Politik | Ausland
15.07.2018

Taktik, Geld, Bewunderung: Was verbindet Trump und Putin?

US-Präsident trifft in Helsinki auf den Kremlchef. Was verbindet den hitzigen Lebemann mit dem unterkühlten Ex-Spion?

Donald Trump und Wladimir Putin am Montag in Helsinki: Nach den Stunksitzungen bei der NATO in Brüssel und der bitter aufgestoßenen Teatime in Großbritannien könnte das Aufeinandertreffen der Alphatiere zu einem politischen Sommersaunabesuch werden, der die Welt ins Schwitzen bringt. Hier das personifizierte Bauchgefühl aus Manhattan, das sich erratisch entlang von kurzfristigen Kosten-Nutzen-Erwägungen durch die Weltpolitik schlawinert. Dort der ehemalige Spionageabwehr-Offizier des KGB, der seine geopolitischen Züge lange im voraus plant und mit Eiseskälte exekutiert.

Was wenn die Chemie zwischen diesen beiden wirklich stimmt? Plötzlich ist sie wieder sehr lebendig, die Angst vor einer unheilvollen Freundschaft zweier für Parallelwelten anfälliger Staatschefs, die ihre Länder ohne Rücksicht auf andere „groß“ machen wollen.

Treffen der Weltmächte im Rückblick

US-Präsident trifft Kremlchef: Ein historischer Rückblick

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Ljubljana 2001: Alles kam anders. Sowohl George W. Bush als auch Wladimir Putin waren relativ neu im Amt und versuchten sich bei dem Gipfel in Slowenien erstmals näher zu kommen. Doch alles sollte anders kommen als bei diesem Gespräch geplant, wenige Monate danach stand die Welt nach dem 11. September im Bann des Terrors.

Wien 1961: Im Kalten Krieg. Unter Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow (li.) hatte die Revolution in Kuba zu einer dramatischen Verschärfung des Kalten Krieges geführt. Der Gipfel mit John F. Kennedy in Wien sollte zur Entspannung beitragen. Der Versuch misslang. Ein Jahr danach stand die Welt in der Kuba-Krise am Rande des Atomkrieges.

Helsinki 1997: Eine Supermacht. Unter Boris Jelzin (li.) erlebte Russland einen dramatischen wirtschaftlichen Niedergang und war auch außenpolitisch geschwächt. Die USA unter Bill Clinton nützten das und trieben etwa die Osterweiterung der NATO konsequent voran. Jelzin war auch bei den Gesprächen in Helsinki quasi wehrlos.

Reykjavik 1986: Ende des Ostblock. Der Rüstungswettlauf mit den USA unter Ronald Reagan(re.) hatte die UdSSR an den Rand des Kollaps gebracht. Michail Gorbatschow versuchte eine Reform, die letztlich scheitern sollte.  Der Gipfel in Reykjavik war betont freundschaftlich, doch der Kollaps des sozialistischen Europa war bereits eingeleitet.

Potsdam 1945: Teilung der Welt. Im Juni 1945 zogen der britische Premier Winston Churchill, US-Präsident Harry Truman und der sowjetische Staatschef Josef Stalin (von links) im deutschen Potsdam die Grenzen in Europa neu. Der Zweite Weltkrieg war vorbei, der Kalte Krieg begann, über das geteilte Europa senkte sich der Eiserne Vorhang. 

„Black Box“

Dabei ist das Programm an dem Ort, an dem sich schon für Ford und Breschnew, Bush senior und Gorbatschow, Clinton und Jelzin die Wege kreuzten, noch eine „black box“. Abseits der Schlagworte Ukraine, NATO, Syrien, Iran, Nordkorea und Atomwaffen gibt es keine öffentliche Agenda, jedenfalls nicht bei Trump.

Bis zuletzt entzog sich der US- Präsident Nachfragen mit Belanglosigkeiten – „ Putin ist nicht mein Feind, er ist ein Konkurrent, vielleicht wird er irgendwann ein Freund“ – und Ausflüchten. Werde Amerika die russische Aneignung der Krim 2014 anerkennen? „Kann ich nicht sagen“, erklärte Trump in Brüssel. Und nährte den Verdacht, den Analysten in Washington trotz zahlreicher Dementis seit langem hegen: Dass ein Deal im Schwange ist, bei dem Trump über die Köpfe der Weltgemeinschaft hinweg die Annexion abnicken und als „Zugabe“ die als Abschreckung gedachten NATO-Manöver NATO in Osteuropa zurückfahren könnte. Wenn sich Putin im Gegenzug verpflichten würde, in der Ostukraine vom Gaspedal zu gehen und den Iran wenigstens teilweise aus Syrien zu bugsieren. US-Truppen würde Trump dann wie versprochen zurückbeordern. Als Belohnung winkt für Putin – was sowohl den Kongress in Washington als auch Europa in Aufruhr versetzen würde – die Aufhebung von Sanktionen, die Russland zunehmend wehtun. Trump tritt dem von ihm bewunderten Autokraten, Judo-Kämpfer und Oben-ohne-Reiter-wie-Angler als Paradoxon gegenüber. Sein nimmermüdes Werben für einen Neustart zwischen Washington und Moskau, dessen Verhältnis Vorgänger Obama zerstört habe, kontrastriert seit Amtsantritt mit einer immer härteren Realpolitik. Russische Konsulate wurden geschlossen, Diplomaten rausgeworfen – gerade nach der Giftattacke auf einen russischen Ex-Spion in England. Putins Oligarchen wurde mit Sanktionen und Einreiseverboten belegt und der Kreml als atomarer Bösewicht und Unruhestifter schlechthin identifiziert.

