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Politik Ausland
01/12/2022

Party-Boris räumt Fehler ein, bleibt aber massiv unter Druck

Die Rufe nach dem Rücktritt des britischen Premierministers Boris Johnson werden nach neuen Enthüllungen rund um Lockdown-Partys lauter.

von Georg Szalai

„Ich möchte mich entschuldigen“. Mit diesen Worten brach der britische Premier Boris Johnson, ungewohnt gedämpft, am Mittwoch sein Schweigen zur Eskalation der „Partygate“-Affäre über Lockdown-Feste von Regierungsmitarbeitern. „Ich verstehe die Wut, die Leute für mich und meine Regierung empfinden“.

Nach Berichten von Weihnachtsfeiern 2020, die seine Beliebtheitswerte zu Jahresende sinken ließen, überschwemmt ihn seit Wochenbeginn eine neue Welle der Empörung. Anlass: eine Gartenparty mit Dutzenden Angestellten, Johnson und seiner jetzigen Gattin Carrie im Amtssitz Downing Street 10 im Mai 2020. In einer Medien zugespielten Einladung an rund 100 Leute hatte Johnsons Privatsekretär dazu aufgerufen, das „schöne Wetter zu nutzen“ und selbst Alkohol für „Drinks mit Abstand“ mitzubringen.

Damals durfte man aber unter Englands Lockdown-Regeln mit wenigen Ausnahmen nur eine Person aus einem anderen Haushalt im Freien treffen und musste zwei Meter Abstand halten.

„Nicht richtig gemacht“

Johnsons Schuldeingeständnis kam – spät – zu Beginn der wöchentlichen Fragestunde im Parlament. Der Premier gab zu, die Zusammenkunft besucht zu haben, um sich bei Kollegen zu bedanken, habe aber geglaubt, es handle sich um ein Arbeitstreffen und sei nach 25 Minuten in sein Büro zurückgekehrt statt alle in ihre Büros zu schicken. „Wir haben manches nicht richtig gemacht, ich muss die Verantwortung übernehmen“, entschuldigte sich Johnson „von Herzen“, weil Millionen Briten „außergewöhnliche Opfer“ bringen mussten.

Labour-Chef Keir Starmer nannte die Entschuldigung „wertlos“ und „beleidigend“ und rief, wie auch andere Oppositionspolitiker, Johnson zum Rücktritt auf. „Der Premier ist ein Mann ohne Scham“, meinte er, „die Party ist vorbei.“ Auch „Treten Sie ab“-Rufe waren zu hören.

Johnson wollte davon vorerst nichts wissen und bat, die Ergebnisse einer internen Untersuchung mehrerer angeblicher Lockdown-Partys abzuwarten. Ob sein Versuch angesichts wachsender Wut in der Bevölkerung und auch in seiner konservativen Tory-Partei erfolgreich sein kann, bezweifeln Beobachter. Viele sehen seine Entschuldigung eher als Versuch, Zeit zu gewinnen.

Laut BBC traf der Premier danach Abgeordnete, um für deren Unterstützung zu werben. „Man kann nicht Chef einer Regierung sein, die Leute auffordert, Regeln zu befolgen und bricht diese dann selbst“, hatte der schottische Tory-Chef Douglas Ross aber schon im Vorfeld gemeint.

„Schämt Euch“

Wie weitverbreitet der Unmut ist, zeigen letzte Umfragen. 66 Prozent sind für Johnsons Rücktritt, fand eine; in einer anderen sprachen sich 56 Prozent für seinen Abgang aus; selbst 42 Prozent der Tories sind dafür. Auch auf sozialen Medien teilen viele, die Corona-Regeln befolgten und Familienmitglieder verloren, Ärger und Frust: „Ich musste damals durch ein Fenster mit meiner Mutter sprechen“, die im August 2020 starb, twitterte etwa Hugh, „aber in Downing Street feierten sie eine Party. Schämt Euch“.

Der Premier fand sich sogar in der Kritik von ihm sonst nahe stehenden Zeitungen. Sein Sorry sei „bei Weitem nicht genug“, kritisierte etwa der Telegraph. Davor hatte er getitelt: „Johnson verliert Unterstützung der Tories“.

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