Hidalgo-Nachfolge: Das Ende der „grünen Revolution“ in Paris?

Bürgermeisterin Anne Hidalgo sagte dem Autoverkehr den Kampf an. Die konservative Ex-Ministerin Rachida Dati will ihr nachfolgen – und so manches wieder umkrempeln.
Einer Frau mit verschränkten Armen

Gerade hat es noch geregnet, jetzt scheint die Sonne schwach, aber eine junge Frau hat sich vorgenommen, sich zu bräunen. Im Bikini und auf einem Handtuch sitzt sie am Ufer der Seine, während auf der Straße hinter ihr Spaziergänger flanieren und Radfahrer vorbeisausen. Ein paar Meter weiter haben sich Sophie Pellet und Myriam Corcos, zwei pensionierte Lehrerinnen, auf einer Mauer niedergelassen. „Ist das nicht schön hier?“, fragt Corcos. „Ich bin eine alteingesessene Pariserin und würde die Stadt niemals verlassen“, sagt Pellet.

In der Ferne ist die Kathedrale Notre-Dame zu sehen. Längst scheint die Idylle an den Pariser Seine-Ufern selbstverständlich. Doch bis 2016 verlief hier eine der Hauptverkehrsachsen von Osten nach Westen, die mehr als 40.000 Fahrzeuge pro Tag nutzten. Auf die damalige Entscheidung der Stadt, die rechte Quai-Seite für den Autoverkehr zu schließen, drei Jahre nach der linken, folgte ein Aufschrei der Empörung.

Man mache aus Paris „unter dem Vorwand der Umweltfreundlichkeit eine Hölle“, warnte die Automobilvereinigung „40 Millionen Autofahrer“. Doch Erfolg hatten weder die Proteste noch die zahlreichen Einsprüche vor der Justiz. Heute gelten die Uferstraßen als Vorzeigeprojekt einer Verkehrspolitik, die Paris innerhalb eines Jahrzehnts tiefgreifend verändert hat.

Stadtplanung

Diese „grüne Revolution“ geht vor allem auf eine Frau zurück: Anne Hidalgo. Seit ihrer Wahl 2014 kämpfte Hidalgo mit ihrer links-grünen Koalition für die Verringerung des Verkehrs und mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer. Mit dem Ausbau von Maßnahmen, mit denen ihr Vorgänger und Parteifreund Bertrand Delanoë begonnen hatte, machte sie aus Paris ein internationales Modell für klimaorientierte Stadt- und Verkehrsplanung.

Nun tritt die 66-Jährige ab, sie kandidiert nicht mehr bei den Kommunalwahlen am 15. und 22. März. Mit der Frage nach ihrer Nachfolge ist auch jene verknüpft, ob dieser Kurs konsequent fortgeführt wird. Dies verspricht der sozialistische Kandidat Emmanuel Grégoire, der von Grünen und Kommunisten unterstützt wird.

In Umfragen liegt er leicht vor der bürgerlich-konservativen Kandidatin Rachida Dati, die seit 2008 Stadtteilbürgermeisterin des siebten Arrondissements im Pariser Südwesten ist.

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Rachida Dati

Bekanntheit erlangte sie als schillernde Justizministerin unter Präsident Nicolas Sarkozy, zuletzt war sie Kulturministerin unter Emmanuel Macron. Datis Motto lautet: „Paris verändern“.

Sie kritisiert die Pariser Verschuldung von mehr als zehn Milliarden Euro und verspricht, die französische Hauptstadt sauberer und sicherer zu machen. Auch den „chaotischen Verkehrsfluss“, den Anne Hidalgo in autoritärer Weise so durchgesetzt habe, will sie beruhigen.

Die Rathauschefin selbst zeigt sich hingegen stolz auf ihre Bilanz. „Die Ergebnisse unseres Tuns sind da, sie sind eindeutig“, sagte sie bei ihrer Neujahrsansprache. Dem unabhängigen Institut zur Messung der Luftqualität Airparif zufolge ging der Anteil von Stickstoffdioxid in der Luft in den vergangenen zehn Jahren um 45 Prozent zurück, jener von Feinstaub um 35 Prozent. Allerdings sanken diese Werte nicht nur in Paris, sondern in ganz Frankreich. Es handelt sich also nicht nur um Hidalgos Verdienst. Sie ließ rund 130.000 Bäume pflanzen. Inzwischen zählt Paris 1.678 Kilometer Radwege – eine Steigerung um 140 Prozent in zwölf Jahren.

Und diese werden sehr eifrig genutzt. Während die Stadtbewohner 2010 nur drei Prozent ihrer täglichen Wege mit dem Velo zurücklegten, sind es inzwischen 11,2 Prozent. Die Zahl der Rad-Parkplätze steigt stetig, während jene für Autos abnimmt.

Proteste

Das führte zu Bürger-Protesten, vor allem im hügeligen, historischen Montmartre-Viertel. Etliche Straßen und ganze Viertel vor allem im Zentrum sind verkehrsberuhigt. Außer an größeren Boulevards wurde die Höchstgeschwindigkeit auf 30 Stundenkilometer reduziert, auf der Ringautobahn Boulevard Périphérique, die die Stadtgrenze bildet, von 70 auf 50 km/h. Stark verschmutzende Fahrzeuge dürfen unter der Woche nicht mehr ins Stadtgebiet fahren. Für Aufsehen sorgte auch die Abstimmung über eine Verdreifachung der Parkgebühren für SUVs.

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