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Ukraine
12/27/2014

Lyudmillas schönstes Geschenk

Gefangenenaustausch-Deal: Die Frau hofft, dass ihr Mann bald wieder heimkommt.

von Stefan Schocher, Jürg Christandl

Sie lebt im fünften Stock eines Wohnsilos am Rande von Nowowolynsk, einer kleinen Stadt in der Westukraine. Im TV läuft ein Cartoon, davor sitzt Maxim, vier Jahre alt. Im Gitterbett neben dem Sofa unternimmt Roma, zehn Monate, unermüdliche, jedoch vergebliche Versuche, die Gitterwand zu überwinden. Lyudmillas ältere Tochter Anna muss jeden Moment von der Schule kommen.

Lyudmilla sitzt auf dem Teppichboden und erzählt: Am 1. März dieses Jahres wurde ihr Mann Sasha mobilisiert, trainiert und in den Osten geschickt. Am 25. August ein letzter Anruf – dann zwei Monate Funkstille. Und viel zu viele Gerüchte. Jemand sah ihn fallen, jemand anderer sah eine Explosion. Er habe sich selbst in die Luft gesprengt, um nicht in Gefangenschaft zu geraten, so einige Medien. Ein Held sei er, hieß es damals. Lyudmilla lächelt, wenn sie das erzählt. Sie müsse die Stimmung hier aufrecht erhalten, sagt sie und schaut Richtung Kinder.

Video im Internet

Sasha starb nicht, er wurde gefangen genommen. Am 25. August. Und sie fand es selbst heraus: Erst hatte ihr ein Fahrer erzählt, er habe Sasha in einer Einrichtung in Rostow in Russland gesehen. Er selbst war auch gefangen genommen worden, sollte dann aber Leichen in die Ukraine überführen.

Im Internet tauchte später ein Video auf, in dem gefangene Soldaten der ukrainischen Armee auf einer Straße in Snizhne direkt an der russischen Grenze aufgereiht und von Zivilisten beschimpft und geschlagen werden. Und da stand er: Ihr Sasha – jener Mann, der in dunklem Anzug neben ihr ganz in Weiß auf dem riesigen Hochzeitsfoto an der Wand im Wohnzimmer zu sehen ist.

Damals, als sie das Video sah, so sagt sie, dachte sie, sie würden ihn jetzt wohl erschießen. Aber es tauchte ein weiteres Video auf. Und irgendwann kam ein Anruf. Bei einem Arbeitseinsatz hatte ihm ein Soldat der Separatisten sein Mobiltelefon geborgt, um daheim Bescheid geben zu können, dass er noch lebe. Nach dem Deal für einen Gefangenenaustausch könnte Sasha jetzt bald nach Hause kommen.

Am Samsstagmorgen sind nahe Donezk Gefangene ausgetauscht worden - mehr dazu lesen Sie hier.

Schwierige Gespräche

In einem kleinen Büro im Verwaltungsgebäude von Slowjansk in der Ostukraine sitzt Igor. Mehr will er über seine Identität nicht preisgeben. Sein Job ist es, Gefangenenaustausche zu vermitteln. Ein Geschäft, das Diskretion verlangt. Rund 1000 Personen sind jeweils auf beiden Seiten in Gefangenschaft. Igor spricht von Namenslisten, die ausgetauscht und verhandelt wurden. Von gegenseitigen Anrufen. Von direkten oder indirekten Kontakten. Von bereits erfolgten Übergaben an der Front, bei denen dann dritte Parteien oft Probleme machten. Und vor allem spricht er von dem komplizierten Geflecht an Organisationen, bewaffneten Gruppen und Milizen auf dem Gebiet der Separatisten, das all das erschwerte.

Lyudmilla war schon zuvor nach Kiew gefahren, um auf einen Austausch ihres Ehemannes zu drängen. Sie hat ihre Kinder in einen Bus verfrachtet, stundenlang über schlechte Straßen nach Kiew gekarrt, hat demonstriert. Vor dem Parlament, vor der Präsidialadministration. Die Regierung aber, die wollte hochrangige gefangene Separatisten vor Gericht stellen.

"Selbst die Leute von der DNR (Volksrepublik Donezk) hörten uns mehr zu als die Regierung", sagt Lyudmilla. Sie habe mehr Vertrauen in die DNR-Leute gewonnen als in die Regierung in Kiew. Die DNR-Leute sagten wenigstens, was Sache sei, fügt sie hinzu. Und eines habe man gemein mit den Separatisten: "Wir beide mögen die Regierung in Kiew nicht." Seitens Kiews sei jedenfalls versprochen worden, dass Sasha Ende Dezember wieder daheim sein werde.

Sie glaubt fest daran. Denn daran hängen auch materielle Dinge: Sashas Brigade wurde aufgelöst. Bisher empfängt die dreifache Mutter weiter das Gehalt ihres Mannes, die Wohnung befindet sich in einem Bau der Armee. Aber: Mit Jahresende läuft der Lohn aus. Danach würde sie nur mehr eine kleine Kompensation bekommen. Die Wohnung würde sie abgeben müssen.

Zu Weihnachten daheim

Mit drei Kindern kann sie nicht arbeiten, Eltern oder Verwandte hat sie nicht. Die Anti-Terror-Operation, wie Kiew die Militäraktion in der Ostukraine nennt, ist kein Krieg. Offiziell ist Sasha daher kein Kriegsgefangener. Ein rechtliches Schlupfloch.

"Erschießen hätte er sich sollen, anstatt sich gefangen nehmen zu lassen", hatte ein Abgeordneter in Kiew einer Nachbarin mit ähnlichem Schicksal um die Ohren geschmissen, als sie gemeinsam vor dem Parlament demonstriert hatten.

"Er ist am Leben, das ist das Wichtigste", lautet Lyudmillas Mantra. "Ich muss stolz sein, ich bin die Frau eines Offiziers", sagt sie. Sie lächelt, zeigt lokale Zeitungen, wo sie auf Seite eins als gefeierte Sängerin der Region zu sehen ist und wird dabei ein wenig rot an den Backen. Zu Weihnachten (das orthodoxe Weihnachtsfest findet am 7. Jänner statt) werde er wieder daheim sein, alles werde gut werden.

Und dann sagt sie mit golden strahlender Miene: "Wenn er nicht kommt, werde ich mich aufhängen."

KURIER-Reportage-Reise

Die bereits erschienenen Teile der Reportage-Reise vonStefan SchocherundJürg Christandllesen Sie hier:"Ukraine - KURIER vor Ort"
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