Politik | Ausland
25.04.2017

Frankreich-Wahl: "Sie sind ein Muster für die Zukunft"

Politologin Ulrike Guerot über Anti-Le-Pen als Hoffnungsträger.

Sie kennt Frankreich und seine Schwächen wie kaum eine Zweite. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guerot leitet die Abteilung für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Uni Krems und hat ihre Dissertation über die französische Linke geschrieben. Im Interview analysiert sie, wie Emmanuel Macron zum Hoffnungsträger der Franzosen werden konnte.

KURIER: Wie hat es Macron geschafft, innerhalb von Monaten ein Hoffnungsträger zu werden?

Ulrike Guerot: Im Gegensatz zu seinen Vorgängern spricht er die jungen Franzosen an, weil er erst 39 Jahre alt ist. Macron zeigt überzeugend, dass er nicht den genormten Weg geht. Er hat sich vom verkrusteten Parteiapparat abgesetzt, ist als Minister zurückgetreten, um eine neue Bewegung, aber keine Partei, zu gründen. Selbst seine Ehe mit seiner ehemaligen Lehrerin, die 24 Jahre älter ist, entspricht nicht der Norm.

Das sind die äußeren Umstände, aber was ließ ihn politisch zum Hoffnungsträger werden?

Macron gibt Hoffnung, dass es die politische Mitte gibt. Er steht für Dynamik, aber auch für Kompetenz. Als Wirtschaftsminister hat er bewiesen, dass er Reformen auch gegen Widerstände durchführen kann. Mit dem "Loi Macron", das auch nach ihm benannt wurde, hat er eine Liberalisierung der Wirtschaft geschafft. Ein weiterer Vorteil ist, dass Macron ein Sozialist ist. Er gab das Versprechen ab, die Reformen sozial verträglich durchzuführen. Sein Reformwille kombiniert mit sozialem Gewissen macht ihn für beide Seiten wählbar.

Gibt es in Österreich Politiker, bei denen Sie das Potenzial eines Hoffnungsträgers sehen?

Es gibt zwei Persönlichkeiten, die auch keinen genormten Weg gegangen sind. Der eine ist Bundeskanzler Christian Kern, der andere ist Außenminister Sebastian Kurz. Beide stehen für etwas und beide haben ungewöhnliche Lebensläufe. Der eine kommt aus der Wirtschaft, der andere wurde sehr jung in die Regierung geholt. Auch Irmgard Griss war ein Vorbote dieser Entwicklung, bei der es noch nicht ganz geklappt hat.

Setzt Macron den Trend fort, dass Persönlichkeiten wichtiger werden als die Partei?

Absolut. Persönlichkeiten als politische Hoffnungsträger sind ein Muster für die Zukunft. "Person, no party" sagt man in den USA. Schauen wir eben dorthin: Die Republikaner existieren eigentlich nicht mehr, aber Trump regiert. Auch bei Marine Le Pen geht es mehr darum, ob sie als Person integer ist oder nicht. Der Front National steht eher im Hintergrund. Das sind Menschen, die eine Stimmung bündeln können und dann die Partei dafür bekommen. Solche Phänomene gab es aber schon. Denken Sie an General Charles de Gaulle.

Auch in der SPD gibt es den Hoffnungsträger Martin Schulz. Warum setzt Bayern auf das altgediente Modell Horst Seehofer, der nun wieder antritt?

Das kann man nicht miteinander vergleichen. Bayern tickt eben so. Seehofer ist ja mehr ein Landesvater, aber auch das hat etwas Gutes.

Ist der Grund für den Trend, dass es in der Bevölkerung wieder den Wunsch nach einer starken Führungspersönlichkeit gibt?

Ja, diese Entwicklung können wir messen. Bei den Front National-Wählern wünschen sich 98 Prozent eine starke Führungspersönlichkeit. Auch bei den jungen Menschen nimmt der Wunsch nach einer autoritären Führung zu. Noch spielt sich alles im sehr niedrigen Prozentbereich ab, aber eine Dynamik ist vorhanden.