"Inhaltsleer und hetzerisch": Wie die Presse Trumps Rede kommentiert
Zusammenfassung
- Internationale Medien kritisieren Trumps Rede als inhaltsleer, hetzerisch und voller Übertreibungen über eigene Erfolge.
- Außenpolitische Themen wie der Ukraine-Krieg wurden kaum behandelt, während innenpolitische Spaltung und Angriffe auf Gegner im Fokus standen.
- Viele Kommentatoren sehen die Rede als Zeichen für Trumps Strategie, Misstrauen gegenüber dem Wahlsystem zu säen und die amerikanische Gesellschaft weiter zu polarisieren.
US-Präsident Donald Trump hat sich in der bisher längsten "Rede zur Lage der Nation" zahlreiche Erfolge bescheinigt, allen voran in der Wirtschaft und bei der Bekämpfung der illegalen Einwanderung. Außenpolitischen Themen wie dem Krieg in der Ukraine widmete er sich kaum.
Stattdessen zeichnete er ein Bild von einer wiedererstarkten Nation, die er in ein "goldenes Zeitalter" geführt habe - ein Begriff, den er seit Beginn seiner Präsidentschaft beschwört.
Zur Rede schreiben Zeitungen am Donnerstag.
"Fehlte ihm an Anstand und Würde"
"El País" (Madrid)
"Wie schon bei allen anderen öffentlichen Auftritten machte Donald Trump auch seine Rede zur Lage der Nation zu einer langen, wirren und irreführenden Wahlkampfveranstaltung. Es fehlte ihm am Anstand und an der Würde, die man vom Präsidenten der USA vor dem Kongress erwartet. Mehr als eineinhalb Stunden lang verbreitete Trump leere Übertreibungen über 'die unglaublichste und außergewöhnlichste Nation, die jemals auf Erden existiert hat' und heizte Kulturkriege nach dem Geschmack der extremen Rechten an.
Er ignorierte das von ihm selbst verursachte Chaos im Handel, die kriminellen Exzesse seines Kreuzzugs gegen Einwanderer, seine orientierungslose Außenpolitik und die anhaltende wirtschaftliche Unzufriedenheit der Mittelschicht über die Lebenshaltungskosten, die seine Regierung nicht in den Griff bekommt. (...) Eine inhaltsleere, hetzerische Rede. (...)
Es ist schwer, sich daran zu gewöhnen, dass der Respekt, den die nordamerikanische Demokratie ihren Institutionen bisher entgegengebracht hat, zerstört wurde, und sich bewusst zu machen, dass ein politisches System nicht nur an seinen Gesetzen gemessen wird, sondern auch an Ritualen, in denen sich alle wiedererkennen können. Die Rede zur Lage der Nation war eines dieser Rituale, das nun durch die Grobheit Donald Trumps gekapert wurde."
"Jyllands-Posten" (Aarhus)
"Die politischen Gegner wurden verhöhnt. Den Richtern des Supreme Courts wurde eine 'unglückliche Entscheidung' beschieden. Eine den Umständen entsprechend milde Kritik. Als der Oberste Gerichtshof der USA Trumps großes Prestigeprojekt, die Zölle, stoppte, hieß es aus dem Weißen Haus, dass mehrere Richter eine 'Schande unserer Nation' seien.
Unter anderem vor diesem Hintergrund könnte man fast meinen, es sei eine gemäßigtere Version des amerikanischen Präsidenten gewesen, die in der Nacht auf Mittwoch sprach. Und noch vor einem Jahr wäre die Reaktion wohl entsprechend ausgefallen. Damals galt es schon als eine Art Sieg der Normalität, wenn Trump nichts sagte. (...)
Diese Zeiten sind vorbei. Im Laufe des ersten Jahres von Trumps zweiter Amtszeit als Präsident hat sich die grundlegende Einschätzung seiner Person dramatisch verändert.
Versöhnliche Reaktionen und die Hoffnung, Trump werde zur Vernunft kommen, sind einer realistischeren Sicht auf Donald Trump gewichen, der jetzt zurecht derselben Kategorie wie Wladimir Putin und Xi Jinping zugeordnet wird. (...)
