Cor Schilder (li.) postete vor dem Flug ein Flugzeugfoto: „Falls es verschwindet: So sieht es aus.“ Menschen trauern vor seinem Blumengeschäft

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Niederlande
07/20/2014

Ein Land in Trauer und Wut

192 Niederländer waren an Bord von MH 17 – ihrer gedenkt jetzt eine ganze Nation.

von Philipp Hacker-Walton

Am 4. August sind wir wieder da, hatten sie auf den Zettel geschrieben, bis dahin schöne Ferien! Es ist nur wenige Tage her, dass Cor Schilder und Neeltje Tol diese Notiz an der Tür ihrer Blumenhandlung anbrachten, und doch scheint es unendlich weit weg. Donnerstagnachmittag begann in Volendam, 20 Kilometer von Amsterdam, eine neue Zeitrechnung; man wird hier noch lang Ereignisse in davor und danach einteilen.

Davor, das war, als Cor und Neeltje, beide Anfang dreißig und seit über zehn Jahren ein Paar, sich auf ihren Sommerurlaub auf Bali freuten. Kurz vor dem Start von Flug MH 17 hatte Cor noch ein Foto der Boeing auf Facebook gepostet, dazu die mittlerweile weltweit bekannten, scherzhaft gemeinten Worte: "Falls es verschwindet: So sieht es aus."

Im Danach trauert der Ort, legen Verwandte, Freunde und Bekannte vor dem Geschäft Blumen nieder, nehmen Abschied. Ein Bild zeigt Neeltje und Cor, wie man sie in Erinnerung hat: Lachend, ein glückliches Paar, das noch viel vor hatte im Leben.

192 Holländer an Bord

Szenen wie in Volendam spielen sich derzeit im ganzen Land ab: 192 Niederländer waren an Bord, als Malaysia Airlines Flug MH 17 Donnerstagnachmittag über der Ostukraine explodierte. In die Trauer mischt sich auch Wut. Ein Wort reichte der Zeitung De Telegraaf am Samstag für die Titelseite: "Mörder", dazu Bilder pro-russischer Separatisten, die für den Abschuss verantwortlich gemacht werden. "Dieser Anschlag darf nicht ohne Folgen bleiben", sagt Regierungschef Mark Rutte, der seinen Urlaub sofort abgebrochen hat. Eine unabhängig internationale Ermittlung soll der trauernden Nation Antworten liefern.

"Jeder kennt jemanden"

Ein ganzes Land steht unter Schock, "es ist, als ob jeder jemanden gekannt hat, der in diesem Flugzeug war", sagt Robert. "Ich habe zwei Freunde aus meinem Sportverein verloren, eine Mitschülerin meiner Freundin und auch ihre Volksschullehrerin war an Bord." Gut möglich, sagt Robert, dass er in den nächsten Tagen erfahren muss, noch mehr der Toten über ein, zwei, drei Ecken gekannt zu haben.

Auf dem Hotel, in dem er arbeitet, weht die Flagge auf Halbmast. Robert würde sich wünschen, dass man auch im touristischen Zentrum von Amsterdam ein Zeichen setzt: "Die Leute sitzen im Park, picknicken und feiern, als ob überhaupt nichts passiert wäre."

Trauer vor Terminal 3

Spürbar ist die Trauer vor allem am Flughafen Schiphol, von wo aus MH 17 am Donnerstag um 12:15 abgehoben hatte. Zahlreiche Angehörige kamen in den ersten Tagen nach dem Unglück hierher. Viele sind in die Ukraine geflogen, andere wurden in Flughafen-Hotels untergebracht, wo sie – abgeschirmt von der Polizei – von Psychologen und Ärzten rund um die Uhr betreut werden.

Blumen und Kerzen

Vor der Abflughalle 3, in der Malaysia Airlines ihre Flüge abfertigt, wurde eine provisorische Trauerzone eingerichtet: Die Menschen bringen Blumen und Fotos von Passagieren; "Ruhe in Frieden" steht auf einer Karte, "Das hätte nie passieren dürfen" auf einer anderen. Kerzen brennen hier. Im Gedenken an die 80 Kinder, die an Bord waren, haben Menschen Teddybären und kleine Holzschuhe zwischen die Blumen gelegt. "Das hätten auch wir sein können", sagt Antje, die mit ihrer Familie in den Urlaub fliegt und sich davor, wie viele Passagiere heute, in das Kondolenzbuch vor Terminal 3 einträgt.

Im VIP-Center der Abflughalle verkündet ein Sprecher der Fluglinie vor der internationalen Presse die neuesten Erkenntnisse über den Unglücksflug und die Passagierliste. Er listet noch einmal auf, wie viele Menschen welcher Nationalität an Bord waren.

Vor der Tür wurden und werden aus den Zahlen hunderte Einzelschicksale: Von der jungen Mutter mit drei Kindern aus der Kleinstadt Naarden bei Amsterdam wird erzählt; vom segelbegeisterten Großvater mit den drei Enkeln, deren Eltern nicht mit zurück nach Australien flogen, weil sie noch ein paar Tage länger in Amsterdam bleiben wollten; von der 14-jährigen Sherryl, die sich immer samstags als Obst- und Gemüseverkäuferin in einem Supermarkt das Geld für ihren Flug verdiente.

Samstagnachmittag erscheint auf der Anzeigetafel in Terminal 3 die nüchterne Bestätigung: Ein neuer Flug MH 17 hat Amsterdam Richtung Kuala Lumpur verlassen.