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Politik Ausland
02/05/2020

Sind die USA bereit für einen schwulen Präsidenten?

Jung, schwul, mit unaussprechlichem Namen: Pete Buttigieg hat Chancen, Donald Trump zu stürzen.

von Evelyn Peternel

"Pete", sagt er meist lächelnd, wenn er gefragt wird, wie man denn seinen Namen ausspricht. Pete Buttigieg (tatsächlich ausgesprochen Boot-edge-edge), 38 Jahre alt, Bürgermeister der 100.000-Einwohner-Gemeinde South Bend in Indiana, ist seit den Vorwahlen der Demokraten in Iowa der Überraschungskandidat – und plötzlich ein potenzieller Gegner für Donald Trump. Laut den letzten Ergebnissen liegt Buttigieg auf Platz eins der Demokraten-Kandidaten.

Nur: Kommt sein Sieg wirklich so überraschend? Und ist Buttigieg tatsächlich ein ernstzunehmender Gegner für Trump?

Das Gegenteil von Trump

Ja, ist er. „Er hat jedenfalls eine Chance, Trump zu schlagen“, sagt Yussi Pick, Politikberater aus Wien und Ex-Wahlkämpfer für Hillary Clinton. Der Glaube, die Wahl im Herbst sei schon längst gelaufen, Trump sei sowieso der sichere Sieger, sei einfach falsch, sagt er. „Das ist eine Überkompensation dafür, dass niemand Trumps Sieg vor vier Jahren vorausgesagt hat“, sagt Pick. Das allerdings ist wiederum ein Vorteil für den jungen Buttigieg. Unterschätzter als er kann man vielleicht gar nicht sein.

Bisher kannte man den 38-Jährigen nämlich nur als Lokalpolitiker aus dem Rust Belt, also jenem Gebiet, in dem seit der letzten Wahl mehrheitlich die Trump-Wählerschaft zu Hause war.  „Mayor Pete“, wie er sich selbst nennt, war im 100.000-Einwohner-College-Städtchen South Bend Bürgermeister, und das mit 29 Jahren. Er war  in Oxford und Harvard, spricht acht(!) Sprachen, war als Soldat in Afghanistan. Besser ausgedacht könnte eine Biographie für einen aufstrebenden Jungpolitiker kaum sein. 

„In vieler Hinsicht ist Buttigieg das genaue Gegenteil von Trump“, schrieb das Time Magazine – auf dessen Titelblatt war er dann auch mit seinem Ehemann zu sehen. Schwul ist Buttigieg nämlich auch, und er steht höchst offen dazu.

Ein schwuler Präsident?

Sind die USA reif für einen Präsidenten, der homosexuell ist? „Die Frage ist doch: Wird eher ein schwuler Mann Präsident als eine Frau?“, fragt Pick etwas zynisch. „Aber: Ja, denkbar ist es, denn da hat sich einiges verschoben. Vor vier Jahren war ein schwuler US-Präsident noch nicht vorstellbar.“

Für viele Wähler Trumps, der sich ja gerne in Männlichkeistphantasien ergeht, wäre das freilich nicht so leicht nachvollziehbar. Dazu kommt, dass der amtierende Präsident derzeit in Umfragen so beliebt ist wie nie. Dennoch wäre das bei einer Wahl Trump gegen Buttiegig ziemlich unerheblich – denn die Wähler Trumps brauche der demokratische Kandidat nicht, um zu gewinnen. In den USA gewinnt man – anders als in Europa – , indem man jene an die Urne holt, die zuvor nicht wählen waren. So machte es Obama, und Buttigieg will es ihm nicht nur in diesem Punkt gleichtun.

"Großkoalitionärer Sozialdemokrat"

Auch seine inhaltliche Agenda ist durchaus ähnlich wie die des Ex-Präsidenten.  Er fordert etwa einen verpflichtenden Mindestlohn, die Staatsbürgerschaft für Migranten ohne Papiere oder auch die Ausweitung des Supreme Courts, um die dortige republikanische Mehrheit zu brechen. „Er ist nicht klassenkämpferisch wie Sanders, sondern stellt geschickt Fragen, wie die Republikaner das System untergraben haben“, sagt Pick. „Inhaltlich könnte man sagen, er ist ein großkoalitionärer Sozialdemokrat.“

Sein moderates Programm  könnte ihm auch helfen, den eigentlich als Favorit gesetzten Demokraten abzuhängen. Joe Biden,  Ex-Obama-Vize, landete in Iowa nämlich nur auf Platz vier. „Mit ihm teilt sich Buttigieg die meisten moderaten Wähler und Wählerinnen“, sagt Pick, und die gilt es jetzt zu holen. Iowa sei für Biden jedenfalls ein „Warnsignal gewesen.“

Die andere Konkurrenz, die er zu schlagen hat, ist Linken-Ikone Bernie Sanders; mit ihm liegt er in Iowa Kopf an Kopf. Mit ihm gilt es nun den Kampf um die Wählergruppen auszufechten. Bei den „Suburbans“, den Vorstädtern etwa, liegen beide hoch im Kurs; abgeschlagen ist Buttigieg noch bei den afroamerikanischen Wählern – und das sind eine Menge.

Ein bisschen Obama

Der Weg für Buttigieg ist also noch weit. Helfen wird ihm, dass er ein wirklich guter Wahlkämpfer ist, ein „inspirierender Kandidat“, wie Pick es formuliert, der dazu über ein höchst professionelles Kampagnenteam verfügt und wirklich gut im Spendensammeln ist. Auch ein bisschen Obama steckt in ihm, sagt auch Politikberater Pick; und das sieht man nicht nur an den geschickt inszenierten Fotos. „Obama war in der Rhetorik auch progressiv, im Handeln aber eher pragmatisch.“

Dazu kommt Buttigiegs Alter: Mit 38 ist er nicht nur mit Abstand jüngste Kandidat im beinahe geriatrischen Demokratenfeld, er ist auch fast halb so alt wie Trump. Ein solches Setting hat für die Demokraten schon öfter funktioniert: Sie gewinnen nämlich meist, wenn sie einen charismatischen, etwas unkonventionellen und vor allem jungen Kandidaten haben, lautet eine der Lehren der Präsidentschaftswahlen. Bei  Kennedy, Carter, Clinton und    Obama war das so, bei Buttigieg könnte sich die Geschichte wiederholen.

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