Am bemerkenswertesten an der ellenlangen Rede war, dass Donald Trump schon begonnen hat, seine eigene Niederlage vorzubereiten - mit der Erzählung, dem System sei nicht zu trauen. Seine falsche Behauptung, man habe ihm die Wahl gestohlen, ist nie verschwunden. Niemand sollte überrascht sein, wenn Trump sie erneut bemüht, falls die Zwischenwahlen für ihn schlecht ausgehen. Und ebenso wenig, wenn er entsprechend handelt."
"Gazeta Wyborcza" (Warschau)
"Als Donald Trump das Podium des Kongresses betrat, um seine jährliche Rede zur Lage der Nation zu halten, endeten in Europa die Veranstaltungen zum vierten Jahrestag der russischen Aggression gegen die Ukraine. Trump sprach an einem symbolischen Tag, aber er äußerte sich nur wenig und flüchtig zur Ukraine.
Er sprach allgemein über die Opfer des Konflikts, wobei unklar ist, woher er die Zahl von 25.000 Toten pro Monat hat. Und er verschwieg, dass die Zahl der ermordeten ukrainischen Zivilisten dramatisch steigt, die Zahl der Opfer terroristischer Angriffe Russlands auf ukrainische Städte, die ein Kriegsverbrechen darstellen.
Über eine Unterstützung der kämpfenden Ukraine haben wir kein Wort gehört. Und eigentlich gibt es auch nichts zu sagen, denn die Unterstützung der Verteidiger der Ukraine - in materieller, militärischer und zunehmend auch in nachrichtendienstlicher Hinsicht - hat Europa übernommen. Auch über Sicherheitsgarantien schwieg Trump. Der Krieg in der Ukraine, ein verbrecherischer Konflikt und die größte globale Sicherheitsherausforderung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde vom US-Präsidenten auf einen Nebenaspekt reduziert."
"Er flüchtete sich noch mehr ins Fantastische"
"Tages-Anzeiger" (Zürich)
"Mit dem Zollurteil hat Trump seinen Knopf verloren, auf den er immer dann drückte, wenn ihm etwas nicht gefiel. (...) Mit dieser Wut und Willkür kann Trump künftig nicht mehr agieren. (...) Hinzu kommt: Die Zolleinnahmen, die nun wegfallen, reißen ein Loch in den Haushalt der USA. Auch etliche einflussreiche Stimmen innerhalb der Maga-Bewegung halten die hohe Verschuldung für eine Gefahr. Sie dürften bald so laut werden, dass Trump sie nicht mehr ignorieren kann. Auch die Zwischenwahlen rücken immer näher. Viele republikanische Abgeordnete dürften ihre eigene Wiederwahl über ihre Loyalität zu Trump stellen.
Ein anderer US-Präsident würde in einer solchen Lage versuchen, Kompromisse zu finden und auf seine Gegner zuzugehen. Aber das ist nicht Trumps Stil. Bei seiner Rede zur Lage der Nation beschimpfte er die Demokraten in gewohnter Manier. Und er flüchtete sich noch mehr ins Fantastische, als man es ohnehin von ihm gewohnt ist. Die Zolleinnahmen würden bald so sehr sprudeln, dass die Amerikaner keine Einkommenssteuer mehr zahlen müssten, behauptete er. Ein Präsident auf dem Höhepunkt seiner Macht hätte es nicht nötig, einen solchen Unfug zu verbreiten."
"Neue Zürcher Zeitung"
"Trump ist ein Meister darin, die Wahrnehmung und den Fokus der Welt zu lenken. Getrieben von der Überzeugung, dass Aufmerksamkeit letztlich Macht bedeutet, lanciert der amerikanische Präsident laufend neue Ideen, Initiativen und Sensationen. (...) Welche Rakete würde der Pyrotechniker Trump also bei seiner Rede zur Lage der Nation zünden? Die Antwort ist: Es fiel ihm anscheinend nichts ein. (...)
