Politik | Ausland
04.10.2017

Mit Waterloo-Schlachtruf statt Brexit-Lösungen

Heutige Rede von Theresa May auf Tory-Parteitag könnte Anfang vom Ende sein.

Als Premierministerin Theresa May im Frühling Neuwahlen ausrief, hatte sie sich den heurigen konservativen Parteitag in Manchester wohl anders vorgestellt: Statt des erwarteten Triumphzugs sieht sich die britische Regierungspartei gezwungen, das nackte Prinzip des Kapitalismus zu verteidigen. Bei der Labour-Konferenz letzte Woche hatte deren Chef Jeremy Corbyn mit der Forderung nach der Rückverstaatlichung der Bahnen sowie der Wasser- und Energieversorgung für Furore gesorgt. Der konservative Schatzkanzler Philip Hammond warnte nun in seiner Parteitagsrede, unter Labours Programm würde sich das Land zu Kuba oder Venezuela entwickeln. Seine defensive Rhetorik erzeugte allerdings wenig Enthusiasmus unter den Delegierten. Hammonds pragmatische Linie gegenüber Europa macht ihn bei der Tory-Basis wenig beliebt. Vertreter der britischen Wirtschaft wie die Industriellenvereinigung (CBI) und die britischen Handelskammern (BCC) wiederum vermissten einmal mehr klare Lösungsansätze in Sachen Brexit.

Erinnerung an Waterloo

Und während in der Halle peinlich viele Sitze leer blieben, drängte sich bei Nebenveranstaltungen das Publikum. "Es ist Waterloo, es ist Agincourt, es ist Crécy, und wir gewinnen all diese Dinge", sagte da ein Redner mit korrektem Scheitel, Zweireiher und runden Metallbrillen zu allgemeiner Begeisterung. "Vergessen Sie nicht Trafalgar!", rief einer dazwischen. "Absolut, Trafalgar!", bestätigte ihn der Vortragende, ein Parlamentarier namens Jacob Rees-Mogg – die unter Partei-Mitgliedern beliebteste Alternative zu May. Sein Vergleich mit historischen Schlachten galt dem Brexit, laut dem 48-Jährigen "eine Befreiung und eine Inspiration. Wir müssen diese Argumente vorbringen, die jungen Leute werden es lieben."

Die jungen Leute liegen den britischen Konservativen neuerdings sehr am Herzen. Denn bei den Wahlen im Juni entschieden sich satte 63 Prozent der 18- bis 34-Jährigen für Labour. Tatsächlich genießt Rees-Mogg Kultstatus unter einer sehr speziellen Nische jugendlicher Verehrer. Mit seinem aristokratischen Habitus repräsentiert er die alte Ordnung, tritt gegen das Recht auf Abtreibung ein und bekennt stolz, seinen eigenen sechs Kindern noch nie die Windeln gewechselt haben.

Dass ein Rechtsaußen wie er ernsthaft als künftiger Parteichef gehandelt wird, sagt einiges über den Zustand der Partei aus. Doch im für Großbritannien existenziell wichtigsten Thema liegen auch seine beiden aussichtsreichsten Widersacher, Brexit-Minister David Davis und der unvermeidliche Boris Johnson, mit Rees-Mogg auf derselben kompromisslosen Linie. Während in Brüssel die Uhr tickt und das EU-Verhandlungsteam immer noch auf eine konkrete britische Linie wartet, leisten sich die Konservativen einen von patriotischen Parolen getragenen, internen Hahnenkampf zum Thema Brexit. Und das obwohl sich laut Umfragen die britische öffentliche Meinung bereits in Richtung eines EU-Verbleibs gedreht hat.Johnson diktiert indessen seiner Chefin via Zeitungsartikel seine persönlichen Bedingungen für die Brüsseler Verhandlungen. Aber Theresa May hat längst nicht mehr die Macht, einen Außenminister loszuwerden, der Großbritanniens internationale Vertrauensfähigkeit ungeniert seinen eigenen Karriere-Plänen opfert. Wahre Führungsqualitäten, behauptete sie gestern, lägen darin, "sicherzustellen, dass man von einem Team von Leuten umgeben ist, die nicht Jasager sind."

Abgesang

Ihre heutige Parteitagsrede wird May wohl überleben. Dass die Premierministerin – wie sie neulich erst behauptete – noch einmal als konservative Parteichefin in die nächsten Wahlen ziehen könnte, glauben aber mittlerweile nicht einmal mehr ihre getreuesten Fürsprecher.