"Das typische Montmartre-Leben stirbt"

Die Basilika Sacré-Cœur de Montmartre in Paris, mit Touristen auf den Stufen und einem Touristenzug im Vordergrund.
Das idyllische Viertel gehört zu den großen Anziehungspunkten für Touristen . Vielen Einwohnern wird das zu viel, weil Geschäfte schließen und Wohnungen unleistbar werden – sie fordern ein Anti-Tourismus-Programm.

Vor dem rosaroten Haus an einer Straßenkreuzung gibt es eine Art Selfie-Schlange. Geduldig warten junge Frauen, bis andere vor ihnen ein Porträtfoto mit „La Maison Rose“ im Hintergrund gemacht haben und sie selbst an der Reihe sind. Sie haben Zeit, sind in den Ferien und wollen vor allem eins: Hübsche Bilder von sich an typischen Pariser Orten. Vor allem an jenen, die sie aus der Serie „Emily in Paris“ kennen. Im Restaurant des rosa Hauses isst Emily regelmäßig.

Ein paar Straßenzüge weiter kommen Fans von Amélie Poulain auf ihre Kosten, die Hauptfigur im Filmklassiker „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Das darin vorkommende „Café des Deux Moulins“ schmückt sich im Inneren mit Fotos aus dem Streifen und ist ebenfalls seit Jahren ein Touristenmagnet.

20 Prozent mehr Besucher

Das gilt für das ganze Montmartre-Viertel mit seinen idyllischen Gassen, den Cafés und Restaurants. Besucher drängen sich im quirligen Pigalle-Viertel mit dem Variété-Theater Moulin Rouge, schieben sich an den Malern auf dem Place du Tertre und der Basilika Sacré-Coeur vorbei, von deren Vorplatz aus sich ein beeindruckender Blick auf die französische Metropole bietet. Mit elf Millionen Besuchern war die Basilika 2024 das meist besichtigte Monument des Landes, noch deutlich vor dem Eiffelturm. Insgesamt zieht Paris immer noch mehr Touristen an, verzeichnete zwischen 2014 und 2024 trotz der Corona-Pandemie, die zeitweise zu einem Einbruch führte, einen Zuwachs an ausländischen Besuchern von 20 Prozent. Den Trend kurbelten die Olympischen Sommerspiele im letzten Jahr noch an.

Beschränkungen gefordert

Doch in Montmartre regt sich Widerstand gegen den Andrang und den Mangel an Regulierung. Touristenbusse sind dort verboten, parken aber dennoch regelmäßig. Mehrere Anwohner-Vereine machten ihre Beschwerden öffentlich. Das Viertel, das zum nördlichen 18. Arrondissement von Paris gehört, sei seit jeher attraktiv für Touristen gewesen und lange verlief das problemlos, sagt Anne Renaudie, die Präsidentin des Vereins „Vivre à Montmartre“ („In Montmartre leben“). Aber inzwischen würden „ganz neue Dimensionen“ erreicht: „Seit März erleben wir einen Olympia-Effekt mit Gruppen von bis zu 80 Personen – das gab es nie vorher.“ 

Sie und ihre Mitstreiter fordern das Verbot von Megaphonen durch Stadtführer, die Beschränkungen von Touristengruppen auf 25 Menschen und eine höhere Kurtaxe. Hauptanliegen des Vereins ist der Widerstand gegen das Projekt des Rathauses, mehrere Straßen für den Verkehr zu sperren und hunderte Parkplätze zu streichen, wie es in der ganzen Stadt geschieht. Die Anwohner starteten eine Petition dagegen und erreichten neue Gespräche mit Vertretern der Stadt.

Quadratmeterpreise bis zu 15.000 Euro

Sorgen bereitet auch die zunehmende Gentrifizierung. Lange gehörte das 18. Arrondissement zu den günstigeren Pflastern in Paris. Das gilt zwar noch immer für den nördlichen Teil, doch im touristischen Montmartre liegen die Quadratmeterpreise inzwischen bei 12.000 bis 15.000 Euro, also leicht über dem Gesamtdurchschnitt in Paris. Investoren kaufen gezielt kleine Wohnungen, um sie nicht langfristig zu vermieten, sondern als lukrativere Touristenunterkünfte. 

Dem Analyse-Unternehmen Cabinet AirDNA zufolge stieg die Zahl der aktiven Annoncen auf Ferienvermietungs-Plattformen wie Airbnb zwischen Mai 2019 und Mai 2025 um 36 Prozent. Weil Metzgern, Bäckern, Obst- und Gemüseläden die alltägliche Kundschaft wegbricht, werden sie zunehmend durch Eisdielen oder Crêperien ersetzt. „Wenn diese Art Geschäfte schließen, stirbt das typische Leben im Viertel“, warnt der grüne Stadtpolitiker Émile Meunier. Dass die Fahrer der Tour de France Ende Juli auch auf den Montmartre-Hügel hinauf radelten, sei toll gewesen. „Aber da es eines der am meisten besichtigten Sportveranstaltungen der Welt ist, muss man sich danach nicht wundern, wenn noch mehr Besucher kommen.“

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