verantwortungskette und wem man was vorwirft. Am wichtigsten für die  Regierung war und ist, den Kronprinzen aus dieser Sache herauszuhalten. Donald Trumps Steilvorlage, dass womöglich irgendwelche Elemente aus dem Ruder gelaufen sein könnten, hat man dankbar aufgenommen. 

Die Mächtigen der Welt wollen und können nicht auf eine Kooperation verzichten. Wie soll Europa mit dem Land umgehen?

Es ist schwierig, weil Abhängigkeiten bestehen, die wir im ersten Moment vielleicht auch unterschätzen. Da geht es weniger um Wirtschaft als um unsere Sicherheit und Aufklärungsergebnisse, die wir von den Saudi-Arabern erhalten. Wenn wir die nicht haben, fällt es uns schwer, Gefährder zu identifizieren oder terroristische Gefahren abzuwenden. Es ist zurzeit eine schwierige, komplizierte Beziehung.

So modern sich der Kronprinz gibt, in welche Richtung steuert er Saudi-Arabien?

Mohammed bin Salman will  den Transformationskurs mit aller Macht voranbringen. Die Gesellschaft wird liberaler, aber nicht die Politik. Um das Protestpotenzial niedrig zu halten, wird alles getan, um das Volk unter Kontrolle zu halten, dies geschieht vor allem durch elektronische Überwachung. Das führt dazu, dass die Menschen sich völlig unpolitisch geben und aus Angst Politik aus Gesprächen völlig ausblenden. Es gibt Menschen, die das nicht stört. Jene, die reflektiert, selbstbewusst sind und im Ausland waren, empfinden das dagegen als bedrückend.

Ist eine politische Revolte absehbar?

Es hängt alles an dieser einen Führungsperson, Kronprinz Mohammed bin Salman, wenn er bleibt - und danach sieht es aus - werden die Dinge so weitergehen. Ein Aufstand ist kaum denkbar, schon weil die Kontrolle so engmaschig ist. Die Saudi-Araber fürchten außerdem nichts mehr, als eine Verschlechterung der Lage. Sie sehen, was in ihrer Nachbarschaft geschieht, im Jemen, in Syrien und in Ägypten, wo es den Menschen viel schlechter geht als ihnen. Sie wollen auf jeden Fall verhindern, dass es ihnen und ihrem Land ebenso ergeht.

Buchtipp: Susanne Koelbl hat ihre Recherchen in Buchform gebracht: „Zwölf Wochen in Riad. Saudi-Arabien zwischen Diktatur und Aufbruch“, DVA, 320 Seiten, 22 Euro.

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