Übernehmen die Rechtsextremen Marseille?

1.500 französische Kommunen müssen am Sonntag bei den Kommunalwahlen in die Stichwahl. Besonders knapp ist das Rennen um die Bürgermeisterposten in Marseille und Lyon.
Der RN-Parteichef Jordan Bardella und der Spitzenkandidat für Marseille, Franck Allisio.

In den meisten der französischen Dörfer, Städte und kleineren Gemeinden war der erste Wahlgang der Kommunalwahl bereits der entscheidende. In den größten Städten Frankreichs ging die erste Runde weitaus knapper aus, die Kandidaten trennten nur wenige Prozentpunkte. Bei der Stichwahl am Sonntag dürfte es in mehreren Metropolen spannend werden. Besonders umkämpft sind Paris sowie die zweitgrößte Stadt Frankreichs, Marseille.

Was steht bei der zweiten Runde der französischen Kommunalwahlen am Sonntag auf dem Spiel?

Frankreich zählt rund 35.000 Gemeinden – in den meisten erreichte ein Bürgermeister-Kandidat bereits nach der ersten Wahlrunde am vergangenen Sonntag eine absolute Mehrheit. Nur in 1.555 Kommunen, darunter fast allen größeren oder mittelgroßen Städten, kommt es zu einer zweiten Runde. Da es sich um den letzten Urnengang vor der Präsidentschaftswahl 2027 handelt, wird den Ergebnissen Signalwirkung zugeschrieben. Großes Augenmerk gilt den Metropolen: In Paris führt der Sozialist Emmanuel Grégoire, der die Politik der bisherigen Bürgermeisterin Anne Hidalgo fortsetzen will, klar vor seiner konservativen Hauptrivalin Rachida Dati. Doch sie wird durch den Rückzug einer rechtsextremen Kandidatin und eines Liberalen begünstigt.

Heftig umkämpft sind auch Bordeaux und Lyon, wo die amtierenden grünen Bürgermeister um ihre Wiederwahl ringen. In Marseille liefern sich der sozialistische Rathaus-Chef Benoît Payan und Franck Allisio vom rechtsextremen Rassemblement National (RN) ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Wahlplakaten der Kandidaten für die Pariser Bürgermeisterwahl vorbei: Emmanuel Grégoire, Kandidat der Sozialistischen Partei und Spitzenkandidat der Liste der "Vereinigten Linken" (La Gauche unie), sowie Rachida Dati, die von den Parteien Les Républicains (LR) und MoDem unterstützt wird.

Wahlplakaten der Kandidaten für die Pariser Bürgermeisterwahl vorbei: Emmanuel Grégoire, Kandidat der Sozialistischen Partei und Spitzenkandidat der Liste der "Vereinigten Linken" (La Gauche unie), sowie Rachida Dati, die von den Parteien Les Républicains (LR) und MoDem unterstützt wird.

Konnte der RN seine gute Position weiter ausbauen?

Die rechtsextreme Partei gewann auf Anhieb 24 Rathäuser im Norden, Osten und Süden Frankreichs und geht in rund 60 Gemeinden führend in die Stichwahl. Doch die positive Dynamik beschränkt sich überwiegend auf ländliche Gebiete und kleinere Orte. In Städten wie Lyon, Bordeaux oder Toulouse blieb der RN im einstelligen Bereich. Ausnahme ist der Südosten, wo er traditionell über Hochburgen verfügt.

Der frühere Republikaner-Chef Éric Ciotti, der sich 2024 dem RN anschloss, könnte Bürgermeister von Nizza werden. Neben Marseille macht sich die Partei auch in Toulon, Nîmes und Menton Hoffnungen auf einen Triumph. "Wenn Marseille fällt, wird Frankreich fallen", prophezeite der RN-Kandidat Allisio mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2027.

Hält die Brandmauer zwischen bürgerlichen und extremen Rechten noch?

Diese Frage ist auch innerhalb der Parteien umstritten. Während das Motto der Frontfrau Marine Le Pen stets lautete, der RN sei "weder links noch rechts", wirbt Parteichef Jordan Bardella um eine Annäherung und streckte allen "ehrlichen Rechten" demonstrativ die Hand aus. In der Tat gab es mancherorts Absprachen, doch die offizielle Reaktion von Republikaner-Chef Bruno Retailleau blieb verhalten. Er will selbst bei der Präsidentschaftswahl kandidieren und riskiert eine weitere Schrumpfung der einst so großen Volkspartei, sollte sie sich dem RN anschließen. Von der anderen Seite bedrängen sie die Regierungsparteien Renaissance und Horizons, deren Chef, Ex-Premierminister Édouard Philippe, früher ein aufstrebendes Talent der Republikaner war.

Jordan Bardella, Marine Le Pen, und die RN-Kandidatin für das Bürgermeisteramt von Reims, Anne-Sophie Frigout.

Jordan Bardella, Marine Le Pen, und die RN-Kandidatin für das Bürgermeisteramt von Reims, Anne-Sophie Frigout.

Wie steht das Mitte-Lager um Präsident Emmanuel Macron da?

Auch zehn Jahre nach der Gründung konnte sich Macrons Partei, die heute Renaissance heißt, kaum lokal verankern – anders als Horizons, das viele von den Republikanern übergelaufene Bürgermeister zählt. Chancen kann sie sich zumindest in Annecy und Bordeaux machen. Ob diese Schwäche Auswirkungen auf die Präsidentschaftswahl hat, ist aber nicht ausgemacht. Der aktuelle Renaissance-Parteichef Gabriel Attal, auch er zeitweise Premierminister unter Macron, hat große Ambitionen, sollte er sich im Lagerkampf gegen Édouard Philippe durchsetzen können. Philippe wiederum macht seine Kandidatur vom Sieg in Le Havre abhängig, wo er bereits Rathaus-Chef ist und nach der ersten Runde klar führt.

Wie schlägt sich das linke Lager in diesen Kommunalwahlen?

Die Linksaußen-Partei LFI (La France Insoumise) verzeichnete mehrere Achtungserfolge, etwa mit einem Sieg in der Pariser Vorstadt Saint-Denis. Auch die Sozialisten konnten ihre lokale Verankerung bestätigen. Die Grünen hoffen, zumindest einige ihrer 2020 gewonnenen Bastionen, allen voran Bordeaux und Lyon, zu halten. Umstritten blieb die Frage, ob sich LFI und Sozialisten zusammenschließen sollten, um einen Sieg des gegnerischen Lagers zu verhindern.

Obwohl mehrere Vertreter vor allem des rechten Flügels der Sozialisten dies ablehnten, kam es oftmals zu Absprachen. Die heftigen Debatten über eine mögliche Annäherung der beiden gegensätzlichen Strömungen der Linken zeigen aber, dass eine solche im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen weitgehend ausgeschlossen sein dürfte.

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