„Schlechter als je zuvor“

„Unsere Beziehung zu Russland ist schlechter als je zuvor, und das schließt den Kalten Krieg ein“, twitterte Trump im Frühling und rühmte sich seiner Streng-sein-mit-Mütterchen-Russland-Strategie („tough on russia“). Allerdings ohne dabei auch nur ein Mal dem Mann öffentlich vors Schienbein zu treten, ohne den dort nichts geht: Putin. Wann immer Gelegenheit gewesen wäre, den mit missionarischer Gnadenlosigkeit den Westen destabilisierenden Ex-Geheimdienstler zu stellen, machte sich Trump vielmehr dessen Unschuldsbehauptungen und Desinformations-Manöver zu eigen. „Er hat mir absolut beteuert, dass er sich nicht in unsere Wahl eingemischt hat“, ist einer von Trumps Standardsätzen.

Sie klingen umso unglaublicher, wenn man sie mit den Erkenntnissen sämtlicher US-Geheimdienste, Kongress-Ausschüsse und den nbisherigen Ermittlungen von Ex-FBI-Chef Robert Mueller in der Russland-Affäre in Beziehung setzt.

„Nimmt uns Arbeit ab“

Dort ist gut dokumentiertes Allgemeingut, dass Trump auch durch Fake News-Tsunamis, die von Kreml-nahen Saboteuren in eine unterdurchschnittliche informierte und leichtgläubige US-Öffentlichkeit gespült worden waren, ins Amt kam. Dass die Russen Trump schmutziges Material über Hillary Clinton zuschanzen wollten. Dass Kern-Figuren aus Trumps innerstem Zirkel mit Moskau regelmäßig dubiose Kontakte unterhielten.

Was zu der bis heute unbeantworteten Frage führt: Hat Putin Trump in der Hand? In Washington gibt es viele kundige Stimmen, die das glauben. Anders sei die Forderung, das wegen der Krim geächtete Russland bedingungslos wieder in den Kreis der G 7 aufzunehmen, nicht zu deuten. Ebenso das mutwillige Beschädigen der NATO. Dass Trump noch dazu das Klimaschutzabkommen kündigt, durch einseitige Zölle Chaos im globalen Handel erzeugt, gegen Migration hetzt und Menschenrechtsverletzungen als Kavaliersdelikte abtut, spiele Putin zusätzlich in die Hände. „Trump ist ein Rammbock, der die eigenen Eliten und Institutionen, die NATO die EU und die Medien immer wieder sturmreif schießt. Das nimmt uns die Arbeit ab“, geben auf Steh-Empfängen in der US-Hauptstadt russische Diplomaten unumwunden zu.

Ihre These: Bei den zum Teil unter vier Augen geplanten Gesprächen in Helsinki werde Putin leichtes Spiel haben mit Trumps „Ignoranz, Eitelkeit und Selbstgefälligkeit“. Dass der russische Präsident substanzielle, nachprüfbare Zugeständnisse mache, mit denen sich Trump sehen lassen könne, sei „nahezu ausgeschlossen“.

Trump ficht das nicht an. Er hält sich, wie immer, für den gewiefteren Poker-Spieler. „Wir werden uns gut verstehen“, sagt er vor der Landung in der finnischen Hauptstadt.

Trump über Putin – Putin über Trump: (un)klare Verhältnisse

„Glauben Sie, Putin kommt zum Wettbewerb? Und wenn ja, wird er mein neuer bester Freund?“
Trump im Juni 2013 vor seinem Miss Universe Show im November in Moskau

Putin ist ein harter Typ. Ich habe ihn einmal kennengelernt.“
Trump im Oktober 2013

Putin könnte nicht netter gewesen sein. Man muss ihm einfach Anerkennung zollen dafür, was er für sein  Land in Sachen Prestige macht.“
Trump im April 2014 über den Miss Universe Event im November 2013

Putin ist in der Ukraine noch nicht fertig. Die USA  müssen Stellung beziehen. Putin ist zu einem ganz schönen Schrecken geworden.“
Trump im Juli 2014

 „Putin hasst uns. Er hasst Obama, uns hasst er nicht. Ich glaube, er würde mich mögen.“
Trump im April 2015

Putin ist eine nettere Person als ich.“
Trump im September 2015

Trump ist eine kluge Person, ohne Zweifel. Er ist eine herausragende und talentierte Persönlichkeit.“
Putin im Dezember 2015

„Ich habe keine Beziehung zu Putin, außer, dass er mich ein Genie genannt hat. Und dass er sagt, ich werde Führer der Partei sein und Leader der Welt oder so.“
Trump im Wahlkampf, Februar 2016  

„Ich habe Putin nie getroffen. Ich weiß nicht, wer Putin ist. Er hat einmal etwas Nettes über mich gesagt. Er sagte, ich sei ein Genie.“
Trump im Juli 2016

Trump ist ein erfahrener Geschäftsmann. Er ist noch nicht lange in der Politik, aber er lernt schnell.“
 Putin gegenüber NBC im März 2018

“Man kann mit ihm verhandeln und Kompromisse finden. Er ist ausgeglichen, kommt schnell zur  Quintessenz  und kann gut zuhören.“
Putin im März 2018

Donald Trump und ich haben uns öfter als einmal bei internationalen Veranstaltungen getroffen und wir sprechen regelmäßig am Telefon.“  
Putin über Trump im ORF im Juni 2018

Putin ist gut. Wir sind alle gut.“
Trump im Juli 2018, NATO-Meeting