Für Kim Jong-un kam der Krieg wie ein Geschenk des Himmels
Nordkoreas Diktator Kim Jong-un begrüßt nordkoreanische Soldaten, die in Russland im Einsatz waren
Vorbei die Zeiten, als bildhübsche nordkoreanische Polizistinnen auf Pjöngjangs breiten Boulevards den nicht vorhandenen Verkehr geregelt haben. Alle paar Sekunden drehten sie sich zackig um die eigene Achse, winkten mit den Wimpeln - während höchstens alle paar Minuten ein einsames Auto durch die leeren Straßen der nordkoreanischen Hauptstadt rollte.
Ganz anders dagegen das Bild heute: In Pjöngjang schießen Wolkenkratzer in die Höhe, auf den Straßen kommt es gelegentlich schon zu Staus. Auf Satellitenbildern der nächtlichen Hauptstadt wirkt das bis vor wenigen Jahren noch kaum beleuchtete Pjöngjang heute drei Mal heller als noch vor wenigen Jahren. Woher kamen die Mittel für den sichtbaren Aufschwung im isoliertesten Land der Welt?
Neue Wolkenkratzer in Pjöngjang
Zumal Diktator Kim Jong-un sich noch 2020 demütig per Video entschuldigt hatte: „Meine Bemühungen und Hingabe waren nicht ausreichend, um unser Volk aus seinen schwierigen Lebensverhältnissen herauszubringen“, klagte er sichtlich berührt.
Der Krieg brachte die Wende
Die Wende kam in Form des Krieges - Russlands Angriff auf die Ukraine. Bereits wenige Monate nach Kriegsbeginn begannen sich die Munitionslager der russischen Armee zu leeren. Kremlherr Wladimir Putin bat den bis dahin eher belächelten Kim Jong-un um Hilfe - und Nordkorea schickt seither Güterzüge mit Millionen Artilleriegranaten an die russische Front, Kurzstreckenraketen, Panzerabwehrraketen und neuerdings auch Drohnen. Fast die Hälfte des russischen Bedarfs an 122- und 152-mm-Artilleriegeschoßen stammt mittlerweile aus den hochgefahrenen, rund um die Uhr arbeitenden nordkoreanischen Waffenfabriken. Zudem entsandte Nordkorea 15.000 Soldaten - weitere 50.000 Mann könnten auf Wunsch Putins bald folgen.
Kim Jong-un an der Seite der Mächtigen: Russlands Präsident Putin, Chinas Staatschef Xi Jinping
Wie viele von ihnen bisher starben, lässt sich nur schätzen, Südkoreas Geheimdienst spricht von bis zu 6.000 Toten. Für jeden Gefallenen zahlt Moskau extra, nicht an die Familien des Verstorbenen, sondern ans Regime in Pjöngjang.
Für Nordkorea ist Russlands Krieg in jeder Hinsicht ein Mega-Geschäft. Moskau revanchierte sich mit Öl, Weizen, Fleisch und sehr viel Cash: In den vergangenen vier Jahren soll Kim Jong-uns Regime rund 22 Milliarden US-Dollar aus Russland gescheffelt haben.
Gewaltige Summen für ein Land, dessen gesamte Jahreswirtschaftsleistung selten 27 Milliarden Dollar erreicht. „Russlands Krieg ist jetzt eine Haupteinnahmequelle für Nordkoreas Wirtschaft“, schildert der südkoreanische Verteidigungsexperte und Abgeordnete Kang Daesik der Agentur Bloomberg.
Diktator Kim Jong-un mit seiner Tochter
Dieser plötzliche Geldfluss dürfte dem Land, das bisher zu einem der ärmsten der Welt zählte, im Vorjahr zu einem überraschenden Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent verholfen haben.
Kim Jong-uns neues Ansehen
Und nicht nur das: Kim Jong-un, früher von Peking aus als lästiger Provinzdiktator gesehen, als dessen Hauptaufgabe es galt, das arme Nordkorea vor einem Zusammenbruch zu bewahren und bloß keine Flüchtlinge nach China zu lassen, wird plötzlich auch von China ernst genommen. Die neue Lebensader zu Moskau sichert Nordkorea ein wirtschaftlich wichtiges Standbein, die übermächtige Abhängigkeit vom großen Bruder China wurde gemildert. Peking ließ sogar von seiner Forderung ab, dass der kleine Nachbar keine Atomwaffen haben dürfe.
Geschickt jongliert der übergewichtige Diktator zwischen den beiden großen Nachbarmächten. Geld und diplomatisches Ansehen haben auch seine Macht im eigenen Land gestärkt. Seine Alleinherrschaft ist unangefochten. Nordkoreas Atomprogramm läuft ungestört. Das Land hat sich vom Bittsteller zum Waffenlieferanten entwickelt. Die Sanktionen sind de facto wirkungslos.
Ein Teil der neuen Finanzmittel floss in neue Wohnungen, Hotels, Einkaufszentren und nicht zuletzt sogar Luxus-Ferienressorts - freilich nur für die dem Regime genehme Elite der Hauptstadt.
Neue Ferienressorts an der nordkoreanischen Küste - freilich nur für die regimetreue Elite des Landes
„Nordkorea steht heute so gut da wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, weiß einer der besten Nordkorea-Kenner, der in Südkorea forschende Experte Andrei Lankov.
Als eines der stärksten mit Sanktionen belegten Länder der Welt hat sich Nordkorea sein Geld bisher meist mit Kryptobetrug organisiert. Mehr als zwei Drittel aller weltweiten Kryptobetrugsfälle sollen auf mit Pjöngjang verbundene Hackergruppen zurückgehen. Ihre Aktivitäten werden anhalten, auch wenn das große Geld mittlerweile aus Russland fließt. Denn die militärischen Bande zu Russland liefern dem Land mehr als nur Milliarden: Kriegserfahrung, Know-how, Rüstung aus Russland, Wissen und neue Technologien. Von Südkorea aus beobachten Verteidigungsexperten mit Sorge, wie Nordkorea aufrüstet, seine Armee modernisiert, neue Kriegsschiffe baut, Raketen testet.
Nordkoreanischer Raketentest
Das reichere Nordkorea, so befürchtet man südlich des 38. Breitengrades, ist auch ein gefährlicheres.
Dass sich für die 26 Millionen Bewohner Nordkoreas mit dem neuen Reichtum ein Fenster zur Außenwelt öffnet, ist hingegen nicht absehbar. Nur in der Hauptstadt wird das Leben für die dem Regime treu ergebenen Menschen ein wenig leichter, auf dem Land herrscht weiter bitterste Armut. Und auch die neuen Smartphones aus heimischer Produktion, mit denen ihre Besitzer in einer Art nordkoreanischem, strikt zensierten Intranet surfen können, dienen vor allem der Kontrolle des Regimes. Alle fünf Minuten werden Screenshots der Nutzeraktivität angefertigt und an die Behörden gesendet. Mehr Reichtum und mehr Moderne werden so zu den nächsten Instrumenten von Kim Jong-uns Repression.
Kommentare