Politik | Ausland 30.11.2016

Ost-Aleppo: Zehntausende auf der Flucht, bis zu 250.000 könnten noch folgen

Flüchtlinge in West-Aleppo – die Angst ist groß vor Kollektivbestrafung durch das Regime. © Bild: REUTERS/SANA

Bombardement.Die Massenflucht aus Ost-Aleppo ist in vollem Umfang angelaufen: Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden seit Beginn der Bodenoffensive der Armee und dem Kollaps der Verteidigung der Rebellen mehr als 60.000 Menschen vertrieben. 30.000 sollen sich in ein von kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG gehaltenes Viertel im Norden der Stadt gerettet haben, 20.000 in von der Regierung gehaltene Viertel der Stadt. Mindes-tens 15.000 Menschen seien in von Rebellen gehaltene Gebiete Ost-Aleppos geflohen. Laut russischen Angaben will die syrische Regierungsallianz die verbliebenen Viertel unter Rebellen-Kontrolle bis Ende des Jahres einnehmen. Über der Stadt wurden Flugzettel abgeworfen mit dem Inhalt: "Wenn sie dieses Gebiet nicht umgehend verlassen, werden sie vernichtet."

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Der bisherige Beschuss der östlichen Stadtviertel könnte ein Vorgeschmack darauf sein, was bevor steht. In großem Umfang wurden Streumunition, Brandmunition, bunkerbrechende Bomben, durch die auch Keller nicht mehr sicher sind, und verschiedensten Quellen zufolge auch chemische Waffen eingesetzt. Beschossen wurden Schulen, Spitäler, Begräbnisprozessionen, für das Gebiet bestimmte Hilfskonvois (19. September) und zuletzt auch Flüchtlingskolonnen. 21 Flüchtlinge starben bei einem Angriff am Mittwoch durch Artilleriebeschuss. Bei einem Luftangriff am Vortag waren es zehn Menschen. Nahrung und medizinische Güter sind zur Neige gegangen. Geschätzt wird aber, dass sich noch 200.000 bis 250.000 Zivilisten in den von Rebellen gehaltenen Zonen der Stadt aufhalten.

Was viele von Flucht abhält, ist oft die Angst vor Kollektivbestrafung. Hunderte Flüchtlinge sollen in West-Aleppo festgenommen worden sein. Von 300 fehlt laut Menschenrechtlern jede Spur. "Rache ist eine Tradition bei uns", schreibt ein Mann im Westen und fügt an: "Leider". Denn groß sei das Risiko, dass der Krieg damit erst recht neuen Schwung erhält – auch wenn die Rebellen eine Niederlage erlitten hätten.

( kurier.at ) Erstellt am 30.11.2016