Pentagon liefert Informationen zu russischem Militärkonvoi vor Kiew

Satellite images of the situation in Ivankiv, Ukraine
Aktueller Lagebericht: In der Stadt Dnipro kam es nahe eines Kindergartens zu einer Explosion, in Charkiw wurde eine psychatrische Klinik bombardiert. Separatisten haben Wolnowacha eingenommen.

Tag 16 nach dem russischen Angriff: In der Früh hat es drei Luftangriffe auf die zentralukrainische Stadt Dnipro gegeben, die einen Kindergarten, ein Apartmenthaus und eine zweistöckige Schuhfabrik trafen. Die Stadt mit etwa einer Million Einwohnern war bisher von größeren russischen Angriffen verschont geblieben. Mindestens eine Person dürfte getötet worden sein.

Auch die zweitgrößte Stadt Charkiw steht unter heftigem Beschuss: Russische Streitkräfte trafen ein Spital; Opfer dürfte es keine geben, die 330 Patienten dürften sich im Schutzraum aufgehalten haben, 73 Personen konnten vorher evakuiert worden. Binnen eines Tages wurde Charkiw 89 Mal bombardiert, 48 Schulen der Stadt sollen zerstört worden sein.

Am Donnerstag wurde ein Institut, das einen nuklearen Forschungsreaktor hat, zum zweiten Mal bombardiert. In der Nähe des Instituts habe eine Herberge Feuer gefangen. Es gehe aber keine Gefahr aus, sagen die Behörden.

Weiters meldeten prorussische Separatisten die Einnahme der ostukrainischen Stadt Wolnowacha und vier weiterer Ortschaften in der Oblast Donezk. Wolnowacha war nach russischen Angaben seit dem 28. Februar eingekesselt. Eine Bestätigung von ukrainischer Seite gab es zunächst nicht. Wolnowacha liegt nördlich der belagerten Hafenstadt Mariupol und gilt als strategisch wichtiges Tor dorthin. Insgesamt sechs Kilometer weit sollen die Separatisten in ukrainisches Gebiet vorgedrungen sein, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Freitag in Moskau.

Pentagon liefert Informationen zu russischem Militärkonvoi vor Kiew

Inzwischen versucht das russische Militär nach Einschätzung des Pentagons ukrainische Großstädte zu umzingeln, darunter die Hauptstadt Kiew, aber auch Tschernihiw und die Hafenstadt Mariupol. Die russischen Soldaten kämen von mehreren Seiten. Laut US-Angaben sind die russischen Streitkräfte in den vergangenen 24 Stunden fünf Kilometer weiter vorgerückt; das russische Verteidigungsministerium sprach von 17 Kilometern. Zum jetzigen Zeitpunkt könne man keine Aussage dazu treffen, wie lange es dauere, bis die Russen möglicherweise richtig in Kiew eindringen. Stellenweise seien die russischen Soldaten um die 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

 

Der kilometerlange Konvoi mit russischen Militärfahrzeugen vor Kiew zerstreut sich Angaben der US-Regierung stellenweise. Einige Fahrzeuge verließen die Straße und parkten in Baumreihen, sagte ein hoher US-Verteidigungsbeamter am Freitag. "Sie fahren nirgendwo hin. Es ist nicht so, dass sie nun querfeldein nach Kiew fahren." Vielmehr geht die US-Regierung davon aus, dass die Fahrzeuge sich so besser tarnen können.

"Die Ukrainer versuchen weiterhin, Wege zu finden, um Fahrzeuge anzugreifen", sagte der Beamte. Das Vorgehen habe eher keine taktischen Gründe, um das Vorankommen des Konvois zu beschleunigen, hieß es. Der Beamte konnte keine genauen Angaben dazu machen, wie weit Kiew bereits eingekesselt ist. Aus nordwestlicher Richtung sei das russische Militär etwa 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. "Kiew ist eine große Stadt", sagte er. Das bedeute daher, dass die russischen Soldaten an dieser Stelle in und rund um die Vororte der Hauptstadt vorgedrungen seien. An anderen Stellen seien sie noch weiter entfernt

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Zudem dürfte sich der über 60 Kilometer lange russische Militärkonvoi, der seit Montag vergangener Woche etwa 20 Kilometer vor Kiew steht, bewegt haben: Satellitenbildern des in den USA ansässigen Unternehmens Maxar Technologies zeigen gepanzerte Einheiten, die in und durch die umliegenden Städte in der Nähe des Flughafens manövrieren. Teile des Konvois sollen weiter nördlich in der Nähe von Lubjanka neu positioniert worden sein.

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Kiew gleicht einer Festung

"Kiew ist in eine Festung verwandelt worden", sagte Bürgermeister Vitali Klitschko im ukrainischen Fernsehen. "Das Hauptziel der Russen ist, Kiew zu erobern", so Klitschko.

Auch die Regierung solle gestürzt werden. Kiew bereitet sich auf den Sturm vor: "Jede Straße, jedes Gebäude, jeder Kontrollpunkt sind verstärkt worden", sagte Klitschko.

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Zivilisten in Kiew rüsten sich für den Angriff.

