Selenskij klettert aufs Kirchen- Dach und kündigt Vergeltung an
In Kiew wurde eine religiöse Pilgerstätte von einem russischen Luftangriff getroffen.
Zusammenfassung
- Das UNESCO-geschützte Höhlenkloster in Kiew steht in Brand, Russland beschuldigt den Westen.
- Bei Angriffen auf Kiew und andere Städte gab es mindestens elf Tote, Dutzende Verletzte sowie Stromausfälle und Brände.
- Auch Russland meldete Tote durch ukrainische Drohnenangriffe und Schäden an Brücken zwischen Cherson und der Krim.
Während einer neuen Welle russischer Luftangriffe auf die Ukraine ist auch die Hauptkirche des zum Weltkulturerbe zählenden Höhlenklosters in Kiew in Brand geraten. Militärgouverneur Tymur Tkatschenko sprach von „ernsthaften Schäden“ auf dem Gelände. Landesweit gab es ukrainischen Behördenangaben zufolge mindestens elf Tote und Dutzende Verletzte. Medienberichten zufolge setzten die russischen Angreifer mehr als 50 Raketen und rund 500 Drohnen ein.
Weltberühmte Pilgerstätte
Bilder der Schäden am jahrhundertealten Höhlenkloster in Kiew machten in sozialen Netzwerken schnell die Runde - wobei unklar blieb, ob die weltberühmte Pilgerstätte wegen direkter Einschläge russischer Geschosse oder durch herabfallende Trümmer nach dem Einsatz der Flugabwehr in Brand geraten war. Flammen züngelten aus dem Dach unter den vergoldeten Kuppeln der Mariä-Entschlafens-Kathedrale.
Russland wies Vorwürfe zurück, für den Beschuss und die Schäden an dem Kloster verantwortlich zu sein. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums sei stattdessen eine US-amerikanische Patriot-Luftabwehrrakete auf dem Gelände eingeschlagen. Als mögliche Ursache für den Vorfall nannte Moskau technische Probleme des Systems und verwies auf die Möglichkeit, dass von westlichen Staaten gelieferte Raketen ihre vorgesehene Nutzungsdauer bereits überschritten hätten.
Die betroffene Klosteranlage auf den Hügeln am Fluss Dnipro steht unter dem Schutz der UN-Kulturorganisation UNESCO und gehört seit 1990 zum Weltkulturerbe. Ihre Ursprünge reichen bis ins 11. Jahrhundert zurück. Herzstück ist die 1941 im Zweiten Weltkrieg zerstörte und erst Ende der 1990er Jahre wieder aufgebaute Kathedrale. Im unteren Teil des Klostergeländes mit mehreren Museen befindet sich das im Mittelalter angelegte Höhlensystem mit mumifizierten Überresten von Geistlichen. Dieser Teil wird weiterhin von der ukrainisch-orthodoxen Kirche genutzt, die sich bis zum russischen Einmarsch 2022 als Teil des Moskauer Patriarchats sah, danach jedoch von Moskau lossagte.
Der Angriff löste international Bestürzung aus. Bundeskanzler Christian Stocker beklagte die Schäden an der Weltkulturerbestätte und drückte angesichts der getöteten Zivilisten sein Mitgefühl aus. Auf X erklärte er, ohne Kremlchef Wladimir Putin direkt zu nennen: „Ein Staatslenker, der Angriffe wie diese gegen Zivilisten und Kulturerbestätten befiehlt, sucht nicht den Frieden und hat kein Interesse an ernsten Verhandlungen.“ Die EU werde den Druck auf Russland erhöhen und die Ukraine weiter unterstützen.
Vergleich mit Notre-Dame
Auch Frankreich verurteilte die Angriffe scharf. Außenminister Jean-Noël Barrot verglich die Beschädigung des Höhlenklosters mit einem Bombardement der Pariser Kathedrale Notre-Dame. „Dies ist ein UNESCO-Weltkulturerbe, was für uns in Frankreich so wäre, als ob Notre-Dame oder Saint-Denis bombardiert worden wären“, sagte er bei einem Treffen der EU-Außenminister in Luxemburg.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte vor Beginn des G7-Gipfels in Évian an, über weitere Schritte zur Erhöhung des Drucks auf Russland zu beraten. Ziel sei es, Präsident Wladimir Putin an den Verhandlungstisch zu bringen und das „sinnlose Töten“ zu beenden. Europa will Frieden. Niemand mehr als das ukrainische Volk. Russland hingegen hat erneut gezeigt, dass es allein an Gewalt und Zerstörung interessiert ist, schrieb sie auf X. Metropolit Awraamij rief die internationale Gemeinschaft unterdessen dazu auf, sich für den Schutz des geistigen und kulturellen Erbes der Ukraine einzusetzen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij machte sich zudem selbst ein Bild von den Schäden am berühmten Höhlenkloster in Kiew. Dabei stieg er gemeinsam mit Geistlichen und Regierungsvertretern auf das Dach der schwer beschädigten Mariä-Entschlafens-Kathedrale. Auf von Selenskij veröffentlichten Aufnahmen sind die Zerstörungen deutlich zu erkennen. Der Präsident warf Russland einen gezielten Angriff vor und kündigte eine „gerechte Antwort“ der Ukraine an.
