Mayer-Schönberger: Datenschutz in der EU ist nicht ausreichend.

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Interview

Experte warnt vor „Diktatur der Daten“

Nach NSA-Affäre: Mayer-Schönberg, der die EU-Kommission in Datenfragen berät, über Chancen und Risiken von „Big Data“.

von Margaretha Kopeinig

12/16/2013, 06:00 AM

Viktor Mayer-Schönberger, 47, Professor am Oxford Internet Institute, findet, dass der Datenschutz in der EU „nicht ausreichend“ sei. Der Österreicher ist Konsulent der EU-Kommission für Datenschutz.

KURIER: Die NSA-Affäre hat viele Bürger aufgeregt. Dürfen Geheimdienste Politiker-Handys und EU-Institutionen abhören?

Viktor Mayer-Schönberger: Geheimdienste haben immer Regierungen anderer Länder ausspioniert. Insofern ist das Abhören von Merkels Telefon oder von EU-Institutionen wenig überraschend. Neu ist die systematische Überwachung, wie dies die NSA offenbar getan hat. Das übersteigt bisher bekannte Spionagetätigkeiten.

Sie haben die EU-Gesetzgebung zum Datenschutz mitbestimmt. Sind die EU-Regelungen für den Datenschutz ausreichend?

Nein, das sind sie nicht. Die nun in Brüssel diskutierte Datenschutz-Verordnung ist ein wichtiger Schritt, weil damit der Datenschutz europaweit vereinheitlicht wird. Aber es ist kein großer Wurf, weil der Datenschutz einem System des 20. Jahrhundert verhaftet bleibt. Die EU geht davon aus, dass die Menschen selbst Datenschutz durchsetzen können. Das ist absurd. Um im Zeitalter von Big Data die Bürger effektiv zu schützen, müssen die Verarbeiter von Daten, also Google und Facebook, die ohnehin wirtschaftlich von den Datenströmen am meisten profitieren, viel stärker in die Verantwortung genommen werden. Der Fokus muss auf der Verwendung der Daten, nicht bloß auf die Sammlung der Daten gerichtet werden.

Die EU verhandelt gerade mit den USA über neue Datenschutzbestimmungen – welches Ergebnis ist zu erwarten?

Die Gespräche sind Teil der Verhandlungen zu einem Freihandelsabkommen. Dabei darf Europa nicht vergessen, dass Daten das neue Gold sind. Daten vor Missbrauch zu schützen, ist ein wichtiges Ziel der Verhandlungen. Kann das nicht erreicht werden, sollte sich Europa genau überlegen, ob es ein Freihandelsabkommen mit den USA will.

Was kann sich der Normalbürger unter Big Data vorstellen?

Big Data erlaubt etwa Amazon-Produkte zu empfehlen und damit 30 Prozent seines Umsatzes zu machen. Google kann damit Suchergebnisse liefern und Text und Webseiten automatisch in Dutzende Sprachen übersetzen. Zustellunternehmen wie FedEx und UPS können ihre Zustellautos mit Big Data auf der Basis von vorhergesagten Schäden warten, es können Teile getauscht werden noch bevor diese wirklich kaputtgehen. Und das geht auch beim Menschen: Krankheiten können erkannt werden, noch bevor erste Symptome auftreten. Big Data erlaubt uns, bessere Entscheidungen zu treffen.

Wird Big Data unser Leben revolutionieren?

Wir werden die Wirklichkeit mit anderen Augen sehen. Das bedeutet auf der einen Seite bessere Entscheidungen. Auf der anderen Seite können die Datenanalysen aber auch missbraucht werden. Dann würden wir uns in einer Diktatur der Daten wiederfinden, in der nur die Daten zählen, und Originalität, Kreativität und Irrationalität – also alles zutiefst Menschliche – verloren ist. Genau davor müssen wir uns schützen.

BUCHTIPP Mayer-Schönberger, Viktor: „Big Data: Die Revolution, die unser Leben verändern wird“, Redline Verlag, 2013, 24,99 Euro.

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