© REUTERS/Murad Sezer

Politik Ausland
03/22/2021

Erdogan fliegt die Wirtschaftskrise um die Ohren

Vom Jahresbeginn 2020 bis Oktober hat die türkische Währung 30 Prozent ihres Wertes verloren.

von Kid Möchel, Dominik Schreiber

Die Inflation stieg im Februar auf mehr als 15 Prozent, die Lebensmittelpreise um 18,4 Prozent und der Leitzinssatz wurde vom türkischen Zentralbankchef Naci Agbal um 200 Basispunkte auf 19 Prozent angehoben. Diese explosive Mischung kostete den Notenbankchef nun den Job. Präsident Recep Tayyip Erdoğan wechselt die Notenbankchefs wie Fußballklubs ihre Trainer. Agbal ist der dritte abgelöste Zentralbankchef seit Mitte 2019.

Dessen Rauswurf am vergangenen Samstag erschüttert das Vertrauen der internationalen Finanzmärkte in die türkische Geldpolitik. Der Lira-Kurs stürzte am Montag um bis zu 15 Prozent ab, die Istanbuler Börse und die Staatsanleihen kamen auch stark unter Druck. Für einen Euro mussten 9,44 Lira hingeblättert werden.

„Die Türkei hatte im Vorjahr ein Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent, was ein großer Erfolg ist“, sagt Georg Karabaczek, österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Istanbul. „Der Preis für das Wachstum war eine lockere Geldpolitik, Kredite waren günstig und wurden großzügig vergeben, die Zinsen waren lange Zeit unter der Inflationsrate. Der Preis dafür war auch, dass die Lira sehr stark abgewertet hat.“

Vom Jahresbeginn 2020 bis Oktober hat die türkische Währung 30 Prozent ihres Wertes verloren. Die Erhöhung des Leitzinssatzes führte zu einem Kapitalzufluss und vermittelte ein Zeichen der Unabhängigkeit der Zentralbank und der Stabilität der Lira. Der Nebeneffekt war, dass der Inlandskonsum etwas abgewürgt wurde.

30 Prozent Abwertung

„Jetzt ist die große Frage, wie es weitergeht. Wird der neue Nationalbankpräsident sofort die Zinsen senken oder erst später“, sagt Karabaczek.

Fakt ist, dass die Staatsverschuldung nur bei rund 30 Prozent liegt. „Aber die Privatunternehmen sind stark im Ausland verschuldet, mit etwa 250 Milliarden Dollar“, sagt der Wirtschaftsdelegierte. „Fakt ist auch, dass die Unternehmen die Schulden zurückzahlen müssen und ein schlechterer Kurs ist eine extreme Belastung.“ Oft haben sie Einnahmen in Lira, aber müssen die Kredite in Euro oder Dollar zurückzahlen. Auch der Außenhandel wird in Devisen abgewickelt.

Die Türkei ist ein industrialisiertes Land, es gibt eine große Auto-, Maschinen-, und Weißwaren-Industrie (Waschmaschinen, Kühlschränke). „Bei TV-Geräten ist die Türkei einer der größten Produzenten, dazu kommt eine große Textilindustrie“, so der Wirtschaftsdelegierte. Autos sind die häufigsten Einzelprodukte, die nach Österreich exportiert werden. Indes konnten die österreichischen Exporte in die Türkei im Vorjahr um acht Prozent zulegen.

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