Trumps Rede glich in ihrem maßlosen Selbstlob einer Autosuggestion: Weil ich das goldene Zeitalter verkünde, ist das goldene Zeitalter da. Das ist eine zu dünne Botschaft, umso mehr, als viele Amerikaner die Realität anders wahrnehmen. Sechs von zehn finden, dem Land gehe es schlechter als vor einem Jahr. Die Fakten können dem amerikanischen Präsidenten ein Stück weit egal sein, die Wahrnehmung der Amerikaner aber nicht."
"Rede triefte vor Verachtung"
"Seattle Times"
"Seine 108-minütige Rede triefte vor Verachtung (...). Er zeigte seine Verachtung für das amerikanische Volk, indem er wiederholt über seine Erfolge log und die Ergebnisse seiner Politik übertrieben darstellte. Er erwähnte nicht einmal die Tötung zweier amerikanischer Bürger in Minneapolis durch seine maskierten Bundesbeamten. Und obwohl 16 Opfer des verstorbenen, verurteilten Sexhändlers Jeffrey Epstein anwesend waren, geruhte er sich nicht, auf die umstrittene langsame Freigabe und übermäßige Schwärzung der Epstein-Akten durch sein Justizministerium einzugehen.
Auch wenn die Rede zur Lage der Nation von Präsident Donald Trump nicht gerade erquicklich war, sollte sie doch für aufmerksame Amerikaner aufschlussreich gewesen sein. In diesem Moment liegt auch eine Chance.
Die Nation steht an einem Scheideweg, der wenig mit dem Preis für Eier oder der Entwicklung des Aktienmarktes zu tun hat. Vielmehr geht es darum, für amerikanische Werte einzustehen, die von dieser Regierung so rücksichtslos missachtet wurden.
Die Wähler müssen über Parteipolitik hinausblicken und die Zukunft ihrer Familien, der Nation und der Welt berücksichtigen. (...) Die Entscheidungen, die die Wähler diesen Herbst (bei den Zwischenwahlen) und im Jahr 2028 treffen, werden noch Jahrzehnte nachwirken."
"Neatkariga Rita Avize" (Riga)
"Nicht nur diese Rede Trumps, sondern seine gesamte Politik verdeutlicht die tiefe Kluft und Spaltung, die sich in der westlichen Welt in den vergangenen Jahren aufgetan hat. Auf der einen Seite stehen die gebildeten 'Eliten', die den Verfall von Werten und der internationalen Ordnung beklagen. Und auf der anderen Seite die 'einfachen' Menschen, die die abstrakten 'Werte' satt haben in einer Zeit, in der die Preise in den Geschäften explodieren und die Grundfesten der von ihren Vorfahren geerbten 'Werte' unter ihren Füßen wegbrechen.
Manche Dinge muss man dabei einfach verstehen und akzeptieren. Trumps Politik kann und darf nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien bewertet werden. Genauso wie jede andere Politik, sofern sie nicht offensichtlich kriminell ist. (...)
Was immer Demokraten, linke Liberale, Sozialisten und andere Progressive aber auch getan haben mögen: Trumps Politik basiert gleichfalls nicht wirklich auf 'gesundem Menschenverstand'. Beide Seiten verrennen sich in absurden Situationen. Wie die Geschichte zeigt, wird sich früher oder später alles stabilisieren. Eine andere Frage ist, wie lange es dauern und welche Verluste diese 'Stabilisierung' mit sich bringen wird."
"Rekordtiefe Popularitätsquote"
"Kommersant" (Moskau)
"US-Präsident Donald Trump hielt vor dem Kongress eine Rede 'Zur Lage der Nation', die seine programmatische Rede im Vorfeld der Zwischenwahlen 2026 war. Vor dem Hintergrund seiner rekordtiefen Popularitätsquote und der Gefahr, die Kontrolle über den Kongress zu verlieren, verwandelte der Präsident seine Ansprache vor den Gesetzgebern in eine theatralische Demonstration amerikanischer Erfolge an allen Fronten, die dank seiner Führung erreicht worden seien. Trumps Rede zeigte, dass sich der Fokus seiner Politik auf die Stärkung des amerikanischen Patriotismus durch die Lösung interner Probleme verschiebt und globale Krisen, einschließlich der Ukraine, in den Hintergrund treten."
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