Nach Angaben der Kirchenführung konnten die wertvollen Ikonen, Reliquien und weiteren religiösen Schätze des Klosters rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Die historischen Kulturgüter seien bei dem Brand nicht beschädigt worden.
Explosionen in Kiew - fünf Tote in Charkiw
In der Innenstadt von Kiew waren in der Nacht zunächst knapp zwei Dutzend - mutmaßlich von der Flugabwehr ausgelöste - Explosionen zu hören, wie ein Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur berichtete. Bürgermeister Vitali Klitschko zufolge gab es in drei Stadtteilen Einschläge und mindestens 23 Verletzte. Demnach kam es auch zu weitflächigen Stromausfällen und Bränden. Etwa 30 Fahrzeuge sollen in Flammen aufgegangen sein. Militärgouverneur Tkatschenko sprach von mehr als 40 Einschlägen in der Hauptstadt. Bisher gebe es vier Todesopfer, schrieb er am frühen Morgen.
Noch ist unklar, ob die Klosteranlage auf den Hügeln am Fluss Dnipro wegen direkter Einschläge russischer Geschosse oder durch herabfallende Trümmer nach dem Einsatz der Flugabwehr in Brand geraten war.
Auch aus anderen ukrainischen Regionen wurde heftiger Beschuss gemeldet. Allein in Charkiw seien fünf Rettungskräfte infolge der Luftangriffe getötet und vier weitere Menschen verletzt worden, berichtete das Nachrichtenportal „The Kyiv Independent“ unter Berufung auf Gouverneur Oleh Synjehubow. In Dnipro habe es mindestens einen Verletzten gegeben, hieß es. Keine dieser Angaben ließ sich zunächst unabhängig überprüfen.
Zerstörungen im nationalen Filmstudio
Der russische Angriff führte auch zu schweren Schäden im Nationalen Oleksandr-Dowschenko-Filmstudio in Kiew. In einem der ältesten Filmstudios der Ukraine brach ein Feuer aus, teilte Kulturministerin Tetjana Bereschna auf Facebook mit. Vernichtet worden sei die größte und älteste Kostümsammlung des Landes. Nach Angaben der Ministerin befanden sich dort rund 100.000 Kostüme sowie etwa drei Millionen weitere Kleidungsstücke und Requisiten. Neben der Kostümwerkstatt wurden auch weitere Gebäude der Filmproduktionsstätte beschädigt. Das Studio ist nach dem ukrainischen Regisseur Oleksandr Dowschenko (1894–1956) benannt und zählt zu den bedeutendsten Kulturinstitutionen des Landes.
Russen melden Tote bei ukrainischen Drohnenangriffen
Die Ukraine wehrt sich seit mehr als vier Jahren gegen die russische Invasion und wird praktisch täglich aus der Luft attackiert. Inzwischen greifen sich beide Kriegsparteien vor allem mit Drohnen an, deren Einsatz für die jeweiligen Streitkräfte vergleichsweise einfach und günstig ist.
Nach Angaben des Gouverneurs des russischen Gebietes Tula, Dmitri Miljajew, wurden in der Nacht drei Menschen infolge ukrainischer Drohnenangriffe getötet. Drei weitere seien verletzt worden, teilte er auf Telegram mit. Die Stadtverwaltung von Moskau erklärte, es seien mehrere anfliegende Drohnen abgeschossen worden. Zu möglichen Schäden oder Verletzten wurde zunächst nichts bekannt gegeben.
Zwei Brücken zwischen dem russisch kontrollierten Teil der ukrainischen Region Cherson und der Halbinsel Krim sollen beschädigt worden sein. Der Verkehr sei ausgesetzt worden, teilte der von Russland eingesetzte Gouverneur Wladimir Saldo auf dem Kurznachrichtendienst Telegram mit. Auf der von Russland annektierten Krim ist es nach der jüngsten Zunahme von Angriffen zu Engpässen bei der Treibstoffversorgung gekommen.
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