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Reportage
08/28/2016

"Dauerlösung darf das keine sein"

Für Deutsche oft sinnloser Zwang, für Flüchtlinge ein Lichtblick: die zwei Seiten der Ein-Euro-Jobs.

von Evelyn Peternel

Die 80 Cent? Nein, um die geht es Ali nicht. Auch nicht um die Zahl an Stunden, die Herr Heine, sein Betreuer, am Monatsende penibel protokollieren muss; Ali ist ohnehin öfter hier in der Küche, als er abrechnen darf. Für ihn ist was anderes wichtig. Dass er nach der Arbeit schlafen kann, ohne Träume, ohne gute, ohne schlechte, sagt der 36-Jährige.

Das klingt jetzt richtig pathetisch, doch Ali meint das gar nicht so. Seit einem Jahr wohnt der Syrer schon hier im Erstaufnahmeheim am Groß Berliner Damm, und wenn er über seine Arbeit als Koch spricht, dann wirkt er richtig fröhlich. "Ich kann ja eigentlich alles", sagt er mit dröhnendem Lachen. "Aber im Ernst: Kochen kann ich wirklich gut." Anfangs tat er das ohne Bezahlung, seit fünf Monaten bekommt er 80 Cent die Stunde, so wie 90 andere Ein-Euro-Jobber hier im Heim. Sie machen Arbeiten, die ohnehin getan werden müssen , putzen, kochen, den Garten sauber halten. 8000 von ihnen gibt es in Berlin; und geht es nach der Regierung, sollen es bundesweit 100.000 werden.

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Schreckgespenst als Wundermittel

Wenig Wunder, dass da viele skeptisch sind, nicht nur in Österreich, wo das Schreckgespenst der Arbeitslosen ja auch als Wundermittel für Asylwerber im Gespräch ist. In Deutschland reden selbst Experten wie jene vom Deutschen Institut für Wirtschaft vom "Wegsubventionieren" der Asylwerber; viele Hartz-IV-Bezieher, die zu Ein-Euro-Jobs verpflichtet wurden, schimpfen über Sinnlosigkeit und Ausbeuterei, Ökonomen zweifeln am Zweck. Die Statistik gibt ihnen Recht. 2006, nach Einführung der Maßnahme, gab es 330.000 Ein-Euro-Jobber, 2015 waren es nur mehr 90.000. Das liege, so ein Sprecher des Arbeitsministeriums, an der guten Konjunktur; man habe aber auch "Lock-in-Effekte" bemerkt – was heißt: Ein-Euro-Jobber gelangen nur selten auf den Regel-Arbeitsmarkt zurück.

Für Asylwerber sei das aber vorerst nicht so wichtig, sagt das Ministerium – da geht es nicht um Integration in den Jobmarkt, sondern um Beschäftigung. Das sehen auch Leute aus der Praxis so. "Dass nach dem Ein-Euro-Job das Praktikum und dann die Gastro-Ausbildung kommt, ist nur in Einzelfällen realistisch", sagt Wolfgang Bergner, stellvertretender Leiter des CJD Berlin-Brandenburg, das Alis Heim führt. Wichtiger sei Tagesstruktur, Frust-Prophylaxe sozusagen. "Jemanden zum Gammeln verurteilen, nützt niemandem." Ähnlich sieht das Peter Hermanns, der in Köpenick ein Heim leitet. "Es ist gut, dass es Stellen gibt für die, die selbst nicht leicht Fuß fassen können." Aber natürlich bestehe Gefahr, Menschen in prekären Jobs zu parken. "Dauerlösung darf das keine sein."

Auch Ali ist bewusst, dass der Küchenjob nicht zu seiner Ausbildung passt; schließlich war er in Damaskus Unternehmer, hatte zwei Geschäfte mit Waren aus China. Und klar, er würde auch hier gern als Unternehmer arbeiten, sagt er; nur geht das noch nicht – so lange er hier im Heim ist und sein Asylantrag nicht durch ist, gibt es nur den Ein-Euro-Job. Aber derzeit, sagt er, ist das okay, es lenke ihn ab. "Wenn ich immer nur auf Facebook schaue, werde ich verrückt", sagt er und schaut zu Boden. Zu Hause warten seine Frau und seine zwei Söhne, acht und zehn Jahre sind sie alt.

Ein Euro, zwei Klassen

"Er hat seinen Platz gefunden", sagt sein Betreuer Jochen Heine, er ist hier die gute Seele. Ali und viele andere nennen ihn "Baba", Vater; Heine macht das verlegen. Die Jobs würden seinen Leuten "einen Rhythmus geben", sagt er; sie entwickeln mehr Ehrgeiz, Deutsch zu lernen. Auch Resignation verhindert das, sagt er, und das merkt man: Das Heim ist sauber, die Leute achten auf ihre Umgebung.

Nur, dass Ali und seine Kollegen 80 Cent und nicht 1,05 Euro wie die Deutschen bekommen, gefällt ihm nicht. Das Ministerium hat den Betrag jetzt herabgesetzt, weil Asylwerber ja keine Anfahrtskosten hätten, sagt man. Purer Zynismus, so die Opposition; das Ziel sei eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Eine weitere Facette des ewigen Zanks um die Flüchtlinge im Land.

Das wohl hässlichste Gesicht dieses Streits hängt dabei vor dem Heim. "Die kriegen alles – und ihr?", fragt die NPD dort auf einem Plakat, gemeint sind natürlich die Bewohner. Jochen Heine kann darüber nur den Kopf schütteln. Aus der Küche hört man wieder lautes Gelächter.

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