Israels Armee marschierte am Gaza-Streifen auf

© AP/Ariel Schalit

Politik Ausland
05/06/2019

Nahost: Kurze Gewalt-Eskalation trübt Song-Contest-Laune nicht

In Israel laufen die Vorbereitungen für das Wettsingen nach dem Raketenhagel der Hamas weiter.

von Norbert Jessen

700 Raketen in zwei Tagen mit vier getöteten Israelis und zwölf toten Palästinensern. Und am frühen Montagmorgen plötzlich: Waffenstillstand? Feuerpause? Genau weiß es niemand. Doch für die Menschen in Israels Süden und im Gazastreifen ist erstmal Ruhe.

Keine 30 Kilometer nördlich ist alles wie gehabt. Die Menschen in der Landesmitte, sprich Tel Aviv, blieben vom Sirenenlärm diesmal verschont. Soll heißen: Die Vorbereitungen zum Eurovision Song Contest mit 17 Delegationen zum 1. Halbfinale begannen am Sonntag. Ungestört. Und sie lassen sich auch nicht von der Waffenruhe stören. Wer an den ersten Strandpartys in Tel Aviv teilnimmt, muss nur runter nach Süden schauen. Da liegt Gaza– auf Sichtweite.

Front und Freude

Der georgische Sänger Oto Nemsadze hat einen schärferen Blick. Er kommt selbst aus einem Konfliktstaat und weiß, wie fern und doch so nah Front und Freude sein können: „Alle hier lächeln dich an, sind aufmerksam, ich sehe aber auch, dass sie einen Schmerz verbergen.“

In der Messehalle laufen die Vorbereitungen, als gäbe es keine Raketen. Eldad Koblenz, Chef des öffentlich-rechtlichen Senders Kan: „Wir wollen Erwartungen nicht runterschrauben, um besser auszusehen. Wir wollen ganz klar den besten Song Contest seit eh und je.“ Doch die Organisatoren sind auch darauf vorbereitet, dass der Song Contest ausfallen könnte. Mit einer sehr hohen Ausfallversicherung.

Die hat Benjamin Netanyahu nicht. Er fällt als Israels Premier auch in Zukunft nicht aus, doch ist er derzeit nur Übergangspremier. Ein neues Kabinett entsteht gerade. Das alte darf in dieser Zeit keine einschneidenden Entscheidungen treffen.

Die radikal-islamische Hamas wusste wieder einmal genau, wie ein blutiger Konflikt provoziert, zugleich aber ein Krieg vermieden wird. Wie schon drei Mal im vergangenen Jahr erkaufte sich Netanyahu auch diesmal Ruhe. Yair Lapid von der Opposition: „Wir haben kein Übereinkommen. Wir haben kapituliert. Wieder erhält die Hamas neue Schutzgelder. Doch nach vier Toten ist klar: Israels Bürger sind ungeschützt.“

Deal Hamas-Israel

Dabei weiß niemand genau, wie die mit ägyptischer Hilfe vermittelte Regelung zwischen Israel und der Hamas aussieht. Es fließen wieder Dollarmillionen aus Katar nach Gaza. Mehr Waren dürfen über die Kontrollpunkte. Die Fischereizone wird ausgeweitet. Was aber ist mit den Protesten am Sperrzaun, bei denen auch Schüsse fallen? Sie haben auch die letzte Kampfrunde provoziert.

Das Kalkül der Hamas

Es gibt immer einen guten Grund für die Hamas, Hunderte Raketen auf Israel abzuschießen, wenn die Gelegenheit günstig ist. Wie Wahlkampf in Israel, hohe Feiertage oder eben jetzt der Song Contest.

Israels Geheimdienste raten Netanyahu seit langem, den Wirtschaftsboykott gegen die Hamas im Gazastreifen drastisch abzubauen. Er träfe die Menschen in Gaza, weniger die Hamas. Netanyahu könnte auch die Stromzufuhr für den Gazastreifen abstellen. Auch das würde die Zivilisten hart, sogar tödlich treffen. Die Hamas aber hat für ihre Einrichtungen Generatoren und geschmuggelten Treibstoff. Netanyahu scheut härtere Gegenschläge, aber auch wirtschaftliche Erleichterungen. Die kommen bei seinen rechten Partnern nicht gut an.

„Der Hass wird siegen“

Die Hamas weiß, wann sie losschlagen kann. Aber auch wann sie aufhören muss. Mit dem Song Contest zeigt Israel, dass es zu Europa gehört. Die Hamas könnte ihn ganz ausfallen lassen, würde sich dann aber in einem harten Nahost-Krieg wiederfinden. Den es nicht will. So laufen die Vorbereitungen zum ESC in Tel Aviv jetzt erst einmal weiter. In einer Woche, wenn der ESC beginnt, will die Hamas untersuchen, ob das unklare Abkommen auch eingehalten wird.

Und die Sänger aus aller Welt proben Tag und Nacht. Auch die isländische Gruppe Hatari mit dem Lied: „Der Hass wird siegen.“ Sie ist übrigens für einen Boykott Israels – dennoch aber nach Tel Aviv gekommen.