Politik | Ausland
27.07.2018

Prager Frühling 1968: Im Wohnzimmer bei den Nachbarn

KURIER-Leser erinnern sich an den Alltag der Flüchtlinge und die Hilfsbereitschaft in Österreich

„Ich, als 16-Jähriger, habe die Reisefreiheit der Tschechen und Slowaken in Wels miterlebt. Es waren im Sommer plötzlich viele Autos – vorwiegend Škodas – mit tschechoslowakischen Kennzeichen bei uns zu sehen. Nach der Invasion kamen die Nachbarn noch mit Fahnen und Trauerflor geschmückten Pkw. Einen Monat später sah man keine Škodas mehr, der Prager Frühling war Vergangenheit.“

So erinnert sich Klaus Werner, einer der KURIER-Leser, die das Jahr 1968 und den Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei nie vergessen werden. Die Bilder haben sich bei dem damals Jugendlichen eingeprägt, denn die oberösterreichische Grenze zur ČSSR blieb danach, bis November 1989, eine tote Grenze.

Vor einer Woche hat die Autorin dieser Zeilen, die den Einmarsch als Zeitzeugin in Bratislava erlebte, ihre Erinnerungen im KURIER veröffentlicht – und Leser eingeladen, es ihr gleichzutun.

Gestrandet in Österreich

Die Niederschlagung des sogenannten Prager Frühlings löste damals eine Welle an Flüchtlingen aus, die in den Westen wollten. Der Hauptstrom floss hauptsächlich über Wien. Zu den Flüchtlingen aus der ČSSR mischten sich heimkehrende Urlauber, die vorwiegend aus Jugoslawien über Österreich in die Tschechoslowakei nach Hause wollten. Als sie von der Okkupation erfuhren, warteten die meisten in Österreich einmal zu.

Trotz des unerwarteten Ansturms von Flüchtlingen – bis Ende 1968 sollen es 100.000 werden – blieben die Wiener hilfsbereit.

„Ich selbst erinnere mich noch daran, dass wir einer tschechischen Familie wochenlang in unserer Simmeringer Wohnung das Wohnzimmer zur Verfügung stellten. Deren rechtsgesteuerter Škoda 1000 MB stand noch monatelang vor unserem Haus, unverkäuflich“, schildert Anton Bucek aus Salzburg. Viele Autos tschechoslowakischer „Gäste“ blieben lange abgestellt, weil die Besitzer bereits in ihre neue Heimat gezogen waren – oft mit Charterflugzeugen abgeholt, etwa nach Kanada oder Australien.

„Diese Kultur der Hilfe und Dankbarkeit ist unvergleichlich mit dem, was sich jetzt abspielt“, sagt Bucek in Anspielung an Asyl-Diskussionen dieser Tage.

"Hotel Škoda"

Walter Pijan schreibt: „Als junger Fotoverkäufer in der Mariahilfer Straße im Jänner 1968, damals fuhren da noch Autos und Bim, bediente ich ein junges tschechisches Pärchen. Er kaufte einen Kleinbildfilm, wir redeten über die Ereignisse, und ich fühlte die Angst und Verunsicherung. Sie wussten nicht, wie es weitergehen würde und ob man jetzt gleich zurück könnte oder abwarten sollte. Sie entschlossen sich für Zweiteres. Ich fragte, wo die beiden übernachten würden, und er zeigte auf das Auto vor der Auslage: ,Im Hotel Škoda’ war die Antwort. Ich lud spontan beide ein, bei mir und meiner Frau in der noch nicht fertigen Wohnung in der Zollergasse zu bleiben, bis die Umstände ruhiger und geklärt seien. Das nahmen die zwei gerne an und blieben einige Tage. Wie so oft, riss der Kontakt nachher ab. Jahre später stand der Mann überraschend vor unserer Tür. Da waren die beiden Länder getrennt und die beiden Menschen auch nicht mehr zusammen. Das eine war so traurig wie das andere. Wir haben einander dann nicht mehr getroffen. Schade, aber das ist das Leben.“

Organisiert

Neben den unzähligen privaten Unterstützern hat sich sehr bald in Wien auch professionelle Hilfe organisiert. „In aller Eile wurde das Büro der Volkshilfe in der Auerspergstraße adaptiert. Nach zwei Tagen konnte ein Gassenlokal in einer ehemaligen Bank im gleichen Haus eröffnet werden. Hier erhielten die ausgereisten Tschechen und Slowaken Essensgutscheine der WÖK (Wiener öffentliche Küche), Benzingutscheine, Quartierzuweisungen und weitere Hilfestellungen“, berichtet Heinz Weiss. „Hunderte Campingurlauber, die in ihrer Not im damaligen Überschwemmungsgebiet der Donau ihre Zelte aufgeschlagen hatten, wurden mit Hilfe der Wiener Polizei in das Gelände des Hörndlwaldes in Hietzing geleitet, wo sie durch die Volkshilfe übernommen wurden. Zahlreiche Hallen und Häuser wurden als Notquartiere eingerichtet. Tausende Menschen konnten durch das ,Aktionskomitee ČSSR-Hilfe’ betreut werden. Zahlreiche freiwillige Mitarbeiter vom Arbeiter-Samariter-Bund, von den Kinderfreunden und der Volkshilfe stellten sich Tag und Nacht zur Verfügung. Die Stadt Wien half bei der Versorgung, Firmen spendeten Hilfsgüter und Benzingutscheine.“

Gerüchte um Sowjettruppen in Österreich

Diese Hilfsaktion für rund 50.000 Menschen sei überaus erfolgreich abgelaufen.

Mehrere Leser, die damals beim Bundesheer dienten, erinnern sich, wie sie angesichts der Warschauer Pakt-Truppen im Nachbarland in Alarmbereitschaft versetzt wurden – und dass sie nicht abrüsten durften. Gerüchte, dass Truppen bereits in Österreich einmarschiert seien, machten bei Soldaten die Runde.

Sie bestätigten sich zum Glück nicht.