Richard Kruspe

© REUTERS/FABRIZIO BENSCH

Serie Teil 4
11/05/2014

Rammstein: "Hier dreht man mir die Luft ab"

Gitarrist Richard Kruspe im KURIER-Interview über seine Jugend in – und seine Flucht aus der DDR.

von Brigitte Schokarth

Stundenlang an der Wand stehen. Befragt werden, immer wieder zu den selben Themen: Richard Kruspe, Gitarrist von Rammstein, hat am eigenen Leib erlebt, wie in der DDR Verhöre gehandhabt wurden. Der Musiker ist in Wittenberge im Nordwesten Brandenburgs aufgewachsen. Mit 19 zog er aus der Provinz nach Berlin, in den Bezirk Prenzlauer Berg. "Eine einsame Zeit" nennt er sie heute. Er habe eigentlich vor allem alleine Gitarre gespielt. Die Politik der Diktatur holte ihn trotzdem ein. Kruspe wurde im Herbst 1989 unschuldig verhaftet und nahm das zum Anlass, zu fliehen – nur wenige Wochen vor dem Fall der Mauer.

"Ich bin damals zufällig in eine Demo geraten", erklärt er im Interview mit dem KURIER. "Ich wollte einen Freund besuchen, und als ich aus der U-Bahn stieg, wurde ich verhaftet. Wir wurden auf einen Truck verfrachtet und eine Stunde irgendwohin gefahren. Sie haben mir meine Geschichte vom Zufall natürlich nicht geglaubt, deshalb war ich sechs Tage inhaftiert. Ich musste stundenlang an der Wand stehen. Und wenn ich mich gerührt habe, ist gleich einer rübergekommen. Danach war mir klar, ich muss hier raus, hier dreht man mir die Luft ab."

Die Stasi, allmächtiger Geheimdienst der DDR, habe ihn wegen seiner Kontakte zur Musikerszene zwingen wollen, mit ihr zumindest inoffiziell zusammenzuarbeiten.

Flucht über Ungarn

Kruspe flüchtete mit einem schwulen Freund über Ungarn nach Westberlin. Dort angekommen, hatte er einen Riesenschreck: "Da wurde mir erst klar, dass es kein Zurück gibt. Ich hatte das so spontan entschieden, dass ich keine Zeit hatte, mich von allen zu verabschieden. Erst in Westberlin wurde mir klar, dass ich jetzt mit der Konsequenz leben muss, dass ich meine Familie nie wiedersehen werde. Denn ein Fall der Mauer war nicht abzusehen."

Dazu kam, dass Westberlin damals grau und düster war, und Kruspes Wohnsituation – mit zwei Freunden in einem Zimmer in Kreuzberg – schwierig. Sodass er sich schnell fragte: "Au Scheiße, was hast du da gemacht?"

Den Mauerfall erlebte er dann mit Gefühlen, "die man nicht oft hat". Nachdem er die Pressekonferenz von Günter Schabowski gesehen hatte, ging Kruspe sofort zum Checkpoint Chausseestraße: "Ich bin vier oder fünf Mal hin und her gegangen, weil ich das nicht geglaubt habe!"

Später zog der Musiker wieder in den Osten, lernte in Schwerin Till Lindemann kennen. Mit ihm gründete er Rammstein, machte Weltkarriere und wohnte zeitweise in Amerika.

Sein Leben in der DDR sieht er heute differenzierter: "Ich bin glücklich, dass ich dort eine wunderschöne Kindheit hatte. Denn wir sind mit dem Gedanken aufgewachsen, dass es keine Kriminalität gibt, keine Arbeitslosen – Geld war nie ein Thema. Aber natürlich, als ich so zwölf Jahre alt war, ist es kompliziert geworden. Denn dann habe ich die Dinge hinterfragt und bin draufgekommen, was nicht gestimmt hat. Heute weiß ich aber, das ist egal – weil ich diese zwölf extrem guten Jahre hatte. Ich bin dankbar dafür, dass ich beide Welten erleben konnte."

Wo waren Sie, als die Mauer fiel? Zum KURIER.at-Mauerblog

Special: Kurier.at/freiheit

Härte und Provokation

Berlin

Die Kunstszene der wiedervereinigten Hauptstadt Anfang der 90er prägte die Band, deren Mitglieder aus der DDR stammen. Der große Erfolg stellte sich erst 1997 mit dem Album "Sehnsucht" ein. US-Regisseur David Lynch begeisterte sich für den monotonen Metal Rock der Band und verwendete zwei Songs im Soundtrack von "Lost Highway". Die erste US-Tournee und der internationale Durchbruch folgten.

Rechtsextrem?

Rammstein arbeiten musikalisch, vor allem aber auch textlich mit Anspielungen auf den Faschismus und dessen Ästhetik. Auf ihren CDs, aber auch bei ihren Liveshows werden Symbole verwendet, die eindeutige Ähnlichkeiten zu faschistischen Symbolen aufweisen. In den Texten finden sich Bezüge zu Gewalt oder sexuellem Missbrauch, aber auch Begriffe, die sich als rassistisch oder nationalistisch werten lassen.

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