Politik | Ausland
08.09.2017

Nordkorea hat die viertgrößte Armee der Welt

Die konventionelle Ausrüstung der 1,2 Mio. Soldaten ist aber veraltet.

Formal befinden sich Süd- und Nordkorea nach wie vor im Krieg. Der Konflikt in den 50er-Jahren mit den USA als Vertreter der UNO auf der einen Seite und China auf der anderen Seite im Hintergrund endete in einem Waffenstillstand, einen Friedensvertrag gibt es nicht. Die Spannungen zwischen beiden Seiten dauern bis heute an und betroffen davon sind einige der zahlenmäßig größten Armeen der Welt.

Die Truppenstärke der nordkoreanischen Streitkräfte etwa beläuft sich laut einer aktuellen Studie des Internationalen Instituts für strategische Studien (IISS) auf ungefähr 1,2 Millionen Soldaten. Das mache sie nach China, Indien und den USA zur viertgrößten Armee der Welt. Noch beeindruckender sei die Größe der Reservearmee Nordkorea von schätzungsweise 7,6 Millionen Menschen. Demnach wäre jeder vierte Einwohner Nordkoreas den Truppen zuzurechnen.

Nordkoreas Propagandaorgan "Rodong Sinmun" berichtete außerdem, dass seit der Verschärfung der UNO-Sanktionen vom August dieses Jahres rund 3,5 Millionen Nordkoreaner einen Antrag gestellt hätten, sich dem Militär anschließen zu können. Unterstützt wird diese Massenarmee laut der IISS-Studie von 3.500 leichten Panzern und 550 Kampfflugzeugen. In Seegefechten könne die nordkoreanische Armee mit 410 Kriegsschiffen und 70 U-Booten aufwarten.

Südkorea zahlenmäßig unterlegen

Das südkoreanische Militär umfasse demgegenüber lediglich 630.000 Soldaten. Darin bereits enthalten seien die derzeit etwa 30.000 in Südkorea stationierten US-amerikanischen Soldaten der Teilstreitkräfte Luftwaffe, Heer, Marineinfanterie und Marine. Der Hauptteil davon - etwa 20.000 Soldaten - sei der Achten US-Armee zuzurechnen und befinde sich in der nur 40 Kilometer von der Grenze zu Nordkorea entfernten Yongsan-Garnison in der Hauptstadt Seoul. Die US-Streitkräfte seien eng verzahnt mit dem südkoreanischen Militär. Gemeinsame Truppenübungen finden regelmäßig statt.

Auch wenn das stalinistische Regime im Norden dem demokratischen Süden zahlenmäßig stark überlegen scheint, ist deren Kriegsgerät doch stark veraltet, wie in einem Bericht des US-Verteidigungsministeriums aus dem Jahr 2015 dargelegt wird. So bestehe etwa der Großteil der nordkoreanischen Luftstreitkräfte aus älteren Modellen der russischen MiG-Serie der 1950er und 1960er-Jahre sowie einer großen Flotte der einmotorigen Doppeldeckerflugzeuge Antonow An-2 aus dem Zweiten Weltkrieg.

Den schätzungsweise 20 Atomsprengköpfen und einer Interkontinentalrakete Nordkoreas stehen laut IISS 6.800 Atomsprengköpfe und 450 Interkontinentalraketen der USA entgegen. Südkorea selbst verfügt über keine eigenen atomaren Sprengköpfe. Die USA haben außerdem auf dem Territorium ihres ehemaligen Weltkriegs-Feindes und heutigen Verbündeten Japan rund 50.000 ihrer Truppen stationiert. Hinzu kämen 6.000 US-Soldaten, die derzeit auf der westlichen Pazifikinsel Guam, einem Außenposten der USA, untergebracht seien. Im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung wäre Nordkorea laut IISS trotzdem nicht zu unterschätzen. Durch die zahlenmäßige Überlegenheit der Armee seien rasche Gebietsgewinne zu erwarten.

Überraschungselement

Im Buch "Korea - Gegenwart und Zukunft eines geteilten Landes" erklärt der Politikwissenschaftler und Korea-Experte Martin Guan Djien Chan, dass die nordkoreanische Armee auf einen Überraschungsangriff ausgelegt sei. Der Großteil der Streitkräfte sei in Frontnähe stationiert und mit ausreichend Munition und Proviant für einen Angriff ausgerüstet. Feindliche Spionagesatelliten würden damit keinen Aufmarsch bemerken. In der Vergangenheit seien in Südkorea darüber hinaus immer wieder Tunnel entdeckt worden, die ganze Regimenter in voller Ausrüstung unter der koreanischen Frontlinie hätten hindurchschleusen können.

Dennoch sei eine offene militärische Auseinandersetzung nicht sehr wahrscheinlich. "(...) ich erwarte nicht, dass es zu einem Angriff kommt. (US-Präsident Donald) Trump sucht diese Auseinandersetzung nicht. Seine Strategie besteht im Augenblick darin, maximalen Druck auf China auszuüben, damit China seinerseits Nordkorea unter Druck setzt", sagte der ehemalige Asien-Direktor des Nationalen Sicherheitsrates der USA, Victor Cha, vor kurzem in einem Interview mit "Spiegeln Online". Cha nahm dabei Bezug auf die wirtschaftliche Abhängigkeit Nordkoreas von China.

Die chinesische Armee ist ihrerseits laut IISS mit 2,2 Millionen Soldaten die größte Streitmacht der Welt. China, das Nordkorea im Korea-Krieg 1950-53 mit einer großen "Freiwilligen"-Armee von einer Million Mann unterstützt hatte, ist aber mittlerweile auf Distanz zu seinem früheren Verbündeten gegangen. Peking beschwichtigt in dem Konflikt und tritt für eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel ein.