Der Krieg schaut in Europa vorbei
In der Fassade des Hauses klafft ein riesiges Loch, auf der Straße türmt sich der Schutt. Im rumänischen Galați, einer grauen Industriestadt an der Grenze zur Ukraine, war in der Nacht auf Freitag kurz der Krieg zu Gast: Eine russische Drohne war in ein Wohnhaus gekracht, eine Frau wurde verletzt. Tags darauf war nicht nur Rumänien im Schock, dem Rest Europas ging es ähnlich. Aus Brüssel hieß es, Russland habe „erneut eine Grenze“ überschritten, Bukarest bestellte den Botschafter ein. Selbst die USA versicherten, dass man „jeden Zentimeter NATO-Territorium verteidigen“ werde.
Alles kein Zufall
All das ist mittlerweile Routine, denn neu ist es nicht, dass Putin seinen Krieg auch über die NATO-Grenze trägt. Im Gegenteil: In den letzten Monaten häuften sich die Drohnenvorfälle derart, dass in einigen europäischen Hauptstädten die Nervosität steigt. Vergangenen Herbst gingen mehr als 20 Drohnen auf Polen nieder, später traf es Flughäfen in Norwegen und Dänemark, zuletzt das Baltikum. In Lettland sorgte eine Drohnenattacke auf ein Ölreservoir sogar dafür, dass der Verteidigungsminister seinen Hut nahm, später zerbrach die ganze Koalition daran. Und in Litauen zwang ein Drohnenalarm die Bevölkerung von Vilnius stundenlang in die Bunker.
Dass die Vorfälle so zunehmen, ist kein Zufall. In den vergangenen Monaten hat die Ukraine nicht nur an der Front überraschende Erfolg erzielen können, sondern auch immer wieder mit weitreichenden Drohnen Russlands Landesinnere attackiert; auch Moskaus bestgeschützte Ölanlagen blieben nicht verschont. Dazu kommt, dass der wirtschaftliche Druck in Russland steigt. Experten rechneten darum schon länger damit, dass Putin den Krieg in kleinen Schritten in Richtung Europa eskaliert. „Ein russischer Angriff auf Europa wird wahrscheinlicher“, sagt etwa Hanna Notte, Politologin am Center for Strategic and International Studies in Washington. „Aber nicht, weil Wladimir Putin Grund hätte, sich überlegen zu fühlen. Im Gegenteil: Ihm gehen die Optionen aus.“
Einig sind sich alle Experten wie Nachrichtendienste darin, dass Europa kein großer, konventioneller Angriff droht. Dafür würden Russlands Kapazitäten nicht ausreichen, die Streitkräfte seien zu sehr in der Ukraine gebunden., es gebe keine Truppenverlegungen. Ziel des Kreml sei vielmehr, mit kleinen Nadelstichen Angst zu verbreiten und den Europäern so die Lust auf die Unterstützung der Ukraine zu vergällen.
Schuldumkehr
Erreichen will Putin das mit einer altbewährten Strategie. Zum einen weist der Kreml jede Verantwortung für die auf Europa herabregnenden Drohnen von sich; das seien „ganz bewusst gesetzte ukrainische Provokationen“, heißt es in staatsnahen Medien. Tatsächlich dürfte es sich bei zumindest einigen Drohnen um ukrainisches Gerät handeln – das soll aber, wie Kiew sagt, von russischen Störsendern umgelenkt worden sein. Auch Europas Nachrichtendienste halten das für plausibel.
Zum anderen eskaliert der Kreml ganz bewusst verbal. Vor einigen Tagen behauptete Russland plötzlich, von Lettland aus würden ukrainische Soldaten Drohnen starten, was einem direkten Eingriff eines NATO-Staates in den Krieg gleichkäme. Kurz davor hatte das Moskauer Verteidigungsministerium die Standorte von Drohnenproduzenten in acht europäischen Staaten veröffentlicht, als „Liste potenzieller Ziele der russischen Streitkräfte“, wie Ex-Präsident Dmitrij Medwedew sagte. Und im Mai führte die russische Armee in Belarus unangekündigt Nuklearübungen durch, verlegte dafür Sprengköpfe Richtung Westen – auch das war ein eindeutiges Signal.
Lücken in der Abwehr
Europas Hauptstädte setzt das unter Druck. Zwar hat noch niemand öffentlich gefordert, dass Kiew die äußerst effektiven Schläge auf Russlands Ölanlagen einstellen möge, was wohl Putins Wunsch wäre. Aber das Baltikum und Polen haben die Ukraine bereits eindringlich gewarnt, man solle bei den Drohnenangriffen auf Russland doch „präziser“ sein – die Stimmung ist angespannt.
Dazu kommt die Sorge über die Lücken in der eigenen Abwehr. Die wurden den Ländern an der NATO-Ostgrenze schmerzlich bewusst: Als Drohnen über Vilnius kreisten und Präsident und Regierung sicher im Bunker saßen, mussten viele Litauer schutzlos im Freien bleiben. In vielen Schulen und am Flughafen der Hauptstadt gibt es keine Schutzräume.
Auch bei der Abwehr wurde die NATO von den technischen Entwicklungen überrumpelt. Oft erkennen die bestehenden Systeme die Drohnen nicht; und weil Abfangdrohnen fehlen, müssen derzeit noch teure Jets aufsteigen. Allein deren Munition kostet gut das Zwanzigfache des Billigfliegers.
Hilfe dabei könnte sich Europa aber leicht beschaffen. Die Ukraine fängt mittlerweile 85 Prozent der russischen Drohnen ab – mit Waffen Marke Eigenbau.
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