Politik | Ausland 09.02.2018

Rassismus in Italien: "Das Ergebnis einer Politik des Hasses"

Kyenge kam als Jugendliche nach Italien © Bild: European Parliament

Ex-Ministerin Cécile Kyenge über den Anschlag von Macerata und Positivbeispiele.

Cécile Kyenge war Italiens erste schwarze Ministerin (für Integration, 2013 bis 2014). Die heutige Europaabgeordnete der Demokratischen Partei (PD) kam 1983 aus der Republik Kongo nach Norditalien. Seit sich die studierte Augenärztin politisch engagiert, stehen rassistische Übergriffe gegen sie an der Tagesordnung. Die 53-jährige Italienerin kann ihr Amt aufgrund ihrer Hautfarbe nur unter Polizeischutz ausüben.

KURIER: Laut Umfragen steht auch in Italien bei den Parlamentswahlen am 4. März wie bereits in vielen europäischen Ländern ein Rechtsruck bevor.

Cécile Kyenge: Was mir Sorgen bereitet, ist das Abdriften in Richtung rassistischer Parteien – wie der Lega, sowie den neuen rechtsextremen Bewegungen (wie Casa Pound, Forza Nuova, Anm.). Moderate Rechte sind nicht das Problem, die hat es immer gegeben.

Im Ausland stößt die Rückkehr von Ex-Premier Silvio Berlusconi auf die politische Bühne auf Unverständnis.

Ich hoffe, dass seine Partei (Forza Italia, Anm.) auf Abstand zur rassistischen Lega geht. Ich kämpfe an vorderer Front gegen die Lega, die Rassismus politisch instrumentalisiert. (Die Angriffe der Lega gegen Kyenge reichten von Bananen werfen, Orang Utan-Vergleichen bis Morddrohungen, Anm.).

Ich hoffe, dass die Forza Italia in der Lage ist, sich der Lega zu widersetzen. Auch wenn ich nach den letzten Aussagen Berlusconis zu Migration meine Zweifel habe. (Er bezeichnete Migranten als "soziale Bombe" und will 600.000 illegale Migranten abschieben, Anm.)

Das sind populistische Aussagen ohne Fundament, die nicht auf Fakten basieren.

Die Schussattacken eines Rechtsextremen auf Afrikaner vergangenen Samstag in Macerata bezeichneten Sie als terroristische Attacke. Handelt es sich dabei um einen Einzelfall?

Man kann es nicht als ein isoliertes Verbrechen sehen, sondern als Ergebnis einer Politik, die Hass erzeugt, um Wählerstimmen zu gewinnen. Umso wichtiger ist unsere politische Aufgabe und Wertevermittlung gerade in dem Moment, wo sich das Bevölkerungsbild in ganz Europa ändert und Menschen aus anderen Kulturen zu uns kommen. Das fängt in der Schule an und geht bis zur Politik.

Es darf nicht mehr vorkommen, wie es an einigen italienischen Schulen passierte, Personen in eine weiße Rasse und schwarze Rasse zu unterteilen. Wir müssen heute mehr denn je in Diversität investieren.

Ist Italien ein rassistisches Land?

Italien ist allgemein nicht rassistisch. Leider bekommt eine kleine fremdenfeindliche Minderheit große Aufmerksamkeit. Aber der Großteil der Menschen, das "anständige Italien", diese schweigende Mehrheit, bekommt nicht ausreichend Gehör.

Auf Twitter und Facebook werden Sie häufig rassistisch diffamiert. Bringen Sie faschistische Kommentatoren zur Anzeige?

Es ist für mich nicht einfach, jeden Tag diese rassistischen Attacken auszuhalten. Ich habe auf eigene Kosten einen Anwalt engagiert und wir haben folgende Strategie festgelegt: Wir verfolgen landesweit rassistische Äußerungen hauptsächlich von Politikern und Vertretern von Institutionen.

Ich nenne Ihnen nur drei Fälle von vielen, die bisher vor Gericht landeten: Zwei der Klagen richten sich gegen Lega-Politiker und eine gegen einen Ex-Sekretär der rechtsextremen Forza Nuova.

Ist das Leben für afrikanische Migranten in Italien gefährlicher als anderswo?

Gefährlich ist ein großes Wort. Denn es gibt auch viel Solidarität. Ich muss mich bei meinem Begleitschutz bedanken, der für meine Sicherheit sorgt. Ich habe Leibwächter und das nur aufgrund meiner Hautfarbe.

Aber wie gesagt, es gibt auch positive Beispiele, die medial selten vorkommen. Etwa die Gastfreundschaft vieler Menschen in Lampedusa, der offene Umgang mit Flüchtlingen im süditalienischen Riace oder der Professor in Triest, der afrikanische Kinder aufgenommen hat.

( kurier.at ) Erstellt am 09.02.2018