1981 bei einer Militärparade erschossen: Ägyptens Anwar Sadat

© APA/Farouk Imbrahim

50 Jahre nach Kennedy
11/17/2013

Politiker leben gefährlich

Attentate, die die Welt bewegten.

von Georg Markus

Der Kennedy-Mord bewegt die Menschen auch nach 50 Jahren noch wie kaum ein anderes politisches Verbrechen. Dabei ziehen sich Attentate wie ein roter Faden durch die Weltgeschichte. Der Schock nach einer solchen Tat löst in der Bevölkerung gewaltige Emotionen aus, die mitunter sogar Kriege zur Folge haben. Es ist die besondere Tragik unserer Zeit, dass die Mehrheit der politischen Opfer aufrechte Demokraten waren – wohl weil sich Tyrannen besser schützen lassen.

30 Attentate auf Hitler

So wurden auf Hitler 30 Anschläge verübt, die er alle überlebte, und auch Italiens „Duce“ Mussolini überstand 1926 innerhalb von sechs Wochen zwei Attentate.

Die USA hingegen verloren vier Präsidenten durch Mordanschläge: Abraham Lincoln, der sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzte und ein Vorkämpfer zur Gleichberechtigung der Rassen war, wurde 1865 von einem fanatischen Schauspieler erschossen. Gewaltsam starben auch die Präsidenten William McKinley und James Garfield, der 1881 von einem Mitstreiter getötet wurde, weil er den erhofften Posten als Generalkonsul in Paris nicht bekam.

Kennedy und Reagan

Vier Jahre nachdem John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas durch die Schüsse Lee Harvey Oswalds starb, wurde sein Bruder Robert im Wahlkampf von dem Jordanier Sirhan Bishara Sirhan ermordet. Ronald Reagan überlebte 1981 das Attentat eines Psychopathen, wobei „der Präsident wesentlich schwerer verletzt war, als offiziell bekannt gegeben wurde“, erklärte Außenminister Alexander Haig Jahre später. In der Reihe der politischen Opfer in den USA findet sich auch der schwarze Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King, der 1968 während einer Ansprache auf einem Hotelbalkon in Memphis/ Tennessee durch mehrere Schüsse tödlich verletzt wurde. Die Nachricht seines Todes löste Rassenunruhen aus, bei denen Dutzende Menschen ums Leben kamen.
Ja, und dann wäre da noch Schwedens Ministerpräsident Olof Palme, der 1986 nach einem Kinobesuch in Stockholm erschossen wurde. Der Mord konnte nie geklärt werden. Oder der italienische Ministerpräsident Aldo Moro, dessen Leiche im Mai 1978 im Kofferraum eines Autos gefunden wurde, nachdem er von Mitgliedern der „Roten Brigade“ entführt worden war.

Im Vatikan verübte 1981 der türkische Rechtsextremist Ali Agca ein Attentat auf den im offenen Papamobil über den Petersplatz fahrenden Papst Johannes Paul II. und verletzte ihn lebensgefährlich. Ein Untersuchungsausschuss im italienischen Parlament kam zu dem Ergebnis, der Anschlag sei im Auftrag der Sowjetunion organisiert worden, weil der Papst für die antikommunistische Gewerkschaft Solidarność in Polen eingetreten sei.

Gefahr für Franziskus

Erst diese Woche erklärte der leitende Staatsanwalt in Kalabrien, dass auch Papst Franziskus gefährdet sei, da er den Machenschaften der Mafia den Kampf ansagte.

Besonders dramatisch ist die Bilanz unter den Politikern des Mittleren und Nahen Ostens: 1951 fiel Jordaniens König Abdullah den Schüssen eines Geisteskranken zum Opfer, und 1975 wurde König Faisal von Saudi-Arabien im Zuge einer Familienfehde von seinem Neffen ermordet. Sechs Jahre später schossen Soldaten der eigenen Armee auf den ägyptischen Präsidenten Anwar Sadat. Er büßte seine Bemühungen um den Frieden ebenso mit dem Leben wie Israels Premier Jitzhak Rabin, der 1995 von einem israelischen Rechtsextremisten getötet wurde. Bei dem 2004 verstorbenen Palästinenserführer Jassir Arafat wird derzeit von mehreren Kommissionen geprüft, ob er durch radioaktives Polonium vergiftet wurde.

Drei Mal Gandhi

Eine blutige Spur zieht sich durch die Geschichte Indiens. 1948 wurde der Freiheitskämpfer und Staatsgründer Mahatma Gandhi von einem fanatischen Hindu ermordet, 1984 schossen Mitglieder ihrer Leibgarde auf die (mit Mahatma Gandhi nicht verwandte) Ministerpräsidentin Indira Gandhi und sieben Jahre später wurde ihr Sohn und Nachfolger Rajiv Gandhi von einer Selbstmordattentäterin getötet.

Der politische Mord ist so alt wie die Politik. Griechische Tyrannen wurden Opfer ihrer Herrschsucht, und den römischen Imperator Julius Caesar stachen die eigenen Leute nieder, darunter sein enger Vertrauter Brutus. Kamen die Täter an die Macht, fanden sie in vielen Fällen ein ähnliches Ende.

Während es psychisch kranken Attentätern meist darum geht, Aufmerksamkeit zu erzielen – und kein anderes Verbrechen kommt diesem Wunsch so sehr entgegen wie der Anschlag auf einen Politiker – glauben politisch motivierte Täter, durch Mord und Terror „die Welt verändern“ zu können.

Die Welt verändern

Tatsächlich gelungen ist das durch das wohl folgenschwerste Attentat aller Zeiten: Der Mord am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand führte 1914 nicht nur zum Ersten Weltkrieg und zum Ende der Monarchie. Er veränderte die Geschichte des 20. Jahrhunderts, kann man doch davon ausgehen, dass Hitler nicht an die Macht gekommen wäre, hätten in den 1930er-Jahren die alten Monarchien noch existiert. Ein einzelner Täter hat in Sarajewo die Weltgeschichte bestimmt.

Zwei Jahre nach Sarajewo erschoss Friedrich Adler, der Sohn des prominenten Sozialdemokraten Victor Adler, im Restaurant des Wiener Hotels „Meißl und Schadn“ den österreichischen Ministerpräsidenten Karl Graf Stürgkh, mit dessen Ermordung Adler die Wiedereinsetzung des entmachteten Parlaments erreichen wollte.

Doch ihre politischen Ziele konnten Attentäter nur selten verwirklichen. Auch die Ermordung von Bundeskanzler Dollfuß am 25. Juli 1934 brachte nicht den von den nationalsozialistischen Mördern erhofften Sturz der österreichischen Regierung. Vielmehr konnten die Putschisten überwältigt und verhaftet werden. Zum Ende der Ersten Republik kam es dann vier Jahre später.

Nittel, Wagner, Zilk

In der Zweiten Republik sind drei politische Attentate vermerkt: Am 1. Mai 1981 töteten palästinensische Terroristen den Wiener Stadtrat Heinz Nittel, 1987 wurde Kärntens Landeshauptmann Leopold Wagner durch die Schüsse eines ehemaligen Schulkollegen schwer verletzt. Und 1993 verlor Bürgermeister Helmut Zilk durch den Anschlag des Briefbombenattentäters Franz Fuchs mehrere Finger einer Hand.

Es besteht kein Zweifel, dass Politiker zur meistgefährdeten Berufsgruppe zählen.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.