Politik | Ausland
12.09.2017

Heiner Geißler ist tot: Unbequem war er bis zuletzt

Der "große General" war anfangs Hardliner, später liberaler Quälgeist: Sein Wandel steht sinnbildlich für Merkels Partei.

Das letzte Mal sah man ihn beim Begräbnis Helmut Kohls, und selbst da war er anders als die anderen: Als Heiner Geißler in Speyer dem Sarg des ewigen Kanzler folgte, hatte er als Einziger keine Krawatte um. Nur einen Rollkragenpulli trug er, der immer Unbequeme der CDU. Nun ist der einst als Kohls "Kettenhund" verschrieene Politiker seinem langjährigen Weggefährten und späteren Kontrahenten gefolgt: Heiner Geißler ist nach kurzer Krankheit im Alter von 87 Jahren gestorben.

Bissiger Reformer

Was ihn ausmachte, wie er sich vom polemisierenden Scharfmacher zum beherzten Kämpfer gegen Ungleichheit wandelte, liest sich ein wenig wie die Geschichte der Partei, die er so stark geprägt hat.

1930 geboren stieß Geißler als junger Erwachsener zu einer CDU, die schon unter ihrem alternden Kanzler Adenauer litt. Schon von Beginn an verstand er, der sich dem Dienste Hitlers durch Desertion entzogen hatte, sich darum als Treiber, Modernisierer: Als rechte Hand Helmut KohlsGeißler bestand stets darauf, nicht unter, sondern neben ihm gearbeitet zu haben – verhalf er Kohl nicht nur ins Kanzleramt, sondern setzte später auch Reformen gegen allzu konservative Kräfte in der Union durch.

Ideengeber

Die Doppelrolle, die er so für die "Bonner Republik" spielen musste, schien ihm bestens zu gefallen. Einerseits gab er den "General", wie er später genannt wurde, der Ende der 1970er die SPD vor sich hertrieb – verbale Untergriffe inklusive: Die Genossen nannte er etwa "fünfte Kolonne der anderen Seite", unterstellte ihnen also, heimlich Politik im Sinne des Sowjet-Regimes zu machen; Ex-Kanzler Willy Brandt schimpfte später, er, Geißler, sei "seit Goebbels der schlimmste Hetzer im Land".

Andererseits gab er den Ideengeber vom linken CDU-Flügel: Als Familienminister führte er wegweisende Reformen wie Erziehungsgeld und Karenzzeit ein, warb schon 1987 für einen neuen "Kurs der Mitte mitsamt multi-kultureller Vision. Innerhalb der Partei stieß er damit aber auf Widerstand, vor allem bei seinem konservativen Förderer Kohl. 1989 endete dies im Bruch: Als der "General" den Putsch wagte und den Kanzler entmachten wollte, erwies sich das als fatal – Geißler verlor sein Amt. Die Retourkutsche folgte 1998: Geißler war einer der Ersten, der die Spendenaffäre der CDU öffentlich anprangerte und so Kohls Ende einleitete. Ein Schritt mit Folgen: Der ewig Unbequeme ebnete damit Angela Merkel den Weg – und der Fortsetzung des Kurses der Mitte.

"Unvergleichlich"

Freilich, auch Merkel blieb von ihm nicht verschont. "Wir waren wahrlich nicht immer einer Meinung. Aber das wäre ja auch langweilig gewesen", sagte sie gestern in einer Würdigung. Worte, die man ähnlich über alle Parteigrenzen hinweg hörte: Dass Geißler sich in seinen späten Jahren zum Kämpfer gegen Ungleichheit wandelte, sich bei den Globalisierungskritikern von Attac und als Streitschlichter bei Stuttgart 21engagierte , mache ihn zu einer "unvergleichlichen politische Persönlichkeit", so Bundespräsident Steinmeier.

Nur sein Konflikt mit Kohl, der ihn stets "Verräter" nannte, blieb bis zuletzt ungelöst. Ob es dazu noch was zu sagen gebe, wurde Geißler in einem seiner letzten Interview gefragt: "Nichts", sagte er da. Das letzte Ehre erwies er Kohl in Speyer dennoch.