Neuer Versuch für humanitären Korridor aus Mariupol

In der seit Tagen belagerten ukrainischen Hafenstadt Mariupol spielen sich angesichts der katastrophalen Versorgungslage mittlerweile dramatische Szenen ab. "Die Leute haben angefangen, um Lebensmittel zu kämpfen", sagte ein Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in einer am Donnerstag veröffentlichten Videobotschaft. "Alle Geschäfte und Apotheken wurden vor vier oder fünf Tagen geplündert."

"Viele haben überhaupt kein Wasser zum Trinken", sagte der IKRK-Mitarbeiter Sascha Wolkow in dem in Mariupol aufgenommenen Video weiter. 300.000 Menschen sollen dort festsitzen. Evakuierungen und humanitäre Korridore aus der Hafenstadt in den vergangenen Tagen sind immer wieder gescheitert, lokale Waffenpausen werden nicht eingehalten. Heute Freitag soll ein neuer Versuch gestartet werden.

Präsident Wolodimir Selenskij meldete, dass in den vergangenen zwei Tagen etwa 100.000 Menschen aus umkämpften Städten in Sicherheit gebracht worden. Allein am Donnerstag sei fast 40.000 Menschen die Flucht aus insgesamt fünf Städten des Landes gelungen.

In den sozialen Medien werden Berichte verbreitet, dass auch Ziele in der Westukraine unter Beschuss stehen. Laut Kreml sollen die Luftwaffenstützpunkte in der westukrainischen Gebietshauptstadt Iwano-Frankiwsk und in Luzk im Nordwesten des Landes mit Hochpräzisionswaffen außer Gefecht gesetzt worden sein. Insgesamt seien bis dato mehr als 3.000 Objekte der militärischen Infrastruktur in der Ukraine vernichtet worden, hieß es. Auch diese Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Mariupol eingeschlossen

Russland gibt zudem eine komplette Einschließung der südlichen ukrainischenHafenstadt Mariupol bekannt. Alle Brücken und alle Straßen in die Stadt sei nun zerstört oder von ukrainischen Streitkräften vermint worden, meldet die Nachrichtenagentur Tass unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Moskau. 

Zudem habe die Ukraine nur zwei der zehn Verläufe von humanitären Korridoren zugestimmt, die Russland vorgeschlagen habe. Darunter sei keine der Korridore, die nach Russland führen sollten. Die Angaben können von unabhängiger Seite nicht überprüft werden.

Biowaffen: UN-Sicherheitsrat tagt 

Der UN-Sicherheitsrat wird sich nach dem Willen Russlands am Freitag mit angeblich von den USA in der Ukraine hergestellten Biowaffen beschäftigen. Hintergrund ist Russlands Vorwurf an die USA und die Ukraine, biologische Waffen zu entwickeln. Internationale Faktenchecker haben diese Behauptung allerdings längst entkräftet. Auch die UNO sagte, sie wüsste nichts über angeblich in der Ukraine produzierte Massenvernichtungswaffen. Beobachter warnen, dass Russland den Vorwurf als Vorwand für einen noch aggressiveren Angriff nutzen könnte.

UN vermutet russische Kriegsverbrechen

Währenddessen hat das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte in der Ukraine zahlreiche russische Angriffe auf zivile Ziele dokumentiert. Dabei könne es sich um Kriegsverbrechen handeln, sagte eine Sprecherin des Hochkommissariats am Freitag in Genf. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind seit Beginn des Krieges am 24. Februar mindestens 26 Gesundheitseinrichtungen angegriffen worden. Dabei seien zwölf Menschen umgekommen und 34 verletzt worden. Diese "offenbar wahllosen Angriffen", bei denen Zivilisten getötet und verletzt wurden, sind laut humanitärem Völkerrecht verboten. Es gebe zudem glaubhafte Berichte über den Einsatz von Streumunition.

Beispielhaft wurde der Angriff auf eine Geburtsklinik in Mariupol genannt. Vertreter Russlands sagen, in dem Gebäude sei ein Lager ukrainischer Kämpfer gewesen. Bei dem Angriff seien 17 Zivilisten verletzt worden, drei Menschen sollen gestorben sein.

Estland: Westen soll auch Waffen liefern

Die estnische Ministerpräsidentin Kaja Kallas hat den Westen aufgefordert, auch Offensivwaffen an die Ukraine zu senden. "Estland hat bereits im Jänner entschieden, der Ukraine in jederlei Hinsicht zu helfen: humanitär, finanziell, mit Waffen – auch Offensivwaffen. Jetzt kommt es darauf an, dass Putin diesen Krieg unter keinen Umständen gewinnt", sagte Kallas den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Freitagsausgaben).

Welche Waffen Kallas im Einzelnen meinte, ist unklar. Auf die Frage, ob auch MiG-29-Kampfjets aus sowjetischer Produktion aus Polen an die Ukraine geliefert werden sollten, antwortete sie: "Unbedingt. Ich sehe in Europa den starken Willen, den Ukrainern unter die Arme zu greifen. Das hat sich mit dem 24. Februar total geändert, vor allem in Deutschland."

Kallas warnte zudem davor, Wladimir Putins Drohungen zu einer erhöhten Alarmbereitschaft seiner Atomstreitkräfte zu ignorieren. Zwar spiele der russische Präsident "auf der Klaviatur unserer Angst", aber: "Ich würde nicht ausschließen, dass der Kremlchef unter Umständen auch eine nukleare Option ziehen könnte."

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